Oktober 2006


Bandiagara
 Tja, ein gutes Jahr habe ich es geschafft, hier zu leben, ohne krank zu werden, aber nun hatte es mich doch erwischt. Angefangen hat es schon in Bamako, wo ich merkte, dass mein Appetit zu wünschen übrig ließ, die Zigaretten schmeckten nicht so richtig und eine bleierne Müdigkeit bemächtigte sich meiner schon am frühen Nachmittag. Da es Samstag war, hab ich gedacht ein bisschen Sport könnte helfen – also ins Hotel Salam, ein paar Runden im Pool – aber es fröstelt mich hinterher und ich fahre zu Katrin, wo ich diesmal wohne, esse was, lege mich hin, mir wird schlecht – lange Rede kurzer Sinne, am nächsten Tag bin ich froh, dass meine Kollegin mit nach Bandiagara fährt, wir können uns abwechseln und bei der Ankunft im Hof haben sich meine Kopfschmerzen in rasenden Schwindel verwandelt.
Guindo, der Wächter, steht vor mir und fragt, ob alles in Ordnung ist – ich kriege nicht mal meine Handtasche angehoben …. Schon kommt Nachbarin und Kollegin Margret herüber – ein Blick auf meinen hochroten Kopf und meine zitternden Hände: „Das ist eine Palu (Malaria) – aber ab ins Bett!“. Hohes Fieber, Schüttelfrost begleiten mich die nächsten beiden Tage. Weil wir ja aber wissen, dass so was immer vorkommen kann, haben wir Paracetamol zur Fiebersenkung und wirklich gute Malariamittel immer vorrätig und nach 5 Tagen bin ich wieder fit und im Büro. 
Alle fragen besorgt, klar, dass sowohl Direktion als auch KollegInnen von GAAS Mali im Laufe der Woche vorbeigeschaut haben, um zu sehen, ob es mir besser geht – die DED KollegInnen versorgen mich mit Medikamenten, Video CDs und Ratschlägen.
Ist schon gut, wenn man erfahrene Leute in der Umgebung hat, denn das nimmt die Sorge, es könnte was Schlimmeres als eine heftige Grippe bei uns sein. Das Riskante – vor allem für die Menschen hier – ist die Tatsache, dass die wirklich guten Medikamente europäisches Preisniveau haben und damit für die meisten unerschwinglich sind. Also wird es erstmal mit allen möglichen traditionellen Mitteln versucht, in leichteren Fällen reicht das zuweilen auch aus – wie bei uns Milch mit Honig bei leichtem Husten hilft, aber eben nicht bei einer echten Bronchitis - wenn bei einer Malaria starkes Fieber, Schwäche, Durchfall und Magenbeschwerden kombiniert sind – ich hatte „nur“ Schwäche und Fieber - , sollte mit anderen Mitteln geholfen werden.
Grade bei Kindern wird oft zu lange gewartet und es ist dann für sie wirklich gefährlich. Dazu kommt, dass es in den meisten Dörfern keine Gesundheitsstation gibt, sondern der Weg nach Sangha, Bankass oder Bandiagara erst noch zurückgelegt werden muss. Manche Dörfer haben eine Station, aber auch dort ist vielleicht nur ein bis zwei Mal pro Woche ein Arzt oder eine Krankenschwester anzutreffen, die Ausstattung ist in aller Regel erbärmlich.
Abgelegene Gebiete wie das Dogonland sind keine „attraktive“ Gegend für ausgebildete Ärzte, es gehört schon viel Enthusiasmus dazu, sich dann hier niederzulassen. Da rein statistisch die Zahl der Ärzte im Laufe der letzten Jahre kontinuierlich zugenommen hat und auch die Gesundheitsprogramme der 80er und 90er Jahre rein zahlenmäßig den Eindruck einer halbwegs passablen Versorgung erwecken könnten, wurden von vielen Hilfsorganisationen die Gesundheitsprogramme reduziert. Mit zum Teil verheerenden Folgen, denn Präventionsprogramme gegen Malaria, AIDS und Unter/Fehlernährung sind damit dann zeitweise auch entfallen. Eine ONG wie GAAS Mali versucht mit dem Einwerben staatlicher Mittel und der Präsenz von Animateuren und Animatricen da entgegenzusteuern, aber bei über 400 Dörfern allein im Dogonland, können viele Aktivitäten nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein.

