Mai 2006


Heute vor einem Jahr hab ich meinen “vorübergehenden Abschied” beim Kreis Mettmann gefeiert, geht doch ganz schön schnell rum so ein Jahr. Ich bin ja auch inzwischen schon lange genug hier, um einen ersten Sachbericht fertigen zu müssen und um auch schon mit den neuen KollegInnen, FreundInnen und Bekannten so was wie “Vergangenheit” zu haben …

Großer Bahnhof in der ganzen Region: Als ich morgens Reinhild zum Busbahnhof bringe, sind Sévaré und Mopti mit Fähnchen geschmückt, in Bandiagara hängt ein großes Transparent über der Straße am Ortseingang: “Willkommen unserem Präsidenten Amadou Toumani Touré (ATT) und seiner Delegation in Bandiagara!”. Gestern Abend brachte noch ein junger Mann die Einladungskarte bei mir zu Hause vorbei: Ab 15.30 Uhr am Gelände der neuen Wohnanlage, wird ATT eben diese Anlage feierlich eröffnen (in Mopti gibt es eine ähnliche, da ist der Präsident morgens zu Gast).
Tja, und dann sitzen wir pünktlich unter dem Hanger, der zum Schutz vor der Sonne aufgebaut worden ist - und können den ganzen Ort kennen lernen, denn es sind sehr sehr viele Menschen gekommen! Etliche habe Trommeln und Musikinstrumente mitgebracht, eine Mischung aus einer modernen Band mit Schlagzeug und Gitarre und einer traditionellen Gruppe mit Trommeln und Flöten unterlegt das Ganze, die Maskentänzer aus dem Dogonland sind da, die Jugendgruppen und die Parteiorganisationen, viele ONG, alle wichtigen RepräsentantInnen der Stadt. Drei Polizeibeamte versuchen eine “übersichtliche Aufstellung” des Publikums rund um den Hangar zu erreichen, ein Unterfangen, das mit Stöcken aus dem Busch unterstrichen wird, mit denen vor den Leuten auf den Boden geklopft wird (die Jugendlichen machen sich natürlich einen Spaß draus, immer wieder über die Linie zu gehen), als der Präsident dann nach 2 Stunden wirklich da ist, gibt es natürlich kein Halten mehr: Jeder und jede möchte möglichst nah ran - um ihn selbst gibt es jedoch einen Sicherheitsstab in voller Armeemontur ….
Leider ist die Anlage für die Wiedergabe der Reden völlig unterdimensioniert - wir haben uns weit nach hinten gesetzt, um nicht anderen die guten Plätze wegzunehmen, also verstehe ich gar nichts. Es wird aber ein Prospekt herumgereicht, in dem das neue Wohnmodell vorgestellt wird: Eine Maßnahme zur Eigentumsschaffung mit 20 Wohneinheiten, allerdings sagen alle malischen Bekannten, die ich dazu befrage, dass es bei der Planung vielleicht etwas an der Realität vorbeiging, denn mit ca. 100 qm sind die Wohnungen für die hier übliche Großfamilie schlicht zu klein gehalten … man hofft trotzdem KäuferInnen zu finden, denn - und das ist der große Vorteil der Anlage: Strom und Wasser sind vorhanden, eine Zufahrt ist erschlossen, also schon gut vorbereitet. Es gibt diese Projekte an 5 verschiedenen Orten und manche sagen auch, dass bei einem anderen Präsidenten dann die Verwaltung “versickert” … man wird sehen. Jedenfalls war es ein wunderbares Fest für alle Beteiligten, der Bürgermeister, der Präfekt, ein künftiger Bewohner, der Sozialminister und schließlich der Präsident selbst sprachen engagiert und von Beifall begleitet.
Und ich war froh, dass ich angesichts der langen Wartezeit meine Thermoskanne mit Wasser dabei hatte …

