September 2006


Wir sind im Hotel Cheval Blanc eingeladen. Der Besitzer, ein Schweizer, der schon seit vielen Jahren in Mali lebt, hat Geburtstag. Es ist eine malisch/europäische Feier, es gibt gutes Essen, Musik und kleine Grußworte, in denen die Verdienste des Jubilars gewürdigt werden. Das Hotel ist mit das beste Haus am Platz, eine interessante Architektur, alle Kuppelbungalows mit Klimaanlage, ein kleiner Pool (den zu besuchen ich immer noch nicht geschafft habe) und ein schöner Garten. In der Saison (September bis März) kommen viele Reisegruppen, die dann außerdem noch das Togona, ganz im Dogonstil oder das Hotel Falaise, sozusagen in Ortsmitte, zur Auswahl haben. Für Backpackers und low budget TouristInnen bietet sich das Auberge Kansaye oder das Village an, sie sind „sehr afrikanisch“, aber eben auch entsprechend preiswert. Eine „Hotelkultur“ gibt es eigentlich nicht, denn meist hat man auf Reisen die Möglichkeit bei Verwandten und Bekannten zu übernachten, was nicht nur billiger ist, sondern auch mehr Spaß macht, weil es die neuesten Neuigkeiten gibt, gemeinsam gegessen wird und man abends nicht allein rumhängt. 

Mme Sow, Präsidentin der Frauenassoziation im IV. Quartier kommt zu mir ins Büro. Sie hat eine Liste dabei, was sie brauchen, um mit dem Gemüsetrocknen anzufangen: eine Schneidemaschine, Rahmen mit Gitter um das Gemüse zu trocknen, Plastikbeutel zum Verpacken, eine Verschweißmaschine, um die Beutel zu schließen, Ettiketten, auf denen Herstellungsort, Datum und der Name der Assoziation zu lesen sein werden. Ich frage, ob sie schon mal ausgerechnet haben, wie viel Gemüse sie für wie viele Beutel brauchen und welchen Preis sie erzielen müssen, um den beteiligten Frauen ein Gehalt zahlen zu können und noch Geld in der Assoziationskasse zu behalten, um den nächsten Produktionszyklus beginnen zu können. Das sind schwierige aber nötige Fragen, oft werden solche Projekte begonnen und nach der ersten Runde wieder eingestellt, weil genau diese Vorabplanung fehlt und dann kein Geld zum Weitermachen mehr da ist. Wir verabreden, uns bald noch einmal mit der Schatzmeisterin zusammen zu setzen. 

 

Ganz schön geschafft bin ich von der Tour, aber es hat auch Spaß gemacht und weil heute Samstag ist, ruh ich mich erst mal gründlich aus. Abends wird bei einem Kollegen Capitaine (ein Süßwasserfisch, der nur im Niger vorkommt – sehr sehr lecker!) gegrillt – ein schöner Anlass sich mit allen KollegInnen zu treffen und sich über die Erlebnisse am Nationalfeiertag auszutauschen.  

 

