Oktober 2005


Seit Anfang der Woche ist hier Ramadan, das bedeutet, dass gläubige Moslems von Sonnenaufgang (ca. 6.30 Uhr) bis Sonnenuntergang (ca. 18.00 Uhr) keine Nahrung und keine Flüssigkeit zu sich nehmen. Das hat bei durchschnittlich 34 Grad zur Folge, dass so ab Mittag das öffentliche Leben mehr oder weniger zum Erliegen kommt und etliche Leute tagsüber nicht besonders gut gelaunt und/oder krank sind.
So gegen 17.00 Uhr geht’s dann richtig rund, alle sind auf dem Weg nach Hause und dann sitzen die Familien vor den Häusern und es wird geschlemmt und geplaudert. Meistens läuft auch der Fernseher (sofern vorhanden), obwohl die Regel eigentlich auch heißt, sich vom Weltlichen nicht ablenken zu lassen. Das heißt auch, dass das sonst so lebhafte Nachtleben von Bamako zur Zeit eher bescheiden ist.
Anfang November gibt es dann das große Abschlussfest des Ramadan. Die Stadt füllt sich schon jetzt mit Ziegen und Schafen, die u.a. auf den Dächern der Busse aus Mopti oder Gao hierher transportiert, jetzt gekauft (solange sie noch billig sind) und dann zum Fest geschlachtet werden.
Da ich dann auch (wieder) hier in Bamako sein werde, bin ich gespannt, wie dieses Fest live und in Farbe ist!

Als wir für Kathrin ein Fahrrad kaufen wollen, haben wir uns von zwei jungen Männern begleiten lassen, die uns mit Fahrradhändlern der Innenstadt bekannt machen: aus allen Richtungen kommen junge Männer dazu und bringen Räder unterschiedlichster Formen und Qualitäten herbei - aber so eine Entscheidung braucht auch Zeit - vielleicht klappt es ja dieser Tage dann mal.
Ich hab nebenbei mal ein Paar “tanzfähige” Schuhe gekauft, immer mit den Gesundheitssandalen rumzulaufen ist auch nicht so nett, und eine kleine Handtasche musste auch her, die haben hier eine besondere Bedeutung, es kommt nicht gut, immer mit dem Reisebeutel rumzulaufen.
Mit meiner bescheidenen Grundausstattung für die Zeit in Bamako kann ich eh nicht mit den schönen Frauen hier “mithalten”, hilfreich, gestern eine Schneiderei in der Nähe des Gästehauses zu entdecken, da lass ich mir die Tage mal was Schönes schneidern. Konfektionsware ist ohnehin die Ausnahme, es ist selbstverständlich, dass auf dem großen Stoffmarkt ausgesucht, angepasst und individuell geschneidert wird, daher auch die malerische Vielfalt der Bekleidung.

Mit wachsendem Eifer, aber eben doch altersgemäß langsam, versuche ich mich im Französischen, denn obwohl die landesweite Sprache Bambara ist, ist doch Französisch die “offizielle” Sprache und die brauche ich nicht nur für meine Arbeit, sondern auch, weil ich gern mit den Menschen hier sprechen und scherzen möchte. Meine ded KollegInnen ermahnen mich zuweilen zur Geduld, die meisten kennen das Problem und sagen “Irgendwann wirst Du morgens wach und wie von selbst geht es” - auf diesen Augenblick arbeite ich hin und hoffe er kommt recht bald. Ich habe aber auch wieder mal Glück, denn im Gästehaus wohnt derzeit auch Kathrin, die sich jeden Tag ein wenig Zeit nimmt, um mit mir Französisch zu sprechen - sie hat es studiert und korrigiert mich freundlich und effektiv.

