November 2005


Diese Woche konnte ich an einer Formation - einer Weiterbildung für Mitglieder verschiedener ONGs teilnehmen, 17 engagierte Leute, die sich eine Woche Zeit nehmen, um sich in Methoden für die Arbeit in den Dörfern fit zu machen - noch immer ist es schwierig für mich, französisch zu sprechen, das Verstehen klappt schon ganz gut, aber es finden sich immer “PatInnen”, denen ich meine Beiträge radebrechend sagen kann und die dann schnell verstehen, was ich sagen will und das in verständliches Französisch “verwandeln” … ein sehr angenehmes Arbeitsklima.
Abends dann (mal wieder) im Centre Culture Franciase, angekündigt sind drei Gruppen, die unter dem Motto “Désert blues” eine Session mit Musikstilen aus allen Teilen Malis von Nord nach Süd machen. Höhepunkt natürlich der Auftritt von Habib Koité, der mit Tartit und Afel Bocoum zusammen musikalische Vielfalt vom Feinsten bietet.
Diesmal ein überwiegend weißes Publikum, ich hab meinerseits auch erst in letzter Minute mit Unterstützung meines Kollegen Mamadou überhaupt 2 Karten ergattern können - das waren dann Stehplätze auf der Empore, letztlich konnten alle in den Saal, die den Eintrittspreis bezahlen konnten - ist natürlich so eine Sache, viele malische Jugendliche würden gerne Habib Koité life sehen, aber 3.000 FCFA (ca 4,50 €) für unsereins vergleichsweise wenig, sind hier eine ganze Menge Geld und sie für einen Abend auszugeben, das können sich nur wenige leisten.
Also mit Wüsten- und Balaphonklängen ein Wochenausklang …

So langsam komme ich mit meinen Einkaeufen zum Ende, noch hier und da ein Putzeimer, eine Matte zum Unterlegen unter die Matraze und Abschiedstreffen mit den neuen und alten FreundInnen in Bamako.
Yaya erkundigt sich nochmals eingehend nach meiner Gesundheit - wir koennten sonst auch noch mal nach Kati fahren …. Aber ich habe die traditionelle Heilweise inzwischen durch Hustensaft aus der Apotheke ergaenzt und das bewaehrt sich schon. Ich entschliesse mich, nun endgueltig am Donnerstag mit Stefan und Familie/FreundInnen nach Bandiagara zu fahren.
06.11.2005
Logischerweise brauchte ich den Samstag zum Ausruhen, zwischendurch eine Fahrt nach Kati, wo YaYa mich zu einer Heilerin bringt, weil ich doch noch immer heftig huste und er das von seinem Haus auf den Grundstück des Gästehauses aus gehört hat. Ich mir also von den Kräutern einen Sud gekocht und immer schön mit der Paste eingerieben - es wird langsam besser.
Heute dann mal ein Ausflug ins Umland, mit Reinhild, deren Schwager Sibi in Koulikoro wohnt - die 50 km gefahren, gute Asphaltstraße, ein bunter Markt und eine Anlegestelle wo wir mit der Familie das große Schiff, das jetzt wohl letztmalig nach Toumbouctou aufbricht, bewundern - in kurzer Zeit wird der Wasserspiegel des Niger für dieses 1982 bei Krupp in Duisburg gebaute Passagierschiff zu niedrig sein ….
Wir entscheiden uns für eine Überquerung des Niger mit einer Pinanasse, die eine öffentliche Fähre ist, ca. 30 Personen, Motorräder, Fahrräder, ein Motor, der unterwegs 4 mal den Geist aufgibt, das Boot fängt dann an sich zu drehen und mit der Strömung zu gehen, alle feuern die Bootsleute an, es wird gescherzt gelästert und Wasser geschöpft - zum Aussteigen natürlich die Hosenbeine hochkrempeln …
Ein kleiner Spaziergang durchs Dorf, das eine große Moschee und eine Landwirtschaftsschule hat.
Offenbar fahren etliche der Schüler wieder mit uns zurück, die Fährleute haben vorgeführt, dass der Motor wieder läuft und er schnurrt auch wie ein Kätzchen bis kurz vor der Anlegestelle - zum Glück haben wir genug Schwung drauf!
Eine Querung dauert ca. 15 Minuten, so breit ist der Fluss derzeit noch. Ein malischer Freund erzählte mir, dass es in der Trockenzeit möglich ist, in der Umgebung von Bamako den Fluss zu Fuß zu durchqueren - kein Wunder, wenn die Differenz des Wasserspiegels übers Jahr 7 m beträgt.

