August 2006


Bochum
Das ist schon ein Weltenwechsel, erst in Bamako die Probleme mit dem online ticket, das ein widerwilliger Drucker schließlich doch ausspukte, dann in Düsseldorf das Gepäck nicht angekommen - und wieder eine Dame, die den Drucker wechseln muß, weils der normale nicht tut- das ist doch noch keine 12 Stunden her, da hatte ich das doch schon mal?
Zwischenstopp in Casablanca, Kontrollen ohne Ende, aber letztlich gut gelandet und große Freude übers Wiedersehen mit Martin und Andrea … die meine liebevollen Gastgeber für die nächsten 3 Wochen sind.

Langsam geht es an die Reisevorbereitungen. Doppelt packen ist angesagt: Erst sind 3 Tage in Bamako mit Mitwirkungsausschuß, Fachgruppe und Koordinationsterminen angesagt, dann vielleicht ein bißchen Erholung im Pool vom Hotel Salam und Samstag nacht geht es dann los nach Casablanca und von dort nach Düsseldorf. Aber das Packen ist jetzt schon Routine, für Deutschland brauche ich nicht viel, habe ich doch bei meinem alten Freund Martin Kleidung für kühle Witterung deponiert. Wie üblich gibt es Wünsche für die Einkaufsliste, Briefe und Karten, die in Deutschland eingeworfen werden sollen und die Ankündigung von Päckchen und Paketen, die ich dann wieder mit zurückbringen soll. Ich kann auch ein gewisses Reisefieber nicht leugnen, natürlich möchte ich vorher auch die wichtigsten Arbeitsaufgaben, Finanzplanung und Jahresbericht fertig haben. Ja, ja, Jahresbericht, am 15. September bin ich ein Jahr hier!

Mit meinen Kollegen Arama und Anna fahre ich nach Dourou, was in der Regenzeit nicht ganz einfach ist - die Wasserpfützen auf der Piste sind nicht gut einzuschätzen, was Tiefe und Länge betrifft, ich möchte auch nicht alle FüßgängerInnen immer vollspritzen. Mit der Zeit entwickele ich einen guten Blick für die Umgehungspfade, die es für besonders große und tiefe Wasserläufe gibt, nur selten landen wir in völlig unwegsamer Wüste. Es ist jetzt alles grün - viele verschiedene Grüntöne und es wird dann noch wunderschön, als wir das Ziel unserer Reise erreichen: Den Kleinstaudamm von Dourou, der letztes Jahr fertig wurde und von dem aus wir nun einen schönen Blick über einen großen See haben. GAAS Mali hat diesen Staudamm zusammen mit den BewohnerInnen von Dourou gebaut, er versorgt die EinwohnerInnen eines Stadtteils mit Wasser und ermöglicht ihnen mindestens eine zusätzliche Ernte. Wir besuchen den Dorfältesten, ziehen in Erwägung ein Huhn zu kaufen, lassen es aber, weil es als zu jung befunden wird …. Auf dem Rückweg kommt die Sonne durch, Arama muß noch Vermessungsarbeiten erledigen, dabei treffen wir ein freundliches Hirtenmädchen, dem ich zusage, das Photo von ihr auch an sie zurückzuschicken. Arama soll es beim nächsten Besuch mitbringen.

In Sévaré hatte es endlich mal richtig geregnet, fast die ganze Nacht! Als ich Freitag morgen dort ankomme, steht der ganze Stadtteil (es ist so wie mit Bochum und Wattenscheid: Sévaré gehört seit einer ungeliebten Gebietsreform zu Mopti, fühlt sich aber unabhängig) praktisch völlig unter Wasser. Von der Teerstraße ist nur noch eine schmale Spur übrig, auf der sich jetzt der ganze Verkehr tummelt: Eselskarren, Mopeds, Fahrräder, vereinzelte Autos und viele viele Fußgänger. Es ist kühl, bedeckt, alle sind eilig ins Warme zu kommen, ihre Sachen zu erledigen. Beim Abbiegen zum PASIB-Büro, wo ich meinen Termin habe, weiß ich meinen 4×4 Toyata Pickup zu schätzen. Hochbeinig pflügt er sich durch die Wassermassen, mit einem PKW wäre es hier echt schwierig. Bei dieser Fahrweise muss man immer drauf achten, dass möglichst ein Rad wenigstens am Rand so was wie Bodenhaftung behält, inzwischen habe ich aber schon kleine Flüsse gequert.