So eine Woche in Bamako ist ganz schoen schnell rum! Jetzt steht nur noch die Einkaufsliste fuer Bandiagara an – das ist diesmal etwas hektisch, denn am Sonntag ist – aller Voraussicht nach – das Ende des Ramadan. Das heisst alle sind unterwegs, um fuers Festessen und die Verwandtschaftsbesuche einzukaufen, die Stadt gleicht einem Bienenstock. Viele fasten und gegen 17.30 Uhr will jeder nach Hause, denn nach Sonnenuntergang darf wieder gegessen werden!  Ich habe mir den Sonntag als Reisetag ausgesucht, denn ich hoffe, dass viel Menschen am feiern sind und wenig Verkehr ist. 

Bamako 

Beim Zwiebelkuchenessen einen Zahn ausgebissen, in Mopti die übliche Auskunft in der Klinik, dass das dort nicht repariert werden kann, also 3 Wochen Antibiotika und ab nach Bamako, in die staatliche Dentalklinik. Und, welche Überraschung, gut ausgestattete Praxisräume, eine Röntgenaufnahme wird gemacht, der Zahn für erhaltenswert befunden. Das gebrochene Stück wird entfernt und der Zahn mit moderner Kunststofftechnik wieder verschlossen – endlich wieder schmerzfrei. Und das Ganze für umgerechnet ca 15 €!  Dann ruft mich Allessanne Diop von der bobaku Bäckerei an und sagt, die neue Bäckerei ist fertig. Ich voller Neugier hin – und tatsächlich, ein kleines Ladenlokal, am Rande eines modernen Neubaugebietes, nahe der europäischen Pasteur-Klinik, wo es sonst nicht viele Möglichkeiten gibt, sich was für die Pause zu holen, nebenan ein Restaurant und die gesamte Bäckereiausstattung betriebsbereit eingerichtet. Es hat gedauert, aber es hat geklappt! Kaou freut sich, dass ich Fotos mache und mich meinerseits freue, leider hat er nicht mehr viel Sauerteig vorrätig, da wird es was für die Liste der baldigen Mali BesucherInnen geben… 

3 Stunden später steht er mit einem Korb voll frischgebackenem Vollkornbrot im ded Büro – ich kann nicht leugnen, dass mich der Duft in eine gewisse Heimwehstimmung versetzt. Natürlich wird gleich für Bandiagara mit eingekauft und abends gibt’s Vollkornbrot mit frischer Butter. Das hat was!   

Die letzte Woche hatte es schon in sich. Tagung in Sévaré von Dienstag bis Donnerstag – ein neues EU-Programm wird lanciert. Dann haben wir uns für heute die Übergabe des Brautkleides an die Behindertenassoziation von Bandiagara vorgenommen und gestern  reiste ein JournalistInnenteam von Deutscher Welle, Radio Bamako und Radio Kati an, das Interviews zur Rolle der Frau im Dogonland machen will. Wir haben sie gleich in die Übergabezermonie mit einbezogen, der Landrat, M. Traoré und ein Vertreter der Stadtverwaltung Bandiagara, sowie der Leiter der Kampagne „Monat der Solidarität“ in die GAAS die Aktion eingebettet hat, waren gekommen und natürlich der Präsident der Behindertenassoziation M. Cissé und zahlreiche Mitglieder. Es gab Reden und Dankesworte und zum Schluss eine Foto- und Interviewsession. Alle sind begeistert, nicht allein von dem Brautkleid, sondern auch vom Foto der SpenderInnengruppe aus der Kreisverwaltung Mettmann, das vergrößert und gerahmt nun den Frisiersalon zieren wird. 