Tag der Unabhaengigkeit in Mali – Nationalfeiertag

Also um 5.00 Uhr durch Bandiagara zu fahren, ist kein echtes Vergnügen. Aber ich finde Maladas Haus, wir sammeln noch weitere KollegInnen ein und auf geht’s Richtung Sévaré – Douentza. Nach ca. 170 km müssen wir die Asphaltstrasse verlassen – 28 km Piste liegen vor uns. Am Donnerstagabend hat es – offenbar nicht nur in Bandiagara – heftig geregnet. Zunächst lässt sich alles ganz gut an – ebene Felsflächen, in denen sich die Spur der Piste im Sand abzeichnet, außerdem haben wir 2 Personen dabei, die den Weg kennen. Dann fangen Schlammspuren an und ich – seit über 6 Wochen auf keiner Piste mehr unterwegs gewesen – denke mir, in die muss ich ja nicht reinfahren, wähle doch lieber das Grün auf der rechten Seite um den Schlamm zu umfahren. Ein fataler Fehler, entpuppt sich die Grünfläche doch als Sumpfgebiet in dem sich der rechte Hinterreifen bis auf die Hinterachse versenkt (wer den Toyota Hilux kennt, weiß wie hochbeinig der ist und was das bedeutet!). Das wars dann erst mal. Wir steigen alle aus und die drei Männer krempeln die Hosen hoch und waten zum Hinterrad. Sie fragen nach dem Wagenheber, der im schlammigen Untergrund keinen Halt findet, weshalb erst mal Steine herangeschleppt werden. Ich studiere derweil die (französische) Gebrauchsanleitung für den Allradantrieb. Es gab mal eine Einführung dazu, aber das ist verdammt lang her und ich habe diese Funktion noch nie benutzt. Schließlich hole ich mir die Zange, wate zum leicht eingesunkenen Vorderrat und stelle die Narbe wie in der Beschreibung vorgesehen um. Zu meiner Überraschung lässt sie sich – obwohl schlammverkrustet – leicht bewegen. Auch das zweite Rad wird umgestellt, jetzt muss ich nur noch entscheiden, welchen der drei jetzt zusätzlich zur Verfügung stehenden Gänge ich nun benutzen will. Meiner Art entsprechend entscheide ich mich für die Mitte (H4), die Männer haben inzwischen einen Steinturm kreiert, auf dem der Wagenheber die Hinterachse millimeterweise nach oben hievt – als es fast geschafft ist, bricht die Konstruktion zusammen und alles beginnt von vorne. Schließlich liegt die Achse frei und ich werde rausgewunken, wir schaffen es aus dem Schlammloch in die tiefe Schlammspur und von dort zügig auf etwas trockeneres Stück, wo alle wieder einsteigen können. Von nun an fahren wir 4×4, was tatsächlich verdammt viel ausmacht. Die malischen Kollegen spüren, dass ich jetzt einen Höllenrespekt vor den Wasserlachen und –löchern habe, also steigt vorher Amadou aus und watet hindurch, um mir die zu erwartende Tiefe anzuzeigen. Auf diese Weise durchqueren wir die Ebene, dann kommt eine richtig gut ausgebaute Kopfsteinpiste, die steil den Berg hinaufführt – ja klar, sagt Malada, die hat das PRBP (Projet de Barrage et Pistes, ein Gemeinschaftsprojekt von ded und KFW – Kreditanstalt für Wiederaufbau, bei dem einige meiner KollegInnen arbeiten) in Zusammenarbeit mit dem Dorf gebaut. Eine weitere Hochebene wird überquert, es geht noch mal bergan und dann sind wir in Borko! Das Auto wird sofort umringt, herzliches Willkommen für die „Delegation“ aus Bandiagara! Auf dem Dorfplatz ist schon der Hangar aufgebaut, die meisten Honoratioren sind bereits versammelt: Der traditionelle Dorfchef von Borko, die Dorfchefs der umliegen bzw. zur Gemeinde Borko gehörenden Dörfer, der gewählte Bürgermeister, die Repräsentantin aus Sévaré/Mopti, der Vertreter des Prefekten, die Repräsentantin der Frauenvereinigung und und und … Wir werden beim Dorfchef platziert, noch gibt es Probleme mit dem Verstärker, ein Wackelkontakt und Rückkoppelungen, aber schließlich funktioniert alles und alle hier genannten ergreifen das Wort. Nach der ersten Rede frage ich Malada, was der Dorfchef gesagt hat, sie antwortet „keine Ahnung, er spricht einen anderen Dogondialekt als ich“ – also warte ich die französische Übersetzung ab. Es gibt 2 bis 3 Übersetzungen der jeweiligen Reden, Dogon, Französisch, einmal auch Bambara, Dogon, Französisch, der Bürgermeister spricht auf Französisch, was dann wieder ins Dogon übersetzt werden muss – braucht alles seine Zeit. Zum Schluss drückt mir jemand das Mikro in die Hand und meint, „Du musst jetzt auch was sagen“ – das war nun etwas sehr überraschend, ich bedanke mich für die Einladung ins schöne Borko und wünsche ein gelungenes Fest – was dann auch wieder 2 mal übersetzt wird …. Dann löst sich die Versammlung auf, um Siesta zu halten und die Tänze vorzubereiten. Malada hat ihre Freundin Kardija getroffen, eine Nichte meines Kollegen, der uns inzwischen begrüßt hat. Die beiden jungen Frauen wollen mir nun die Kaimane zeigen. Diese leben am Dorfeingang in einem großen Tümpel, der über und über mit Wasserpflanzen bedeckt ist. Erstmal sehe ich gar nichts. Doch dann schieben sich nach und die archaischen Tiere ans Ufer. Wir bezahlen eine Portion Fleisch, daraufhin kommt ein alter Mann, der die Kaimane „ruft“ – und tatsächlich, binnen kürzester Zeit sind 10 prächtige Exemplare am Ufer und schnappen nach den Leckerbissen. Wir halten respektvoll Abstand. Nach der Fütterung kommt die Fotosession: Der alte Mann streichelt den größten Kaiman und besonders mutige Zuschauer gesellen sich hinzu und lassen sich fotografieren – rundherum tummeln sich die anderen Kaimane, aber sie sind satt und friedlich und verziehen sich nach und nach wieder in ihren Tümpel. Klar gibt’s jetzt auch von mir ein Foto mit Kaiman! Mein Kollege erklärt mir, dass die Kaimane frühmorgens auf der Piste spazieren, dass sie noch nie jemanden angefallen haben und dass man eigentlich gern einen Park für Touristen aus dem Teich machen würde. Ich meine, dass dafür der Zugang verbessert werden müsste und dass die Tiere vielleicht aggressiv werden, wenn man sie einsperrt. Wir kaufen jetzt Fleisch für uns, essen und lassen uns im Schatten der Dorfschule nieder. Gegenüber haben Jugendliche ein Solarpanel ausgelegt und eine Musikanlage angeschlossen, da wird schon mal zu –Diskomusik getanzt – gegen 14.00 Uhr geht’s dann auf dem Dorfplatz weiter. Hier ist jetzt Markt und Gedränge von TänzerInnen und ZuschauerInnen. Als Gäste von auswärts bekommen wir einen Sitzplatz mit guter Sicht auf den Tanzplatz. Es ist heiß, den TänzerInnen wird immer mal wieder Wasser und Dolobier gereicht - alte Frauen und Männer stimmen traditionelle Gesänge an, die mit Trommeln begleitet werden und wer mag, wagt sich auf die Tanzfläche. Malada sagt, das geht jetzt bis morgen früh weiter – ich habe besagte Piste vor meinen Augen und dränge so gegen 16.30 Uhr zur Rückfahrt. Ich möchte vor Einbruch der Dunkelheit auf der Asphaltstraße, am liebsten schon in Sévaré sein, denn die Strecke nach Bandiagara kenne ich schließlich. Bei den Schlammlöchern angekommen, entscheide ich mich für den Gang L 4 – der Wagen pflügt wie ein Boot durch das Wasser, bloß nicht zu viel Gas geben! An der Asphaltstraße gibt’s eine Runde Limonade, ich stelle die Radnarben wieder um, schließlich zieht der Allradantrieb ziemlich viel Diesel. Wir schaffen es tatsächlich kurz nach Einbruch der Dunkelheit in Bandiagara zu sein – allerdings bin auch ich geschafft!

