November 2005


Die Nichtregierungsorganisation (ONG), GAAS Mali, bei der ich arbeite, fuehrt heute eine Fortbildung in Sanga durch. Diese Gemeinde liegt im Herzen des Dogonlandes, ist ca. 46 km entfernt und es wird fuer 6.00 Uhr Morgens der Aufbruch verabredet.
Da ist sie wieder die westliche Logik, die natuerlich nach so kurzer Zeit nicht weg ist: 6.00 Uhr losfahren, um um 10 Uhr dort zu sein, bei 46 km … denke ich mir.
Erstens fahren wir nicht um 6 Uhr, sondern gegen 7.30 Uhr los und zweitens sind hier 46 km eine echte Herausforderung, zumal im Dogonland, wo es nicht nur uneben gradeaus sondern eben auch schon mal strikt bergauf/ab geht und nicht ganz klar ist, wie es dahinter eigentlich weitergeht …. Die 4 KollegInnen auf der Rueckbank und Karra, der neben mir den Weg weist, haben viel Spass an meiner entsetzten Mimik und Gestik - wenn ich grade mal wieder nur mit Muehe entscheiden kann, welche Fahrrinne ich denn nun nehme … Aber es laeuft Musik, es wird geredet und gelacht und kurz nach 10.00 Uhr sind wir in Sanga.
Auch der zweite Wagen kommt kurz danach und die Teilnehmenden aus den umliegenden Doerfern haben es auch puenktlich geschafft. Allein zur Gemeinde Sanga gehoeren 57 Doerfer, die sind jedoch heute nicht alle vertreten.
Es geht auch um ein sehr spezielles Thema: Die Bedeutung von Melderegistern fuer die Gemeinde und fuer die Bevoelkerung! Der stellvertretende Praefekt des Kreises konnte als Referent gewonnen werden und M. Coulibaly fuehrt ins Thema ein und fordert die Teilnehmenden auf sich vorzustellen und ihre Interessen mit einzubringen.
Ich muss gestehen, dass ich von der Fahrt noch etwas geschafft war - jedenfalls sind etliche Buergermeister und stv. Buergermeister dabei und auch einige MitarbeiterInnen der Administration.
Der erste Buergermeister von Sanga nimmt sich in der Pause Zeit, um M. Coulibaly und mir das neue Internetcafe und die atemberaubende Landschaft sowie ein im Bau befindliches Campment mit Blick auf dieselbe zu zeigen.
Sanga ist das Touristenzentrum im Dogonland, von hier aus gehen die meisten “Weissnasen” auf Wanderschaft in die Doerfer, die entweder wie Bienenwaben an den Felsen zu haengen scheinen, oder oben auf dem Plateau dem Wind trotzen. Weil die Felder und Weiden 300 m tiefer liegen, haben die Dogon weite Wege und viel viel Arbeit …. Da scheint es fuer junge Leute attraktiver, sich als “Guide” bei den TouristInnen zu verdingen oder in die grossen Staedte nach Mopti oder Gao abzuwandern und dort ihr Glueck zu versuchen. Die Landflucht der Jungen ist ein grosses Problem fuer die Doerfer.
Unsere Fortbildung findet in einem Schulgebaeude statt, auf Schulbaenken, bei deren Anblick jede/r Orthopaed/e/in das Grausen bekommt. An der Tafel ist die Zusammensetzung der Klasse angegeben: 47 Maedchen und 46 Jungen in einem durchschnittlich grossen Klassenzimmer, von Beleuchtung keine Spur, aber an den Waenden sind liebevoll Bilder von Giraffen und anderen Wuestentieren gemalt …
Am Ende der Fortbildung erhalten die Teilnehmenden ein Zertifikat und Formulare fuer die Einrichtung des Melderegisters in ihrem Dorf ausgehaendigt.
Der Rueckweg scheint mir dann schon fast locker, ich kenn die Strecke schon ein wenig ….