Eine richtige “Modenschau” ist dann der heutige Abend: La Nuit de Bazan - Bazan ist der Stoff, aus dem die prächtigen Kleider und Boubous gemacht werden. Das Palais de Culture mit seinen ca. 5000 Plätzen ist vollständig ausverkauft - ich bin mit malischen FreundInnen dort und wir haben Glück mit den Plätzen.
Wer deutsche Großveranstaltungen kennt und sich Gedanken über Sicherheit machen möchte, ist hier völlig fehl am Platz …. Außer den KünstlerInnen sind immer so um die 30 bis 40 Menschen auf der Bühne, plaudern, rauchen, trinken Wasser, die Aufbaupausen werden genutzt, um die Listen der Sponsoren zu verlesen und auch während der Auftritte werden Banner mit den Namen von wichtigen Gebern über die Bühne getragen.
6 Griots werden auftreten, das sind (in diesem Falle) Sängerinnen, die Geschichten über einzelne Familien vortragen, begleitet mit Cora, Trommeln, Ballaphone und dem Beifall und den Zurufen der ZuschauerInnen. Bei bestimmten Geschichten - die ich nicht verstehe, es ist natürlich alles in Bambara - entsteht wilde Begeisterung beim (überwiegend weiblichen) Publikum und erst recht wird geklatscht und gejubelt, wenn einzelne ZuschauerInnen oder ganze Familien auf die Bühne kommen, um der Künstlerin und den Musikern ihre Ehrerbietung zu erweisen.
Besonders beeindruckt haben mich zwei der Griots, es handelt sich um Mutter und Tochter, die in einer einfach hinreißenden Art ihre Lieder vorgetragen haben und dann auch noch miteinander gesungen haben - bis ca. 2.00 Uhr bin ich geblieben, hinterher hörte ich, dass es bis nach 3.00 Uhr weiterging…. Wir haben dann den Abend in einer Bar gegenüber der NobelDisco BlaBla ausklingen lassen - da kann eine/r dann die paar richtig dicken Autos von Mali mit ihren durchgestylten Insassen bewundern …..

Also, um Mitternacht ist es raus: Die Fété ist heute!
Morgens ist es ganz ruhig, auf der Straße sind die Menschen mit ihren Feiertagsbubus unterwegs und die Kinder müssen beim Spielen aufpassen, weil sie wirklich ganz schön herausgeputzt sind.
In der Nachbarschaft und im Gästehaus wünscht man sich bonne fété und es gibt kleine (Geld-)Geschenke, Kinder kommen vorbei, wünschen bonne fété und bekommen eine kleine Münze - so ähnlich wie St. Martinssingen bei uns - ist ja auch in etwa die Jahreszeit - fällt mir grade so auf …. Besuche bei der Familie, bei FreundInnen und Nachbarn, es sind nur wenig Leute morgens auf der Straße, denn erst mal wird geschlachtet und geschlemmt und dann geplaudert und Musik gemacht ….
Ist Kleidung hier schon allgemein extrem wichtig, so ist heute eine Vielfalt und Buntheit zu sehen, die einem fast den Atem verschlägt - und weil es nur wenig Konfektionsware gibt, sind alle sehr individuell gekleidet und sehr schön anzuschauen.