 

 

Auch in Bandiagara ist der Alltag schnell wieder eingekehrt. Mein Gepäck habe ich sortiert, die meisten Geschenke überreicht und im Büro geht es rund wie immer. Ein Tag in Sévaré – und schon ist der Oktober weitestgehend verplant. Mein Kollege Karamogo ist Vater geworden, die Frau vom Kiosk gegenüber hat sich gut von der Geburt ihres kleinen Mädchens erholt – es verbringt den ganzen Tag mit ihr und den anderen Kindern unter dem Baum gegenüber meines Hauses und ist schon kräftig gewachsen. Madame Sow, von der Frauenassoziation im 4. Quartier kommt vorbei, auch sie hochschwanger, da wird es bald so weit sein. Wir verabreden uns für kommenden Dienstag, um das Projekt fürs Gemüsetrocknen weiter auszuarbeiten. Aisha, die Marktfrau, freut sich, dass ich wieder da bin und nimmt gleich die Bestellung auf. Das Angebot ist bescheiden, aber sie schafft es immer mal wieder Salat und sogar Kartoffeln zu organisieren. Modibo schaut vorbei und fragt nach der Kamera, die ich ihm mitbringen sollte, er ist zufrieden mit der Wahl, Daou kommt, um zu hören, ob ich alles Französisch wieder vergessen habe. Anna hat ihren Fuß in Bamako behandeln lassen und kann ihn jetzt wieder gut bewegen, wir lachen viel, weil ja meine Warze jetzt auch weg ist, wir also beide nicht mehr humpeln müssen! Schließlich schlägt Malada, eine Kollegin im Büro vor, den Nationalfeiertag zu nutzen, um nach Borko zu fahren, dort wohnt die Familie des Kollegen Kassouge und dort wird der Nationalfeiertag heftig gefeiert. Wir verabreden uns für Freitagmorgen 5.00 Uhr bei ihr zu Hause. 

