Oktober 2005


Zum Kennenlernen des Projektlebens kann ich mich an den Suivis von Projekten hier im Raum Bamako beteiligen. Heute geht es in zwei verschiedene Stadtteile von Bamako - zuerst zum Projet d’appui à la promotion d’activités génératrice de revenus (atelier de teinture) au profit des femmes de Niamakoro - Sinebougou - Bamako, eine Initiative, die sich die Gründung eines Zentrums für Stofffärberei zum Ziel gesetzt hat, um die Einkommenssituation von Frauen zu verbessern. Ca. 30 Frauen haben sich im Innenhof eines großen Hauses versammelt, kleine Kinder wuseln zwischen ihnen herum und Ms Douda, der malische Homologe sowie meine Kollegin Katharina und ich werden von der Präsidentin der Organisation, Mme Doucouré Lall Samaké, begrüßt. Dann wird diskutiert, wie das Projekt läuft, ob die Organisation gut gestaltet ist und ob die Einnahmen den Hoffnungen entsprechen. Es geht u.a. darum, dass die Frauen gemeinsam bessere Preise für den Einkauf von Rohstoffen erzielen können und dementsprechend der Gewinn beim Verkauf der gefärbten Stoffe als höher erhofft wird.
Außerdem gibt es noch ein Tontien-System, das sind Kleinstkredite, die ohne Einschalten von Banken untereinander vergeben werden. Jede Frau, die der Association beitreten möchte, bringt einen Betrag von mindestens 2.000 FCFA (ca. 3 €) mit ein und hat damit Anspruch auf einen Kleinstkredit von maximal 10.000 FCFA, sofern das Geld grade in der Kasse ist. Es muss in einem bestimmten zeitlichen Rahmen zurückgezahlt werden, da sonst das Ganze gar nicht funktionieren kann. … Es gibt natürlich auch interne wie externe Schwierigkeiten, so u.a. die Konkurrenz einer ähnlich arbeitenden Gruppe, die aber bisher nur wenig Erfahrung mit dem Färben von Stoffen hat … aber auch mit der Perspektive, ein Ausbildungs- und Produktionszentrum einzurichten, ist es nicht so einfach: dazu bedarf es weiterer Unterstützung und die ist derzeit zumindest nicht sicher. ….
Nachmittags dann ein Gespräch mit einer kleineren Frauengruppe “Renforcement des capacités des femmes pour la production d’encens”, die Duftstoffe für die Verbesserung der Luft in den Häusern herstellt. Das Trefffen findet in Baco-Djicoroni, einem Stadtteil von Bamako, statt.
Die beiden verantwortlichen Kontaktpersonen, Mme Binto Diarra und Mme Hawa Ouattara begrüßen uns und berichten über den Stand der Dinge. Es sind 7 Frauen gekommen, der Altersdurchschnitt ist höher als bei der morgendliche Gruppe, die Wurzeln ihrer Initiative liegen im Aufstand Anfang der 90er Jahre, als Mali sich - nicht zuletzt durch aktives Engagement von Frauen - vom Militärregime befreite (Beim Marsch auf das Regierungsviertel 1991 gingen Frauen und Kinder voran, in der Hoffnung, dass die Soldaten nicht auf sie schießen würden - trügerisch, wie solche Hoffnungen sind, dennoch hätte es sicher bei anderem Vorgehen noch mehr Blutvergießen gegeben - heute erinnert ein Mahnmal gegenüber der alten Brücke an diesen 22. März 1991, sozusagen die 2. Befreiung).
Für diese Gruppe ist die Unterstützung wichtig, um die Produktion weiter zu entwickeln und die Vertriebswege zu verbessern. Mit einem Glas voll Weihrauch/Duftmischung als Geschenk und vielen Stichpunkten für den Bericht machen wir uns auf den Heimweg.

Der Karem/Rammadan neigt sich dem Ende zu, die zentrale Frage lautet: Wann wird die Fété sein - Mittwoch oder Donnerstag? Das hängt von einem Komitee ab, das in der entsprechenden Nacht den Aufgang des (Neu!?)-Mondes beobachtet und dann entscheidet, welcher Tag der der Feierlichkeiten ist … Dazu hoffe ich im Laufe der Zeit mal noch mehr herauszufinden.

Ein Samstag mit Urlaubsflair, wie er auch mal sein muss - im Hotel Salam am Pool und mit malischen Kindern im Pool, mit dem Kollegen aus Koulikourou mich unterhalten und einfach mal die Seele baumeln lassen - am Abend dann ein Anruf, dass es im Centre Culture Francaise einen Abend mit malischen Schauspielern gibt - das Französische war so schnell und literarisch, dass selbst langjährig hier lebende Deutsche Mühe hatten zu folgen, aber die schauspielerischen Leistungen kamen damit um so mehr zur Geltung … und die vielen Malier und Malierinnen im Publikum waren begeistert!