Die Equipe des Premierministers umfasst 30 schwarze Pickups - wie ueberall auf der Welt mit getoenten Scheiben und grossem Tempo. 4 Polizisten bewachen den grossen Kreisverkehr von Bandiagara, als der Tross aus dem Dogonland zurueckkommt und natuerlich sind viele Menschen aus Bandiagara da, um einen Blick auf den Premierminister zu werfen. Letztlich folgen aber viele der Taenzergruppe, denn der offizielle Empfang beim Buergermeister ist nur fuer geladene Gaeste.
Die Bilder, die meine KollegInnen vom Empfang im Dogonland mitbringen, sind beeindruckend, sie beschreiben auch, wie schwer das fuer diese kleinen Orte ist, eine solche Grossveranstaltung vorzubereiten und zu bewaeltigen.
Ich lerne heute meinerseits einen kleinen Ort kennen: Tegru, das Heimatdorf meines Waechters Guido. Wir haben uns diese Woche auf einen Vertrag verstaendigt und da nun klar ist, dass er erstmal in Bandiagara bleibt und arbeitet, moechte er seine Grande famillie besuchen und laedt mich ein mitzukommen und anschliessend noch eine der Barragen zu besichtigen. Es ist Samstag morgen - warum also nicht?
Seit dieser Fahrt ist das Thema Wasserversorgung in meinem Haus keines mehr: viele Kilometer laufen die Frauen und Kinder Tag fuer Tag mit Kruegen und Kanistern, um Wasser herbeizuschaffen - und wo immer wir hinkommen lachen die Leute und freuen sich.
In Tegru fuer die Kinder eine Attraktion, eine Tubab in ihrem Dorf - das Auto lassen wir vor der Schule vor dem Dorf stehen, es wird gleich umlagert. Wir begruessen den Dorfaeltesten, Guidos Vater und Grossvater, seine Mutter und Schwester und seine Frau mit der kleinen Tochter und ueberall grosses Gelaechter - Franzoesisch koennen wir schliesslich alle nicht.
Es gibt frisch gebrautes Dolo (Hirsebier) und es waere sehr unhoeflich gewesen, nicht wenigstens einen Schluck zu nehmen - schmeckt ziemlich gut, leicht sauer aber angenehm, in der Mittagshitze wage ich jedoch nicht mehr - schliesslich wollen wir auch noch zur Barrage.
Guido zeigt mir das Haus, das er sich am Dorfrand gebaut hat, seine kleine Tochter immer dabei, es sei normal, dass man dort lebt, wo man arbeitet. Aber eben auch wichtig, regelmaessig die Grande Famillie zu besuchen und Geld zu bringen, wenn man welches hat, erklaert er mir. Seine Huehner haben grade jede Menge Kuecken, also wird beschlossen, auf dem riesigen Grundstueck in Bandiagara ein Huehnerhaus zu bauen. Dann gibt’s immer Eier, man kann Huehner verkaufen und Guido kann sein Gehalt aufbessern. Zum Abschied gibt es Kekse fuer die Kinder, auch beim Dorfaeltesten wird noch mal vorbeigegangen, dann zurueck auf die Piste.
Es ist eigentlich nicht moeglich hier zu fahren, ohne kundige Menschen dabeizuhaben, denn es fuehren viele Pfade durch die flache Landschaft - die langsam von der Hitze versengt wird - und dann ploetzlich, wie aus dem Nichts - grosse gruene Flaechen - Zwiebelfelder, Menschen die Wasser darauf verteilen und schliesslich die Barrage, die den Regen der letzten Monate zu einem kleinen See staut, ueber und ueber mit Seerosen bewachsen - und eben rundum gruen und fuer viele Menschen eine der wenigen Moeglichkeiten hier, ein kleines Einkommen zu erzielen.
Die Barragen werden immer in Kooperation mit den Doerfern gebaut, es gibt einen Eigenanteil an den Kosten und es muss geklaert sein, wer von den Doefern spaeter fuer die Pflege und Instandhaltung verantwortlich ist. Denn das Wasser ist lebenswichtig, aber eben auch aggressiv, recht schnell laesst in diesem Klima der Zement was durchsickern, verschieben sich Steine und wird eine Barrage undicht. Die Zusammenarbeit in diesem Sektor ist gut eingespielt, seit 15 Jahren arbeiten malische und westliche (im Wesentlichen Hollaender und Deutsche) Teams hier zusammen.