Bandiagara 

Da ich nun schon seit fast 5 Wochen unterwegs bin, entscheide ich mich einen Tag eher als die KollegInnen aus Bamako mit dem Bus zurückzufahren. Mein Gepäck kann ich im Gästehaus lassen, die anderen bringen es im Auto mit. Am Freitagabend habe ich noch die Idee, mit einem Kollegen bis Ségou zu fahren, was sich als folgenschwerer Fehler erweist. Dort nämlich, am Busbahnhof abgesetzt, warte ich auf den Bus nach Sévaré. Einer kommt auch, ich steige ein, aber sofort ist der Bahnhofsverantwortliche zur Stelle und fordert mich auf, wieder auszusteigen, da der Bus – zugegebenermaßen – wirklich sehr voll ist. Er verspricht, dass in wenigen Minuten ein anderer Bus kommen wird, der mehr Platz hat und komfortabler ist – naja, der zweite Fehler des Tages. Wir sind um 7.00 in Bamako losgefahren, inzwischen ist es 13.30 Uhr und ich habe grade mal ein knappes Drittel der Strecke geschafft. Langsam werde ich ungeduldig. Jeder Bus, der ankommt, wird von mir befragt, der Bahnhofsvorsteher ist mittelprächtig genervt, es ist ihm sehr unangenehm, aber letztlich kann er ja auch nichts dafür, der Bus hat halt Verspätung …. Er rät mir, mich zu den anderen Mopti/Sévaré Wartenden zu setzen, widerstrebend lasse ich mich dort nieder. Ein älterer Herr im schmucken Bubu schaut mich mitleidig an „Sie sind gestresst, was ist los?“ – „Ach, ich warte jetzt schon 4 Stunden (inzwischen ist es 16.00 Uhr) und es ist noch weit…“ – „Sehen Sie, ich sitze schon seit 8.00 Uhr heute morgen hier, so was kommt halt vor“ – irgendwie getröstet, vertiefe ich mich wieder in „Die Entstehung der Currywurst“ – was mich wieder für eine Weile ablenkt. Zwischendurch lädt mich ein Familienvater zum mitessen ein, aber ich habe keinen Appetit. Schließlich kaufe ich mir doch ein Brot – und während ich noch das Geld suche, springen alle auf – der Bus ist da!  Auf den ersten Kilometern wird mir klar, woher die Verspätung kommt: Der junge Busfahrer hält allein in Ségou noch dreimal an, um Bekannte zu begrüßen, noch schnell was einzukaufen, noch einen Fahrgast mitzunehmen, jetzt bin nicht nur ich genervt. Schließlich sind wir endlich auf freier Strecke – der Wagen legt an Fahrt zu, ich nicke ein. Werde wach, als wir in San auf den Busbahnhof zusteuern. Ich lasse mir mein Brot mit gegrilltem Schaffleisch füllen, beim Essen bin ich von Kindern umlagert, die sich sofort das Papier mit den Resten schnappen, als ich mit dem Essen fertig bin, ein Mitreisender lädt mich auf ein Tonic ein, noch Zeit die Latrine zu finden und weiter geht’s …. 