Heute geht es nach Kontza, ca. 140 km Richtung Gao, dort unterstützen wir ein Fischerprojekt in einem der drei Stadtteile des Ortes, der direkt am Niger liegt. Nach ca. 50 km verlassen wir die Teerstraße und es geht über Piste, schließlich über schwer erkennbare Pfade durch eine Landschaft, die dem Wattmeer nicht unähnlich sieht. Hier wird in Kürze, wenn (hoffentlich) der Regen kommt, endlich wieder Reis angebaut. Der Stadtteil, den wir besuchen, wird dann allerdings ausschließlich über den Niger erreichbar sein.
Die Fischer von Kontza haben eine Getreidebank eröffnet, ein Unterfangen, das dazu beiträgt, die Ernährung der Bevölkerung, ca. 500 Personen in diesem Ort, auch am Ende der Trockenzeit noch sicher zu stellen. Das Getreide wird zu Zeiten mit günstigem Preis gekauft, gelagert und wenn es dann knapp wird, mit geringem Gewinn wieder verkauft, der Gewinn geht in die Kasse der Assoziation, von der die nächste Investition in neues Getreide getätigt werden kann. Mit Unterstützung durch das Mikroprojekteprogramm haben die engagierten jungen Leute einen neuen Getreidespeicher gebaut, der jetzt die Fenster so hoch hat, dass die Mäuse nicht mehr reinkommen. Wir treffen uns an diesem Speicher, denn außer um die Getreideversorgung geht es auch um die Erfahrung für die Mitglieder der Assoziation, ein solches Projekt gemeinsam zu gestalten. Welche Erfahrungen haben sie mit der Struktur (die der deutschen Vereinsstruktur nicht unähnlich ist, aber einer malischen Gesetzesvorgabe entspricht), machen Präsident, Kassenwart und Speicherverantwortlicher ihre Arbeit so, dass alle davon profitieren? Haben neue Mitglieder lesen und schreiben gelernt? Wurde die erste Charge Getreide erfolgreich verkauft und konnte für die nächste Saison Geld bei Seite gelegt werden?
Ich höre nun hier wieder eine neue Sprache, denn wir befinden uns am Fluss und die Menschen dort sind Bozo, die wiederum ganz anders sprechen als Pheul (Fulbe, meist Hirten), Dogon (Dogon, meist Bauern auf dem Dogonplateau), Malinke (Manding, traditionell “Krieger”) … also wird erstmal in Bambara übersetzt und von da dann ins Französische … Jedenfalls sind alle sehr froh über den neuen Speicher, der noch einen Zementboden bekommen soll. Die Finanz- und Handelsverantwortlichen stellen Fragen zur Buchführung, wie sie ein Projekt von dieser Größenordnung letztlich schon erfordert, ich habe den Eindruck, dass hier gut zusammengearbeitet wird, man sich gut kennt und sich vertraut.
Warum keine Frauen in der Assoziation sind, frage ich; “Tja, da gibt es halt die Arbeit der Frauen und die der Männer und das mit dem Getreide ist nun mal Männersache …”. (Im Dogonland habe ich dazu neulich die Geschichte gehört, dass Frauen nicht in die Speicher der Männer schauen dürfen, damit sie sich nicht von dannen machen, wenn sich rausstellt, dass da nur wenig Getreide drin ist, der Mann also in Wirklichkeit arm ist…).
Wir werden zum Essen eingeladen, köstlicher Fisch mit Fonio und einer leckeren Sauce, anschließend malischer Tee, der wieder munter macht - und dann sind plötzlich die Frauen des Ortes da, in den besten Kleidern stellen sie sich vor und erzählen von der der Vereinigung, die sie ihrerseits jetzt gründen wollen, da geht es um den “petit commerce” - Verbesserung des Einkommens, Gesundheits- und Hygieneförderung. Die Männer verlassen sofort fluchtartig den Speicher, nur der Präsident und der Kassenwart bleiben, um zu übersetzen.
Zum Abschied wird getrommelt und getanzt, nach malischer Sitte werden wir von allen bis zum Auto begleitet (ansonsten geht man bis zum Haustor mit) und nach Hupen und Winken versuche ich wieder die Pfade zurück zur Teerstraße zu finden ….

Ein neues Projekt hat sich für die Förderung beworben, d.h. es muss eine Machbarkeitsstudie erstellt, ein Besuch vor Ort gemacht und mit den Mitgliedern der Assoziation gesprochen werden. Bei dem Projekt geht es um Wiederaufforstung, was ein schwieriges Unterfangen ist, da die Pflanzen sehr schnell vertrocknen und auch von den frei weidenden Tieren “bedroht” sind. Also gehört zur Projektplanung eine Umzäunung des Geländes, ein kleiner Hangar, unter dem die jungen Setzlinge vor der prallen Sonne geschützt sind und die Verbesserung des Zugangs zum Brunnen, der zwar in der Nähe ist, aber eben schwer zugänglich. Ca. 20 Leute sind auf dem Grundstück, als wir zum Gespräch raus fahren, ca. 1/3 der Umzäunung sind schon fertig - es handelt sich um Steinmäuerchen, die aber hoch genug sind, um die grasenden Tiere abzuhalten.
Beim anschließenden Gespräch mit VertreterInnen aus den unterschiedlichen Dörfern wird deutlich, dass man sich der Umweltprobleme, die z.B. durch Abholzen und nicht Wiederaufforsten entstehen können, sehr bewusst ist. Allerdings ist es eben auch so, dass Holz für die Feuer in den Küchen, Schmieden etc. gebraucht wird - und dass immer weitere Wege von den Frauen, die für das Holzsammeln verantwortlich sind, zurückgelegt werden müssen. Es gibt daher auch noch eine Verbindung zu einem Solarprojekt, mit dem darauf hingearbeitet wird, z.B. für Beleuchtung und Kochen vom Holz unabhängiger zu werden. Deshalb halten wir das Projekt für gut durchdacht, entschieden wird darüber aber in einem Komitee in Bamako Anfang Juni.
Das reicht dann zeitlich gerade noch, denn dann fängt die Regenzeit an und die ProjektemacherInnen und die Setzlinge haben gute Chancen für die ersten Wochen und Monate ihres Wachstums …