Bandiagara hat sich fein gemacht: Morgen kommt der Premierminister mit ca. 140 weiteren wichtigen Personen. Die Haustiere in der Innenstadt haben offenbar Ausgangssperre - zumindest bleibt die Schafherde, die mich sonst immer auf meinen 4 km Weg von der Arbeit begleitet, heute aus und auch sonst ist es ausserordentlich ruhig. Am Hauptkreisel werden malische Flaggen und Transparente aufgehaengt und Mr. Coulibaly wird auf jeden Fall als Repraesentant von GAAS Mali dabei sein. Meine Kollegen und Kolleginnen vom Pisten und Staudammprojekt hatten Dauerstress, denn das sind selbstverstaendlich die Projekte, die sich gut praesentieren lassen, anschaulich und lebensnah. Da sieht es mit der abstrakten Unterstuetzung von Organisationen und Basisgruppen vordergruendig anders aus, beim genauen Hinschauen geht’s da dann aber auch um basics.

Gewoehnungsbeduerftig ist auf jeden Fall die “Wasserwirtschaft”, meine Freude ueber ein Haus mit Gaestebad schlaegt schnell in Ernuechterung um - gut dass ich schon bei meinem ersten Aufenthalt hier 2 Canneries gekauft habe! (das sind grosse Tontoepfe von unglaublichem Gewicht, die die Frauen hier durchaus noch auf dem Kopf von der Wasserstelle nach Hause tragen, da ahnt eine dann, welcher Fortschritt die bunten Plastikbehaelter und Kanister sind, deren Eigengewicht ja viel geringer ist …, aber auch die kann ich selbstverstaendlich nicht auf dem Kopf tragen, das muss von Kindesbeinen an gelernt sein ….)
Der Wasserhahn am Haus funktioniert ziemlich durchgaengig, im Haus reicht der Wasserdruck in aller Regel lediglich in der Zeit zwischen 2.00 und 5.00 Uhr morgens fuer eine Dusche aus.
Am Ankunftsabend war die Dusche im Gaestebad so gegen Mitternacht gnaedig und ich konnte mir den Reisestaub abwaschen. In der zweiten Nacht schrecke ich gegen 4.00 Uhr morgens hoch, weil ich Wasser rauschen hoere - tatsaechlich hat sich der Hahn von der Dusche im grossen Bad verabschiedet, was dazu fuehrt, dass bei jetzt gutem Wasserdruck der Raum unter Wasser steht …. Zum Glueck habe ich ja einen Werkzeugkasten dabei und darin befindet sich Plastelin Dichtungsmasse - als haette ichs geahnt! Also das Zeug um den Hahn gewickelt , das Ganze fest angdrueckt und gut geschlafen bis die Haehne kraehen!

Erster Arbeitstag bei GAAS Mali, mein Buero ist klein, aber hell und kuehl. Wie “mein” Haus, ist auch dieses ein Banko-Haus, das ist eine traditionelle Bauweise aus Lehm, die die Kuehle der Nacht gut bis zur Mittagszeit haelt, laesst man noch die Fensterlaeden geschlossen, ist es abends darin sehr erholsam. Zu dieser Jahreszeit sind hier tagsueber im Schnitt 34 bis 36 °.
Der Direktor von GAAS Mali, Mr. Coulibaly, sowie sein Stellvertreter Mr. Somogo, begruessen mich freundlich, das Team hatte ich schon im Oktober kurz kennengelernt, trotzdem werde ich noch einige Zeit brauchen, bis ich mir Namen und Gesichter merken kann.
Aber ich werde auch ermahnt, die Dinge langsam anzugehen, das Klima ist anders als in Bamako, die Sprache auch. Ich hatte mich dort im Sueden gerade eingehoert, hier klingt das Franzoesisch viel melodischer, irgendwie “hessisch”, wie ich finde, und das bereitet mir jetzt erstmal wieder Probleme, die Leute ueberhaupt zu verstehen.
Ich habe also Zeit mich einzurichten, muss Kontakt zur Schreinerei finden, um die Einrichtung zu bestellen, viele Papiere lesen und sortieren, was halt an einem neuen Arbeitsplatz so ansteht ….
Als ich Mr. Somogo von meinen Wasserproblemen berichte, stellt er sofort Kontakt zum Plombier Omar Dolou her, der mit mir ins Haus faehrt und den Wasserhahn repariert. Wie von Geisterhand war vor der Ausreise noch eine Duschbrause mit Schlauch in eine der Kisten geraten, diese Installation erweist sich jetzt als genau richtig, anders als die feste Dusche laesst sich jetzt der Bedarf an Wasserdruck variieren ….
Und dann kommt nachmittags Mr. Coulibaly freudestrahlend mit dem Ausdruck einer e-mail in mein Buero: In hervorragendem Deutsch teilt er mir mit, dass sich aus Bamako der Finder meiner Tasche gemeldet hat!!! Ueber meine Visitenkarte hatte er die e-mail Adresse von GAAS Mali, ein junger Student des Ingenieurwesens, der sich dachte, dass das wichtige Dokumente seien!
Das ist schon ein Hammer, wer rechnet in einer 1,2 Millionenstadt mit so etwas?
Ich telefoniere und simse und teile es all den Leuten mit, die mich in diesen schwierigen Tagen so gut und gradezu liebevoll unterstuetzt haben und natuerlich freuen sich alle mit….