Beim Losfahren meine ich einen unangenehmen Geruch, wie Benzin oder verschmorgelndes Gummi wahrzunehmen, aber ich schlafe schnell wieder ein und werde vom Rumouren des Busses im Bereich der Vorderachse wieder wach. Wir halten an, wir sind in Tene – dieser Ort scheint es auf mich abgesehen zu haben, hier wurde mir von einer LKW-Tür die Seitenscheibe zerdeppert, nun ist unser Bus hier „en panne“. Es ist 21.30 Uhr, kein handy-netz. Von San aus habe ich noch Guindo angerufen und mitgeteilt, dass ich wohl nicht vor Mitternacht zu Hause bin – damit ist jetzt gar nicht mehr zu rechnen. Zum Glück gibt es eine Telefonkabine und ich kann Bekannte in Sévaré anrufen und mir eine Übernachtungsmöglichkeit organisieren. Ca. 2 Stunden lang wird erst der Motor inspiziert, dann offenbar die Vorderachse zerlegt und wieder zusammengesetzt. Ich lasse mich auf einer Bank nieder, andere haben ihre Matten ausgerollt und schlafen, wieder andere beten, mit stoischer Gelassenheit wird gewartet, dass das Fahrzeug wieder flottgemacht wird. Kein böses Wort, keine Schimpferei, keine Drohungen mit Klagen und kein verhandeln von Versicherungssummen wegen Verdienstausfall – all die Dinge die es bei uns in öffentlichen Verkehrsmitteln durchaus gibt, wenn mal was schief geht. Einige versuchen den Fahrer und die Monteure mit Ratschlägen unterstützen, andere schauen einfach neugierig zu.  Schließlich waschen sich die Akteure gründlich, ich schlendere  zur Latrine (die sind immer durch den Geruch leicht zu finden) und schon hupt unser Bus, zum Zeichen, dass es weiter geht. Gegen 2.00 Uhr sind wir in Sévaré, ich lasse mich in der Nähe des  Hotels absetzen und bin heilfroh, wenigstens schon mal hier zu sein. Das Stück nach Bandiagara am Morgen ist ein Katzensprung – gegen 10.00 Uhr bin endlich wieder zu Hause. 

Der Garten wuchert über, Guindo freut sich, dass ich heil zurück bin, es gibt junge Kanninchen und Küken, frisches Wasser steht bereit – und ich muss erst mal den Kühlschrank saubermachen, hatte ich doch vergessen zu sagen, dass man die Türen offen lässt, wenn man den Kühlschrank abschaltet …. Aber dann lege ich mich hin und freu mich an der Ruhe, die nur gelegentlich vom Hahn und von den Krähen unterbrochen wird. 

Bamako 

 

Heute vor einem Jahr bin ich in Mali eingereist. Das ist schon ein komisches Gefühl, dass da jetzt schon 12 Monate vergangen sind. Der Landesdirektor des ded wechselt nun, ich habe schon etliche KollegInnen kommen und gehen sehen. Von den Nachwuchskräften, die mit mir eingereist sind und deren Vertrag nur ein Jahr dauert, steht der Abschied an. Und ich muss anfangen darüber nachzudenken, ob ich noch ein weiteres Jahr hier bleibe. Jetzt, wo ich vieles durchschaue, die Sprachbarriere nahezu überwunden ist und ich auch viel Spaß an der Arbeit habe, wäre es eigentlich schade, in wenigen Monaten schon wieder an eine Haushaltsauflösung und Rückkehrpläne zu denken. Andererseits war die Zeit in Deutschland auch wieder sehr schön … 

Bamako 

Meine Kolleginnen aus der Gleichstellungsstelle haben mich eingeladen,  an einem Seminar zum Thema „Dialog der Generationen“ teilzunehmen, das heute in Bamako stattfindet. Ca. 25 Frauen aus unterschiedlichen Zusammenhängen, ONG, Frauenvereinigungen, Netzwerken etc. haben sich zusammengefunden, um diese Methode, heikle Themen unter Frauen anzugehen, kennen zu lernen. 4 Männer sind auch unter den Teilnehmenden. Einige der Methoden werden gleich in Übungen vermittelt, andere sind in einer umfangreichen Tagungsmappe enthalten. Es entspinnt sich schnell die Diskussion, ob diese Methode – alte und junge Frauen, die sich nicht oder nur flüchtig kennen, begegnen sich im Rahmen eines drei- bis fünftägigen Seminares und tauschen sich über alle Fragen ihrer jeweiligen Generation aus – mit der in Guinea sehr gute Erfahrungen gemacht wurden, auch hier in Mali angewendet werden kann.  Dabei ist zu bedenken, dass die malische Gesellschaft noch in vielen Bereichen nach dem Seninioritätsprinzip organisiert ist. Das bedeutet, dass die Aussagen von alten Menschen immer ein höheres Gewicht haben als alle anderen, auch wenn die jüngeren formal höher gestellt sein mögen. Nimmt ein/e Alte/r in einer Diskussion das Wort, so ist seine/ihre Aussage „Gesetz“. Auch gehört es sich nicht, älteren Menschen zu widersprechen oder ihre Lebensweise in Frage zu stellen. 