Das wird jetzt zum geflügelten Wort: Ist sicher in Bandiagara, das was ich grade suche - diese Woche ist irgendwie nicht so ganz so wie sie sein sollte, der Husten verschlimmert, ein leichter Durchfall sucht mich heim und am Mittwoch bin ich dann “zu Hause” geblieben und hab mich einfach nur ausgeruht. Hat gut getan und jetzt geht’s nicht nur mit dem Husten, sondern auch mit dem Magen wieder besser.

Bamako
Zurück vom Lande brauche ich erst mal den Samstag, um mich hier wieder einzufinden, der Staub, die vom Fluß her viel feuchtere Luft, die vielen Menschen und Fahrzeuge - ist schon im Weltenwechsel ein Weltenwechsel.
Spannend bleibt die Frage, ob das für mich in Bandiagara vorgesehene Haus bis Mitte November wirklich bezugsfertig ist, es muss innen noch gestrichen werden, Elektrizität ist noch nicht gelegt und auch das Wasser ist bisher nur auf dem Grundstück selbst, nicht im Haus vorhanden - bis dahin habe ich hier noch einen weiteren Französischkurs und etliche Termine mit den Partnerorganisationen in Bamako - und die Lektüre zahlreicher Projektbeschreibungen, Abrechnungsmodalitäten und Konzeptpapiere vor mir - könnte also eine längere Schreibpause werden.
Gestern hab ich mir in der Stadt ein Kleid schneidern lassen - es gibt halt wunderschöne Stoffe und in der Schneiderei sucht sich eine dann ein Modell nach einem Bild aus - geht noch ein bisschen was anderes einkaufen (in meinem Fall noch Bettlaken fürs Gästezimmer) und kann anschließend das fertige Produkt abholen. Leider war es etwas eng und zu lang, aber “pas de problem”, eine kleine Änderung und das Ganze sitzt perfekt. Es gibt Plastikstoffe, die hier sehr unangenehm sind, weil man unglaublich drin schwitzt, aber die aus Baumwolle sind sehr angenehm zu tragen und dieses Kleid ist natürlich eher was für besondere Anlässe ….

Die Rückfahrt von Bandiagara nach Bamako hat es schon in sich - wir hatten 8 Stunden lang die Klimaanlage an und davon habe ich jetzt einen richtig massiven Husten, der u.a. zur Folge hat, dass ich gleich mal mit dem Rauchen aufgehört habe. Gute Idee, sagen alle ringsum, zumal auch das “Handbuch für Gesundheit in Entwicklungsländern” (nicht zu verwechseln mit meinem Liebungs(hand)buch “Per Anhalter durch die Galaxis”, wobei das auch wichtige Tipps für fremde Umgebungen bereithält) vorschlägt, bei Husten sofort das Rauchen einzustellen. Gesagt - getan, zusätzlich habe ich noch Hustensaft von einer ONG gekauft, die sich auf einheimische Heilpflanzen spezialisiert hat, der hilft auch gut, denn die meisten Medikamente aus Deutschland sind ja schon in Bandiagara ….