Gegen Mittag dampft die Stadt, die obligatorischen 30 – 37 Grad sind wieder erreicht. Ich erzähle von den Nachrichten aus Deutschland und Europa, wo eine Hitzewelle alle sehr belastet, müdes Lächeln - „aber anders als hier, gibt es dort ja wohl auch keine Klimaanlagen“, bemerkt ein Gesprächspartner weitsichtig. Wobei diese Geräte hier letztlich auch die Ausnahme sind, die meisten können sich weder die Anschaffung noch die Stromkosten dafür leisten, aber die Häuser sind halt so gebaut, dass sie die Kühle halten.
Abends besuche ich Jutta aus Deutschland, sie lebt seit 13 Jahren in Sévaré, betreibt ein Restaurant und ein freundliches Bed & Breakfast und ist hier eine Art Institution. Viele Leute kennen sie, sie zeigt ihren Gästen besondere Märkte und Möglichkeiten und freut sich immer, wenn ich mal vorbeischaue. Wer richtig schöne Mali Bilder sehen will, der/dem sei ihre website empfohlen (besonders sehenswert und originell: die Kamelserie) www.maliphotos.de; www.mankan-te.de; wer sich für direkten Kontakt oder Unterkunft interessiert schreibt sie am besten direkt an: jutta@mankan-te.de.
Ich bleibe spontan in Sévaré und morgens fahren wir gemeinsam nach Mopti zum Künstlermarkt. Eine trostlose Veranstaltung, seit der Stadtrat beschlossen hat, den alten Markt abzureißen und neu aufzubauen. Das war Anfang 2005, man hat den Händlern einen völlig abgelegenen Platz zugewiesen, wo sie wunderschöne Produkte feilhalten, aber es findet halt kaum jemand hin. Im Grunde muss man nach Mopti reinfahren, Richtung Hafen, am Fischmarkt links abbiegen, durch einen Busbahnhof, an dessen Ende viele LKW geparkt sind, so dass man glaubt, es geht nicht weiter. Da das Auto stehen lassen, zwischen den LKW hindurchschlüpfen, da ist dann der Markt. Der neue Markt an der alten Stelle in der Innenstadt sollte Mitte 2005 fertig sein, es steht noch nicht mal der Rohbau, das Geld ist ausgegangen …. Aber ein Besuch lohnt sich auch am abgelegenen Standort. Es gibt Masken aller Bevölkerungsgruppen, Schnitzereien, Schmuck, Lederwaren und für mich, die ich nach einem komplizierten Einparkmanöver schon mal wieder schweißüberströmt bin, zur Begrüßung erst mal einen malischen Tee. Dabei handelt es sich um Minzeblätter, die mit viel Zucker und wenig Wasser auf einem winzigen Holzkohleöfchen in einer kleinen Kanne erhitzt werden, dann wird das in eine andere Kanne gegossen, wieder erhitzt, alles ganz gemächlich, wie oft und wie lange ist Geheimnis des Teekochers (nur selten habe ich Frauen diesen Tee bereiten sehen), na und irgendwann ist dann der 1. Aufguss fertig, bitter-süß, aber erfrischend, der 2. dann schon sanfter und der 3. dann so ähnlich wie bei uns Pfefferminztee. Die Wirkung ist beachtlich: Hunger- und Müdigkeitsgefühle verschwinden umgehend, manche sagen, sie kriegen Kopfschmerzen, wenn sie nicht mindestens 3 Tee am Tag trinken….

Durch meinen Kollegen Kara lernte ich die Behindertenorganisation von Bandiagara kennen. Haben es Frauen und Jugendliche schon schwer, so ist es für diese Bevölkerungsgruppe schier unmöglich, überhaupt etwas zu verdienen. Mit einer privaten Spende aus Deutschland haben sie eine kleine Schönheitsboutique und einen Frisiersalon aufgebaut – 5 bis 7 Frauen arbeiten jetzt dort. Und ihre neueste Idee, der Verleih von Brautkleidern hat in Deutschland auch noch mal UnterstützerInnen gefunden – Dank an alle Kollegen und Kolleginnen und an den Landrat des Kreises Mettmann sowie den Bürgermeister von Haan! Durch ihre kurzfristige und spontane Hilfe werden die Frauen zwei Kleider anschaffen können und diese dann verleihen und natürlich die Braut „schönmachen“ – so was kann schon einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Ich bin an Nachhaltigkeit interessiert, also diskutieren wir auch, dass die Kosten für die Reinigung und womöglich notwendige Reparaturen in den Verleihpreis eingerechnet werden müssen. Und um zu sparen, überlegen wir dann gemeinsam, ob es nicht günstiger eine/n AusbilderIn nach Bandiagara zu holen, der/die dann alle schult, statt 2 Frauen nach Bamako zu schicken, wie es ursprünglich die Idee war. Es ist noch einiges zu organisieren, aber es ist ja auch noch Zeit, bis ich Mitte September mit dem Geld zurückkomme.

Ich beginne mit Reisevorbereitungen für meinen Deutschlandbesuch – diesmal fliege ich über Casablanca, Air France ist unglaublich teuer geworden.