Das macht es nicht leicht, denn die Lebenskonzepte der jungen Frauen heute – insbesondere in den größeren Städten – unterscheiden sich erheblich von denen ihrer Mütter und Großmütter. Das fängt bei der Kleidung an, Hosen sind für Frauen eigentlich verpönt, aber bei den Jungen sehr beliebt, geht über Fragen der Hygiene – nur wenige Alte kennen so etwas wie Babywindeln aus Papier - bis hin zur Frage der arrangierten Heirat, die auch nicht mehr von allen jungen Frauen hingenommen wird. Durch den „spielerischen“ Ansatz der Methode – junge Frauen bringen mit, was ihnen heutzutage wichtig ist, die alten Damen haben wichtige Gegenstände aus ihrem Leben dabei, kommt über die Objekte der Dialog in Gang. Gedacht ist vor allem daran, auch die Schranken zu heiklen Themen wie Beschneidung und AIDS zu überwinden.  Eine Teilnehmerin berichtet, dass in manchen Lokalradios ein solcher Dialog in Mali in gewisser Weise schon begonnen hat. Die Moderatoren rufen dazu auf, anzurufen und sich zu einem bestimmten Thema zu äußern und da rufen Jung und Alt an und es kommen wohl durchaus kontroverse Diskussionen zustande – was an sich schon etwas Neues ist.  Am Ende wird noch überlegt, ob und wie die Methode eingesetzt werden kann, es wird sicher einige Zeit brauchen, bis da und dort ein Seminar entsteht, aber alle sind angetan von den Anregungen des Tages. 

Bamako  Na das hat ja alles wieder prima geklappt! Ein Bekannter von Jutta hat mir ein handy für einen Taxifahrer in Bamako mitgegeben. Von Deutschland aus habe ich ihn angerufen – auf dem handy seines Freundes, der es gleich weiterreicht und meine Ankunftszeit mitgeteilt (3.30 Uhr). Am Flughafen Bamako sind seit meiner ersten Ankunft vor nunmehr 2 ½ Jahren viele Veränderungen vorgenommen worden. Es gibt kein Drängen und Schubsen am Gepäckband mehr, freundliche junge Männer fragen höflich, ob sie mit dem Gepäck helfen können. Sie holen sofort einen Gepäckwagen heran und kümmern sich um eine reibungslose Passage der letzten Röntgenkontrolle, die hier am Ausgang obligatorisch ist. Dahinter erwartet mich schon M. Sangaré, der mich für einen guten Preis zum Gästehaus fährt und dort sein handy samt lieben Grüssen aus Deutschland entgegennimmt – allseitige Zufriedenheit.  M. Yaya, der Hausmeister vom Gästehaus, hilft mir mit meinem umfangreichen Gepäck und ich falle todmüde ins Bett, es sind angenehme 24 Grad und es riecht nach Regen. 

Am Morgen im Büro erfahre ich, dass es viel und ausgiebig geregnet hat, was alle froh macht, denn das lässt auf eine passable Ernte hoffen. Schnell hat mich der Alltag im ded Büro wieder eingeholt.

 

Casablanca

Weltenwechsel – die Treppe hoch – und alles ist anders. Nicht mehr die fast sakrale Stille einer Flughafenhalle, die gelegentlich von Durchsagen durchbrochen wird, wie in Düsseldorf, wo ich noch 2 zusätzliche Stunin den Cafés etwas lebhafter zugeht. Also ich bin wieder in Afrika – Menschen unterhalten sich lautstark, Kinder tollen herum. Berge von Gepäck stapeln sich – nicht mehr die eleganten aufeinanderabgestimmten Trollys – Plastiktüten, Säcke, Kartons … alle sind irgendwie im Gespräch. Im „Rauchsalon“, der sich direkt neben dem Kinderraum mit Spielzeug befindet (so was hab ich noch auf keinem Flughafen gesehen, er ist durchweg gut besucht), lerne ich einen jungen Mann kennen, der nach Niger fährt, um seine Freundin zu besuchen, die dort derzeit arbeitet. Er hat viel Erfahrung in Kuba gesammelt, wo er in einem Viehzuchtprojekt zur dortigen Milchversorgung mitgearbeitet hat – ich wusste bis dahin nicht, dass Kuba an die Schulkinder täglich kostenlos Milch abgibt. Wir diskutieren die Weltlage, die kulturellen Unterschiede, die schönen Seiten des Reisens und schon sind die verbliebenen 4 Stunden Wartezeit rum!

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