Anlässlich des “Tags der Deutschen Einheit” gibt es einen Empfang in der Deutschen Botschaft. Er war besonders, weil der Botschafter, Herr Schwarzer nicht nur eine gut verständliche Rede auf Französisch hielt, sondern auch zum Schluss beste Wünsche und die Bitte um Gottes Segen auf Bambara vortrug, was die malischen Gäste in helles Entzücken versetzte. Dann gab es Fisch- und Fleisch-Brochettes (bei uns bekannt als gegrillte Spießchen), französiche Süßigkeiten und deutschen Apfelstrudel und außerdem eine malisch-deutsche Live-Musiksession, bei der dann bis Mitternacht getanzt wurde - ein echt gelungenes Fest, bei dem viele der ca. 300 Deutschen in Mali dabei waren.
Sehr interessiert sind die malischen GesprächspartnerInnen an der derzeitigen politischen Entwicklung in Deutschland, sie finden es spannend, dass ein solches Patt wie nach der Bundestagswohl ohne Bürgerkrieg aufgelöst werden soll, mehr als einmal bekam ich hören, dass so was in Afrika anders ausgehen würde …. Deutschland hat hier ein sehr hohes Ansehen, es ist gar nicht so einfach zu erklären, dass es auch dort Probleme gibt, auch wenn sie (für viele noch) nicht so existenziell sind wie hier.
So berichtet die Kollegin aus Bandiagara, dass ein entscheidender Regen jetzt ausgeblieben ist, dementsprechend sind die Preise für Mil (Hirse) in die Höhe geschnellt, denn die Ernte war nicht so wie erhofft. Das kann für viele Menschen im Laufe der Trockenzeit (bis Mai nächsten Jahres) zu einem ernsten Problem werden.
Auch Arbeitslosigkeit ist ein schwieriges Problem, vor allem junge Menschen ziehen in die großen Städte (Bamako, Ségou, Mopti, Gao, Sikasso), aber auch dort sind die Möglichkeiten, selbst für gut ausgebildete Menschen, sehr begrenzt.
Wenn überhaupt, haben die meisten haben 2 bis 3 Jobs, um über die Runden zu kommen. Es gibt unendlich viele “Etagiers”, Ich-AGs, also Leute, die von Kopf bis Fuß mit Waren aller Art “behängt” sind und diese auf der Straße, an den Ampeln, an Kreuzungen zu verkaufen versuchen. Bis zu 3 Mal am Tag wird die Windschutzscheibe gnadenlos geputzt, Handykarten werden an jeder Kreuzung geschwenkt - allerdings kann keineswegs von einer aggressiven Verkaufsstrategie gesprochen werden, “non merci” - und der/der VerkauferIn lässt mich in Ruhe.
Vor allem die Frauen arbeiten extrem viel bei geringstem Einkommen und haben kaum Zeit für Bildung oder so etwas wie “persönliche Weiterentwicklung” - schließlich sind sie in aller Regel allein für die durchschnittlich 7 Kinder verantwortlich…

Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, wie beim Grüßen kommt es auch beim Autofahren immer erst mal darauf an, den Kontakt herzustellen, zu beobachten, was die anderen wohl vorhaben, dann den Arm raus aus dem Fenster und schon ist es möglich sich linksrum einzufädeln.
Der Einkauf von Ausstattungsgegenständen für das Haus in Bandiagara entwickelt sich zu einer Abenteuertour durch die verschiedenen Marktteile - die gesamte Innenstadt ist eigentlich ein riesiger Markt, der sich rund um die große Moschee abspielt. Endlich haben wir die Straße mit den Elektrogeschäften gefunden und nun geht’s ans Preise vergleichen und feilschen, und immer sammeln sich noch einige Menschen um uns und beraten und kommentieren und helfen die Verhandlungen voranzubringen. Schließlich werden wir uns einig und schon sind ein paar junge Leute zur Stelle, die alles geschickt auf dem Pick-Up verladen, verschnüren und uns gute Fahrt wünschen. Was nicht ganz einfach ist, denn in den Quartiers gibt es keine Asphaltstrassen und die tiefen Löcher machen selbst mit unserem Geländewagen das Fahren nicht grade einfach.
Im Gästehaus angekommen, hilft Ms Yaya, der “gute Geist des Hauses”, gleich mit ein paar Nachbarn beim Ausladen - er und seine Familie wohnen auch auf dem Grundstück und sorgen dafür, dass immer alles sauber ist und die Gemeinschaftsküche nicht im Chaos versinkt. Auch um die Wäsche kümmern sie sich.
Ich bewundere die Menschen, die hier in diesem staubigen und heißen Klima immer - wenn irgend möglich - sauber gekleidet sind, schneeweisse Bubus, vor allem am Freitag auf dem Weg zur Moschee, Kleider in wunderschönen Farben und Formen und Markfrauen, die freundlich zurücklächeln und sich gemeinsam bemühen, die Sprachbarriere zu überwinden, um einen Einkauf zu ermöglichen.
Es wird viel gelacht und gescherzt, auch wenn ich meine malische Freundin Oummou besuche, die jetzt schon seit fast 4 Monaten mit einem eingegipsten Bein in Christofs Haus liegt (ihre Geschichte findet sich unter www.bobaku.de und bietet intensive Einblicke ins malische Gesundheitswesen). Trotz ihres schweren Unfalls hat sie gute Laune und zusammen mit Madou und anderen BesucherInnen haben wir immer Spaß zusammen.

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