Bandiagara
Meine Hauptaufgabe hier in Bandiagara wird die Gestaltung und Umsetzung des PAOA (Programme d’Appui aux ONG et Associations) sein. Dazu arbeite ich mit 2 ONG (Nichtregierungsorganisationen) zusammen: GAAS Mali (Groupe d’Animation Action au Sahel) und PASIB (Partenaire d’appui au service des initiatives de la base au Mali). Beide setzen bestimmte Programmteile um, so habe ich im Laufe der Woche die malischen KollegInnen von GAAS Mali kennengelernt. Sie arbeiten u.a. zu den Bereichen Jugend (Motivation von Eltern und Kindern zum Schulbesuch), Gesundheit (Hygienelehre, AIDS, Familienplanung), Bildung (Alphabetisierung besonders von Frauen, Fortbildungen zur Verbesserung der Einkommenssituation, z.B. Buchführungskurse) und Ernährungssicherung (z.B. Getreideboutique, neue Anbaumethoden, bessere Bewässerung). PASIB ist ein Dienstleister, der vor allem im Bereich Aus- und Weiterbildung und Schulung von MultiplikatorInnen tätig ist. Das Büro von PASIB liegt in Sévaré, ca. 50 km entfernt - diese Entfernung zum Arbeitsort ist mir ja vertraut, allerdings ist die Strecke sehr anders …. Die Verfahren der Projektentwicklung, Planung und Überwachung sind den unseren ähnlich, die Themen jedoch “fundamental” anders.
Die Armut ist sehr groß, aber die Menschen sind freundlich, nett und höflich - Bettelei ist verpönt und mit dem ded Auto unterwegs finden sich immer hilfsbereite Personen um den Weg zu zeigen. Die Orientierung fällt mir hier ungleich schwerer als in Bamako, denn es gibt keine großen Werbetafeln oder Hochhäuser oder große Magazine. Einzig und gut geeignet zur Orientierung in Bandiagara ist der Zustand der carrés, also der Pisten zwischen den Häusern. Sie sind sehr breit, werden gerne von Eseln, Hühnern, Enten und (in dem christlichen Ortsteil, in dem ich wohnen werde) von Schweinen bevölkert. Das kann auch beim Mondscheinspaziergang aufregend sein, wo es plötzlich unter/neben mir grunzt und ich erst mal die Taschenlampe suche, um festzustellen, dass in einem Loch in der Piste zwei Ferkel liegen …. Auch werde ich in der ersten Nacht durch lautes Schnarchen von draußen zuweilen geweckt, erweist sich am nächsten morgen als Schwein der Nachbarn ….
Das sind auch schon die einzigen Geräusche, morgens die Hähne - vor Sonnenaufgang natürlich auch der Muhedzin, Klar, dann schillernde Vögel und viele viele kleine Eidechsen, die genaugenommen, “schnaksen” und eben alle die anderen Geräusche, die dort besonders bewusst werden, wo ein Auto oder Moped nur äußerst selten zu hören ist. Dann gibt es in der näheren Umgebung noch 2 Hirsebierbars, da ist nicht jeden Abend was los, aber wenn, dann mit Musik und viel Gelächter und das hat dann auch wieder was….
Derzeit ist die Versorgungslage sehr gut, die Regenzeit ist grade vorüber, Gemüse wächst und gedeiht, dafür gibt es im Hochwasser nicht so viele große Fische, wie wir gestern auf dem Markt in Mopti erfahren haben.
Überhaupt Mopti, auch eine alte Hafenstadt am Rande des Pays de Dogon, ca. 60 km von Bandiagara - mitten im Nigerdelta, dem größten Binnendelta der Welt. Dort also wieder riesige Wasserflächen, Piroggen, Pinassen, vereinzelt größere Schiffe - eine wunderschöne Promenade und ein lebhafter Markt, für den nach der Arbeit leider viel zu wenig Zeit bleibt. Das wird also mal ein Wochenendausflug, wenn es mich nach Wasser gelüstet.
Weniger gut ist die Ernte in diesem Jahr ausgefallen. Die Hirse steht traurig gelb verfärbt auf den Feldern, dann hat es doch noch mal geregnet, aber dabei die Erdnussernte, die schon zum Trocknen auf den Dächern lag, versaut; für die Hirse war es definitiv zu spät - die heiße Zeit (April - Juli) könnte hier für viele Menschen sehr schwierig werden.

Bandiagara
Ich wollte ja mein Leben lang gerne aufs Land ziehen, dass sich das in Afrika manifestieren würde, wusste ich natürlich nicht.
Allein die Fahrt von Bamako nach Bandiagara ist ein Erlebnis. Nach ca. 300 km Station in Ségou, wo der Niger breit wie ein See ist und wir nach 3 Stunden Fahrt eine erste Pause machen. Im Morgenlicht ist das andere Ufer sogar zu sehen und an der Anlegestelle herrscht reges Treiben.
Ségou ist eine der “alten Städte” Malis, mit langer Tradition als Handelsplatz, in der Produktion von Stoffen und Töpferwaren und Sitz der Regionalregierung. Breite Alleen, große Häuser, etliche Hotels und eine hübsche Promenade machen die Stadt attraktiv. Seit einiger Zeit gibt es ein Kooperationsprojekt zur Förderung der Wirtschaft, ein Resultat ist der Zusammenschluss der Hoteliers, die über den Fremdenverkehr zur Wirtschaftsbelebung beitragen wollen und für Februar 2006 ein “Festival du Fleuve” mit Beiträgen aller in Ségou kulturell Aktiven (findet sich auf der website von Ségou) vorbereiten. Leider ist diese schöne Stadt auch diesmal für mich nur Durchreisestation, aber da es einige ded KollegInnen dort gibt, werde ich vielleicht doch mal Zeit für einen längeren Besuch finden.
In Sans, einem Dorf, das eigentlich nur aus einer Kreuzung besteht, gibt es Reis und Sauce und am Abzweig nach Djénné fängt für mich dann auch die “neue” Strecke an, denn bis dorthin war ich ja schon im Januar gereist.
Langsam wird es spät, so durchqueren wir Sévaré und befinden uns dann in der Anfahrt auf das Pays de Dogon, das Land der Dogon. Aus der karg bewachsenen, absolut flachen Ebene ragen rote Felsformationen, stapeln sich in Schichten, liegen Findlinge wie von einem Riesen hingeschnippt in der Landschaft. Im Abendlicht schimmert die Ebene rötlich, die Felsen reflektieren die untergehende Sonne, während auf der anderen Seite bereits der Vollmond zu sehen ist.
Bandiagara, mit seinen knapp 30.000 EinwohnerInnen ist ruhig und beschaulich, liegt im Mondlicht und im Haus meiner Kollegin Andrea werden wir schon erwartet.