Die erste Nacht im neuen Haus - es ist stockfinster, die Maeuse, die beim ersten Betreten des Hauses hinweghuschten, haben sich nicht mehr blicken lassen (schliesslich habe ich Wichtel, den Kater, den ich gegen Pepper eingetauscht hab, dabei) und ich bin froh ueber mein zusammenklappbares “Fernfahrerbett” das ich als Gaestebett mitgebracht habe, denn das Haus ist ein Neubau und bedarf der Grundreinigung …
Die hab ich dann heute gleich gemacht, die Bonne von nebenan konnte leider nicht helfen; denn ich wohne im christlichen Viertel, da ist der Sonntag Sonntag …. Nachmittags kommen meine KollegInnen und helfen mir den Hausrat vom Nachbarhaus herueberzuschaffen, den Gasherd anzuschliessen und nach kurzer Zeit sieht es ganz wohnlich und passabel aus.

Die Fahrt von Bamako nach Bandiagara, mit der leicht betaeubten “Pepper” auf dem Ruecksitz hat ihren besonderen Reiz, vor allem wenn eine sie ab Segou allein macht.
Strassenschilder gibt es nur wenige, also erhalte ich vorab eine Beschreibung die in etwa so lautet: In Bamako am Afrika-Kreisel fast ganz rum und dann raus - Strasse nach Segou. In Segou (ca. 300 km) am ersten Kreisel rechts halten - Strasse nach Bla. Dort aufpassen, es gibt einen Abzweig nach Mopti, am Hauptkreisel links halten!
Der Goudron schwarz, rote Erde - ein Rostrot, wie ich es bisher nur in der Wueste gesehen habe - gelbes Gras; niedrige Buesche und Baeume in herbstlichen Farben, die immer weniger werden - am Horizont laeuft die Strasse mit dem Himmel zusammen - verschwimmt mit der flimmernden Hitze zu einem Lichtknaeuel - es geht immer immer gradeaus!!! Ploetzlich habe ich das Gefuehl, dass die Strasse unter mir hinwegrollt - der Wagen steht doch eigentlich, oder was? - wie in diesen alten Filmen, wo das Liebespaar im Boot sitzt und hinter den Kulissen eine Person dafuer sorgt, dass die Wellen in Bewegung sind und die Landschaft vorbeizieht …. - kurz bevor es wirklich unheimlich wird, erreiche ich San - Zeit fuers Mittagessen.
Die Empfehlung lautet: vorsorglich in Segou und hier tanken, so es Diesel gibt. In San hat eine dann gut die Haelfte geschafft, es gibt ein Hotel und einen Busbahnhof, wo lecker essen angesagt ist, am Abzweig nach Djénné geht es weiter gradeaus bis Sévaré, dort tanken und am Hauptkreisel rechts halten: noch ca. 50 km bis Bandiagara!


