Eine der Fragen, die mir bei der Deutschlandreise mit am häufigsten gestellt wurde, ist die nach dem Essen. Richtig ist, dass ich hier nicht als Vollvegetarierin lebe, schon allein, weil es extrem unhöflich wäre, wenn hier bei einer Sitzung zum Mittagessen Grillfleisch besorgt wird, das einfach zu verweigern (zumal einer sowieso alle ansehen, dass sie eigentlich Hunger hat), zum anderen aber auch, weil es letztlich nicht so ganz viel Auswahl gibt:
Derzeit ist die Lage grade hier oben “am Ende der Welt” gar nicht so leicht, nicht nur dass es vieles nicht gibt, sondern es ist auch sehr teuer - für hiesige Verhältnisse. Das sollte eine relativ reiche Weißnase nicht stören, aber dann lässt auch die Qualität zu wünschen übrig - also jedenfalls gibt es Gemüse (Auberginen, Tomaten, Gurken), Mangos, Zwiebeln und Konserven - Fleisch koche ich selbst hier gar nicht, dazu bin ich zu oft unterwegs und da ist dann die Versorgung immer gut. Meine Gemüseversorgung ist sehr gut, denn Aisha, die Marktfrau, bei der schon meine Nachbarin eingekauft hat, hat mich in ihren KundInnenkreis aufgenommen. So kann ich an den Markttagen vorbeischauen und sagen was ich gerne hätte, meist bin ich aber mit dem gut bedient, was sie da hat - alte Gewohnheit aus der Gemüsekistenzeit: Gekocht wird, was da ist! Und sie hat eben auch eine gute Qualität im Angebot.
Also, gerne gekocht wird hier Reis, Fonio oder Couscous mit Sauce. Die variiert dann, das kann so sein, wie wir es in Deutschland als “Gulasch” kennen, das kann Erdnußsauce sein (die ich persönlich in Segou am besten finde), dann gibt es Fischsauce, die ihren Geschmack durch kleine getrocknete Fische erhält und zu der meist auch ein gegrillter oder gekochter Fisch (oder auch Teile davon) gereicht wird. Der leckerste Fisch, den ich bisher gegessen habe, ist der Capitaine, ein - zuweilen recht groß werdender - Süßwasserfisch, den es nur hier gibt und der wirklich sehr köstlich ist.
Dann gibt es Brochette: in Marinade eingelegtes Schaf- oder Rindfleisch (oder eben Capitainefilet), das auf kleinen Spießchen gegrillt wird, Huhn und Kaninchen in vielfältigen Variationen und Geschmacksrichtungen, Allocco (frittierte Kochbanane), sehr unterschiedliche aber prima sättigende frittierte Küchlein, süß oder salzig, sehr praktisch auf oder vor Reisen einzukaufen, frittierte kleine Fische mit scharfer Sauce … und eine ganze Menge Sachen, die ich auch noch nicht probiert habe. Salat erfreut sich großer Beliebtheit, er wird liebevoll auf großen Platten, gerne nach Farben (Rote Beete, Möhren, Gurken, Ei usw.) und Schnittgröße variiert, und sieht dann fast zu gut zum Aufessen aus …
Gekocht wird meist in drei Etappen: erst wird das Fleisch/der Fisch (wenn vorhanden) und die Gewürze (die allein, wenn kein Fleisch da ist) scharf angebraten, es köchelt dann weiter bis es gar ist, darüber wird der Siebtopf mit der Beilage (Hirse und Fonio müssen vorher ausgiebig gestampft werden) gestellt, der dann später durch einen Siebtopf mit dem für unser Verständnis sehr groß geschnittenen Gemüse ersetzt wird (in eigener Übung habe ich erfahren, dass das hier nicht anders geht, man hat sonst ganz blitzschnell Trockengemüse), das wird dann schonend im Wasserdampf gegart. Zuweilen aber auch mitgekocht, das kommt auf die Tradition des Hauses und das Rezept an.
Serviert wird auf der Basis von Getreide/Reis, dann kommt die Sauce mit Fleisch/Fisch und obenauf wird jeweils ein Stück der verschiedenen, grade vorhandenen und zubereiteten Gemüsesorten drapiert. Als Nachtisch - eher selten, aber durchaus üblich, gibt es Obst, Obstsalat, Joghurt oder auch eine Cola/Fanta/Sprite.
Es gibt in aller Regel für unser Verständnis sehr große Portionen - es wird ja viel mehr körperlich gearbeitet. Man isst gemeinsam von einem Teller oder aus einer Schüssel mit der rechten Hand (nachdem sich alle die Hände gewaschen haben, was wie eine Art “Extragang” vor dem Essen ist), aber wenn EuropäerInnen dabei sind, wird oft mit Tellern und Besteck serviert.