Ich bin jetzt hier auch im Arbeitsprozess mit einbezogen. Es ist schon eine große Veränderung, statt 50 km 50 m ins Büro zu haben, das ist allerdings nur so, solange ich in Bamako bin. Wie es in Bandiagara aussieht, weiß ich noch nicht. Bekannt ist nur, dass es ein neues (und damit leeres Haus) ist, das ich beziehen soll und dass auch das Büro erst mal ausgestattet werden muss. Darüber wurde gestern erst mal mit Ms. Koulibali, meinem künftigen Chef, diskutiert und in der nächsten Woche werde ich dann einen Einkaufszettel zusammenstellen, um in Bamako noch die restlichen Sachen einzukaufen. Nach der Auflösung meines Haushaltes in Bochum gehe ich diese Sachen mit sehr gemischten Gefühlen an - eigentlich möchte ich nach nunmehr fast 6 Monaten dauerndem Wechsel endlich mal ankommen …. Aber es sind jetzt noch 4 Wochen, bis es endgültig nach Bandiagara geht, und die genieße ich dann schon hier auch noch.
Gestern hab ich mich Kaou und Allessanne von der Bäckereiinitiative (
www.bobaku.de) getroffen, Kaou war die letzten drei Monate in Bochum und wird den neuen Ofen in Empfang nehmen, den wir mit Unterstützung der gtz (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) nach Bamako schicken wollen.
Er erklärt sich bereit, mir morgen beim Einkaufen zu helfen, ich brauche noch allerlei technisches Gerät, das dann die 800 km ins Dogonland transportiert wird, alles mit dem Toyota Pickup, der hier als Projektwagen zur Verfügung steht. Ich kenne ich mich schon ganz gut in Bamako aus, bisher hab ich mich trotz des Gewühls auf den Straßen noch nicht ernsthaft verfahren …
Heute abend dann, so gegen 20.30 Uhr komm ich müde und hungrig hier im Gästehaus an - und hatte vergessen in der Boutique Brot zu kaufen. Dazu muss man wissen, dass das nicht das ist, was wir uns darunter vorstellen, sondern mehr so eine Art Bretterbude an einer Carrekreuzung (Carres sind die nicht asphaltierten Straßen in den Wohngebieten, eine höchst effektive Methode der “Verkehrsberuhigung”) mit dem Sortiment eines kleinen Lebensmittelladens. Brot war alle, aber es wurde gleich der jüngere Bruder losgeschickt, ich konnte ein wenig mit fernsehen und dann gibts frisches Baguette …

Der “Marche Mondiale des femmes” ist in Bamako, ich kann leider nicht hingehen, weil ich eine wichtige Arbeitssitzung habe, aber Kathrin, die hier mit der Genderbeauftragten zusammenarbeitet, geht hin und zeigt mir abends die Bilder. Es wurde extra ein Stoff mit dem Motto des Marsches: “Frieden, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung - eine Welt ist möglich” hier hergestellt, Kathrin hat sich ein schönes Kleid dazu schneidern lassen und die meisten Frauen auf den Bildern tragen auch diesen Stoff. Die Gattin des Präsidenten hält eine Rede und in einem Theaterstück, in dem über die Trachten die in Mali lebenden Ethnien repräsentiert sind, wird einem Mann symbolisch vorgetragen und kreativ vermittelt, warum eine Gesellschaft ohne Frauen keine gerechte und demokratisch sein kann. Schließlich wird noch der malische Beitrag zu einer riesigen, weltweiten Patchwork-Decke eingenäht, es sind schon Beiträge aus USA, Lateinamerika, Osteuropa, Asien dabei … das Thema lässt mich ja doch nicht los - egal wo ich hingehe!

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