18.11.2005
In der Botschaft liegt ein neuer Uebergangspass - mit Wohnort Bamako/Mali - fuer mich bereit, gleich geht’s weiter zur Auslaenderbehoerde, nicht ohne vorher in einer Klinik ein Attest abgeholt zu haben, das besagt, dass ich gesund, robust und belastungsfaehig bin, ohne eine solche Bestaetigung - kein Visum.
Viele Leute warten und wir kommen dran und geben die Papiere ab, gegen 17.00 Uhr soll alles fertig sein - es ist Freitag Nachmittag, wenns nicht klappt, haenge ich das Wochenende auch noch in Bamako …. Dann noch ein Abstecher zur Radiostation, dort erstmal in ein Studio, das sicher vor vielen Jahren mal brandaktuell war, allerdings doch schon auch mit Flatscreen und CD Anlage ausgeruestet ist. Zu meiner grossen Erleichterung bezahlen wir an anderer Stelle 2.000 FCFA, kehren mit der Quittung ins Studio zurueck, wo der Moderator den Zettel aufs Mischpult legt und verspricht, den Text gegen 15.00 Uhr vorzulesen ….
Juliane, meine Kollegin aus Segou, ist grade in der Stadt, wir fahren zusammen zum Grand Marché und ich kaufe mir eine neue Grundausstattung, jetzt dann nicht mehr touristisch, sondern afrikanisch: Eine Handtasche aus Kamelleder, eine Geldboerse und eine Mappe fuer Dokumente, mit Reissverschluss, damit nicht alles so einstaubt. Ein neuer Terminkalender ist schwierig, denn das Jahr ist ja fast zu Ende, es gibt nur welche fuer 2006 - und ich hab auch irgendwie das Gefuehl, als brauchte ich den nicht wirklich … Abends dann bei der Auslaenderbehoerde, wieder viele Wartende - ist ein gruener Pass dabei??? Dann, ganz am Ende der Schlange, mit einem Visum fuer ein Jahr - dieses Dokument in Verbindung mit der Diebstahlsanzeige und der Ordre de Mission, die mir der Landesdirektor ausgestellt hat, reichen, um morgen nach Bandiagara zu fahren.
Wir verabreden uns fuer 8.00 Uhr, denn ich nehme noch “Pepper”, einen Entwicklungshelferhund, mit, der bei meinem Kollegen auf dem Lande eine neue Heimat finden soll, da die bisherigen BesitzerInnen bald ausreisen.
Herzlicher Abschied von Yaya, der den Pickup kunstvoll mit meinem Hausrat beladen hat und der mich beauftragt, seinem Bruder in Bandiagara Gruesse zu bestellen, was ich selbstverstaendlich gerne uebernehme, ich frage noch, ob ich noch was mitnehmen soll, aber da ja grade vorgestern ein Wagen gefahren ist, liegt da nichts an.

Die Stimmung ist natuerlich traurig, ich winke dem Auto mit den KollegInnen hinterher, die nach Bandiagara fahren und wende mich mit Unterstuetzung von Mde Diarra aus dem Buero der Wiederbeschaffung meiner formalen Identitaet zu:
1. Station: Polizeirevier - immerhin 2 Monate bin ich an diesem Gebauede vorbeigefahren, ohne dass mir die Station darin aufgefallen waere, im Innenhof sitzen jede Menge Leute herum, da und dort steht ein Polizeiwagen, in einem unsaeglich dreckigen Buero sitzt ein freundlicher Uniformierter, nimmt unsere Anzeige ins Wachbuch auf (das wiederum verblueffende Aehnlichkeit mit entsprechenden europaeischen Dokumenten hat) und schildert anschliessend Faelle von Diebstahl, wo fast immer die Papiere irgendwie zurueckgegeben wurden. Gegenueber kaufen wir dann eine Beglaubigungsmarke, es dauert dann noch mal ca. ½ Stunde, bis wir eine getippte Anzeigenbestaetigung in Haenden halten.
2. Station: Photoshop, der Fotograf ein wahrer Kuenstler, der meinem gestressten Gesicht noch immer ein Laecheln abtrotzt und ein tatsaechlich brauchbares Foto fuer den neuen Pass hinkriegt.
3. Station: BdM, der Direktor erklaert das Verfahren fuer neue Schecks, die alten sind jetzt gesperrt, der Pass ja nun auch, dementsprechend kann sich keiner mehr bedienen - es hat jedoch einen Fall gegeben, wo es gelungen ist, den Dieb beim Versuch einen Scheck einzuloesen, am Schalter festzunehmen.
4. Station: Deutsche Botschaft, Mde Diarra ist hier bekannt, ich bins inzwischen auch, also keine lange Wartezeit, sondern ein Formular, ca. 20 € und der Hinweis, dass der Pass morgen abgeholt werden kann -
ganze Arbeit, das heisst naemlich, wenn es morgen noch klappt, ein neues Visum in den Pass zu zaubern, dass ich am Samstag endlich losfahren kann - ich hocke jetzt schon 3 Tage mit gepackten Sachen herum …..