Das ist eine Art zu kochen, die natürlich gut für die großen Haushalte, wie sie hier weit verbreitet sind, geeignet ist. Ca. 12 bis 18 Personen müssen Tag für Tag verköstigt werden, meist gibt es im Laufe des Vormittags Hirsebrei und am späten Abend dann warmes Essen, das den verschiedenen Gruppen in der Familie durch die Frau, die an dem Tag für die Küche zuständig ist, zugeteilt wird: Der “Patron” - Chef de famille, “klar” das beste Stück Fleisch, die Alten, die hohes Ansehen genießen, kleine, aber ausreichende Portionen, die Schwestern und ihre Kinder im Haushalt, die Frau selbst, die vielleicht aber für den Ehemann und sich noch was besonderes vorbereitet hat - und die Reste sind für die kleinen Kinder und diejenigen, die nicht unmittelbar zur Familie, aber doch zum Haushalt gehören (die Kinder entfernter Verwandter, die in wohlhabendere Haushalte zum Arbeiten geschickt werden, die Bonne oder der Wächter, vielleicht noch ein alter Nachbar, der sich nicht mehr selbst versorgen kann).
Das ist jetzt alles etwas pauschal beschrieben, denn es gibt sehr unterschiedliche Haushalte und sehr unterschiedliche Eßgewohnheiten, was nicht zu letzt auch von der Ethnie, dem gesellschaftlichen Status, der Eheform, der Religion und der Region abhängt.
Außerdem wird frisch gekochtes Essen am Straßenrand verkauft. Das ist ein “petit commerce”, den viele Frauen hier betreiben, er bessert die Haushaltskasse auf und sichert die Versorgung von Menschen mit Essen, die z.B. keine Familie am Ort haben, bei der sie essen können, denn ein Restaurantbesuch ist nur etwas für ganz besondere Gelegenheiten. Neben den Garküchen (= Straßenverkauf) gibt es auch überall Restaurants unterschiedlicher Standards. In Bamako ist die Auswahl groß, da gibt’s dann durchaus “internationale Küche” vom Italiener bis zum Chinesen, allerdings auch zu “globalisierten Preisen”, so dass auch wir da nur selten hingehen. Auch in Städten wie Segou und San gibt es unterschiedliche Angebote.
Auf dem Schulweg haben die Kinder kleine Plastikeimerchen mit ihrem Frühstückshirsebrei dabei, in den wenigsten Schulen gibt es eine Schulspeisung.
Das lässt mich innerlich schauern, grade nachdem ich diese Woche den Spiegel mit dem Titel “Krieg im Klassenzimmer” gelesen hatte:
Die Kinder laufen hier bis zu 15 km eine Strecke, um das Privileg zu genießen in die Schule zu gehen, sie sind morgens in Gruppen auf der Landstraße unterwegs, das Geld für ein Taxi Brousse haben sie nicht, sie können froh sein, dass ihre Eltern das Schulgeld aufbringen können und ihnen gelegentlich einen Kugelschreiber kaufen ….
Und dann sitzen sie mit 50 bis 90 SchülerInnen in düsteren Klassenräumen, mehr als “Frontalunterricht” ist da nicht möglich und wenn es hier ein Problem als Basis für viele andere gibt, dann ist es eine echte Bildungsmisere, denn dass nach 4 bis 5 Jahren in so einer Schule noch immer viele nicht lesen und schreiben können, ist nahe liegend.
Und wofür auch? Die Aussichten, eine weitere Ausbildung machen zu können, sind gering. Aisha, die mich mittags hier im Büro immer an meine Pause erinnert und gerne mit mir zu ihrem Haus fährt, weil es auf dem Weg liegt, ist so eine junge Frau: 15 Jahre jung, besucht die 10. Klasse, im August ist sie fertig, was sie werden wolle, habe ich sie mal gefragt: “Ich möchte mal in einem Büro arbeiten” - “In Bandiagara?” - “Tja, das wird schwierig - ich weiß noch nicht” - außer den ONG, der Bürgermeisterei und den Schulen gibt’s hier nämlich überhaupt keine Büros, sie müsste zur Ausbildung nach Mopti, oder gar Segou oder Bamako gehen - und das könnte teuer werden….
Letztlich kann sie sich noch glücklich schätzen, dass sie so lange zur Schule gehen durfte, denn die meisten Mädchen werden im Alter von 11/12 zu Verwandten geschickt, um dort zu arbeiten, wenn sie sich “bewähren”, wird ab ihrem 14. Lebensjahr nach einem Ehemann Ausschau gehalten und die ersten Kinder mit 16/17 Jahren sind dementsprechend keine Seltenheit.