Heute dann eine ganz andere Tour: Hinter Kati, ca. 40/50 km von Bamako entfernt, liegt das Dorf Boubabougou. Wir besuchen die Gruppe Projet d’appui aux femmes de l’assiociation Benkadi du Village de Doubabougou, Kontaktperson ist Mme Boubou Ba, die sich mit neuen Anbaumethoden, Kompostierung und Alphabetisierung befasst.
Auf dem Weg dorthin steigen ca. 20 Frauen in den Pickup zu, als ich auf ein Zeichen von Douda hin anhalte um eine Bekannte zu begrüßen - er muss schließlich erklären, dass nun mal leider nicht alle mitfahren können, dafür reicht die Ladefläche einfach nicht aus - unter vielfachem Dank steigen die Frauen an einer Kreuzung wieder aus - sie müssen in die andere Richtung und somit ihren Weg zu Fuß fortsetzen.
Beim Projekt besuchen wir erst mal den Garten, der nach ca. 3 Monaten Projektlaufzeit noch recht spärlich wirkt - es ist klar, Kompost braucht mindestens 1 Jahr bis er benutzbar ist, der Boden ist karg und die Frauen berichten von den Schwierigkeiten, ihm überhaupt Pflänzchen abzutrotzen …. Die wenigen Männer, die gekommen sind, bringen zum Ausdruck, dass sie sehr unzufrieden sind, dass das Projekt in erster Linie für Frauen konzipiert wurde - sie hätten ihnen gerne geholfen, aber das sei ja nicht vorgesehen - hinterher erzählen mir die erfahreneren KollegInnen, dass das Problem dabei ist, dass die Männer dann auch sehr schnell die gesamte Infrastruktur (Eselskarren, Gießkanne, Hacke) für sich beanspruchen und die Frauen letztlich wieder nichts Neues haben (das kommt mir doch irgendwie bekannt vor ….)
2. Projekt an diesem Tag: Promotion du seschage ameloire des Produits Agro-Alimentaires dans le village de Sanamba, Coummune Rurale de Dombila, Kontaktperson: Mme Bakery Ballo, Président. Wir sind durch den schwierigen Anfahrtsweg so spät, dass die Mitglieder der Gruppe sich schon auf den Heimweg gemacht haben. Aber die Animatrice und der Président sind noch da und informieren uns über die Fortschritte des Projektes. Es geht um das Trocknen und damit Haltbarmachen von Gemüse, das dann, wenn die Vorräte knapp werden, in Wasser wieder aufgeweicht und gekocht werden kann. Leider war die Gemüseernte nicht so üppig wie erhofft, es konnte nur wenig Trockengemüse produziert werden.
Parallel arbeitet die ONG noch zur Ernährungssituation der Kinder, derer es extrem viele in diesem Dorf gibt - während der Besprechung lugen sie durch die Lücken im Zaun, begutachten unser Auto und möchten allen die Hand schütteln … Es gibt einen sehr engagierten Arzt, der für jedes Kind ein “Ernährungsblatt” führt, sozusagen den Status der Versorgung mit den wichtigsten Grundstoffen festhält. Das Problem ist, dass viele Kinder aufgrund von Mangelernährung das 5. Lebensjahr nicht erreichen. Ziel dieser “Überwachung” ist es, die Mütter frühzeitig darauf hinzuweisen, dass z.B. ihr Kind mehr Vitamine braucht, ob dann Geld für Obst vorhanden ist bzw. grade welches irgendwo wächst, das ist dann eine andere Frage ….
Da ich bei diesen Projekten Gaststatus habe - sie werden von meiner Kollegin Katharina in Bamako betreut, habe ich mich bereit erklärt zu fahren, bei den Straßenverhältnissen, immerhin knapp 100 km in ca. 7 Stunden, ein nicht unwesentlicher Beitrag zum Arbeitsalltag.
2/3 der Strecke sind Pisten bzw. Motorradwege - wenn man den Weg nicht genau weiß, nimmt man halt jemanden mit, der/die sich auskennt, wenn das dann Fahrradfahrer sind, dann kennen sie natürlich die Pisten für Zweiräder, wir jetzt aber mit diesem Pickup - rechts die Hirse, links der Mais, eine Ortseineinfahrt, die nur durch eine Umgehung durchs nächste Feld möglich ist, nicht ganz einfach zu fahren - jedenfalls ein Tag, an dessen Ende ich durchgerüttelt bin und dringend eine Pizza und (mindestens) ein Bier brauche….

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