Und dann gibt es ihn doch, den Einbruch in die Straehne des Gluecks, die dieses Vorhaben und Projekt zu begleiten und beschuetzen scheint: Alle, die in Bueros mit Publikumsverkehr arbeiten, kennen das: mal kurz zum Kopierer, mal eben was in die Faecher legen - da trifft eine noch auf die Kollegin, die grade noch eine Frage zur Abrechnung hat - und irgendwann im Laufe dieses Vormittages, an dem ich auch im Buero meine Sachen packe, kriege ich einen Riesenschreck: meine Tasche, klein, schwarz, unauffaellig, allerdings heute morgen mit allen Papieren bestueckt die ich habe (also auch Pass und Scheckheft, ich wollte in der Mittagspause zur Bank), die mich seit ueber 7 Jahren auf allen Reisen begleitet hat - aus dem Buero verschwunden und auch mit Unterstuetzung von KollegInnen nicht wieder auffindbar - es ist die alte Geschichte: Ein Besucher meldet sich an, fragt, ob er in der Anmeldezeit die Toilette benutzen kann und ist verschwunden, bis die Sekretaerin an der Anmeldung zurueck ist - ein uralter Trick, leider immer mal wieder erfolgreich. Im Falle meiner Tasche nicht sehr lohnend, grade mal 7.000 FCFA (ca. 10 €) sind drin, aber halt auch alles, um sich bei meinen Konten zu bedienen …. Also auf zur BdM (Banque du Mali), die Schecks sperren, ins Internet, die Visacard sperren, in Deutschland klaeren, was fuer einen neuen Fuehrerschein erforderlich ist, einen Termin in der Botschaft machen, fuer das Ausstellen von Ersatzpapieren und der Hinweis einer langjaehrigen Mitarbeiterin “Jetzt bleiben Sie am besten erstmal im Gaestehaus, ist nicht gut, so ganz ohne Papiere unterwegs zu sein …” So ist er also, der Status “sans papiers” in einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht und dessen Amtssprache ich nur bruechig spreche, immerhin mit der Unterstuetzung durch KollegInnen. Vor allem die malischen MitarbeiterInnen sind sehr betroffen; es ist ihnen sehr peinlich, dass das in ihrem Land, ihrer Stadt, ihrem Buero passiert, diese Anteilnahme hat fuer mich wiederum etwas anruehrendes und troestendes.
Yaya geht in der Daemmerung mit los, um im Quartier zu schauen, ob die Tasche dort herumliegt, alle sind sich einig, dass das sehr wahrscheinlich ist, denn der Dieb hatte es sicher auf Geld abgesehen; ich habe auch so das Gefuehl, dass die Geschichte noch nicht fertig ist …. Abends im Gaestehaus entsteht dann noch die Idee, eine Ausstrahlung im Radio zu machen, damit hat eine Kollegin im Tschad gute Erfahrungen gemacht …. Klar ist auch: Ohne Papiere morgen keine Abfahrt nach Bandiagara!

Heute morgen eine ausfuehrliche Dienstbesprechung mit meiner Koordinatorin, Termine werden vereinbart, Arbeitsschritte festgelegt, Dokumente ueber USB Stick ausgetauscht, halt alles was so noetig ist, wenn eine “en brousse” geht und da dann der Augenblick kommt, wo jede/r selbst klar kommen muss. Abends dann ein schoenes Abschiedskonzert von Madou & Madou, begleitet von Hannes dem Saxophonisten aus Deutschland, der demnaechst mit seinen malischen Musikfreunden eine Europa-Tournee machen wird.

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