Anschließend geht’s weiter zur ONG Ya-G-Tu (das ist Dogon und heißt Frauenvereinigung), wo die Präsidentin, Mme Dembely, genannt Fifi, mit all ihren Frauen für ca. 3 Stunden Rede und Antwort steht. Ein „Highlight“ ist die Präsentation der Sensibilierungsmaterialien für AIDS und Frauengesundheit – Bildtafeln, die die Wichtigkeit von Familienplanung und Hygiene veranschaulichen, Holzpenisse, an denen der Gebrauch von Kondomen demonstriert wird, Musterpackungen von Pille und Diaphragma. Fragen über Fragen, geduldig wird erklärt und mit Beispielen untermalt – alles demnächst auf der Deutschen Welle zu hören.  Dann eine Mittagspause und ein Bummel über den Markt von Bandiagara, anschließend ein Gespräch in der Mission Culturel, wo eine schöne Präsentation über das Dogonland vorbereitet ist. 

Heute morgen um 7.00 Uhr sind wir dann mit dem ganzen Team nach Ende, am Fuße der Falaise gelegen und der Ort der Stoffproduktion im Dogonland, gefahren. Es gibt die Bogolanstoffe, sie werden von Männern hergestellt, sind in Brauntönen und Erdfarben gehalten. Die blauen Indigostoffe werden von Frauen produziert. Unterwegs halten wir in Djigiboumbou. Sibiri Traoré, der Guide aus Bandiagara, der uns begleitet, macht uns mit dem Dorfchef und einigen anderen BewohnerInnen bekannt. Er uebersetzt auch fuer die Redakteure.  Wir besuchen den Schmied, den Jäger und die Frauen, die das Dolo Bier brauen. Da es noch früh morgens ist, verzichten wir auf eine Kostprobe. In Ende angekommen, empfängt uns der Dorfchef und ist bereit zum Interview mit den drei MedienvertreterInnen. Anschließend ins Museum, von dem ich schon einmal berichtet habe, dort wird der Leiter interviewt und dann zur Frauenassoziation, die ebenfalls Rede und Antwort steht.  Die Indigo-Stoffe werden mit Pottasche und bestimmten Pflanzenauszügen in wunderschönen Blauabstufungen eingefärbt. Jede Frau hat ihre eigenen Batiktechniken, die ganz unterschiedliche Muster hervorbringen. Natürlich gibt es zum Schluss eine Handels- und Einkaufsrunde. Die Sand- und Schotterpiste fällt im Abendlicht leichter, die Felsen leuchten rot und wir müssen eine riesige Viehherde passieren lassen, müde aber zufrieden kommen wir wieder in Bandiagara an. Solche Reisen haben nach meinem Eindruck einen doppelten Effekt: Die ReporterInnen aus Bamako und Kati gewinnen Informationen über das Landleben, die Deutsche Welle kann hautnahe Informationen aus einem anderen Kontinent in die Welt tragen und die GesprächspartnerInnen in den Dörfern bekommen – gerade beim Thema Frauen – Anregungen, wie es auch sein könnte. Manche Fragen fanden sie denn auch durchaus befremdlich, denn Tradition ist im Dogonland ein hohes Gut und es ist für viele nicht vorstellbar, dass plötzlich Frauen auch andere Aufgaben als bisher übernehmen könnten.   

 

 

Mit Mme Keita, Repräsentantin einer Organisation aus der Schweiz, und KollegInnen von GAAS Mali fahren wir nach Daga Koné, ca. 6 km vor Sangha. Ich muss nicht selbst fahren und genieße es, mal die Landschaft und nicht die Piste zu beachten. Allerdings hat das auch seine Tücken: Fahre ich selbst, habe ich genau vor Augen, wann ich wie durchgerüttelt werde, als Mitfahrerin gibt’s da schon mal Überraschungen. Im Dorf sprechen wir mit den Mitgliedern des Komitees zum Verbot der Frauenbeschneidung, seit 2 Jahren ist dieses „Praxis“ hier verboten. Man ist zufrieden mit den Erfahrungen und ist auch bereit, diese an andere Dörfer weiter zu vermitteln. Auf die Frage, welche Sanktionen drohen, wenn z.B. ein Mädchen in ein anderes Dorf gebracht wird, um es dort beschneiden zu lassen, wird geantwortet, dass nach jeder Reise mit einem kleinen Maedchen ein Mitglied des Komitees die Familie besucht und das Kind in Augenschein nimmt. Sollte es verletzt worden sein, wird die Familie des Dorfes verwiesen, was unter den hiesigen Bedingungen wirklich eine harte Strafe ist. Bisher war es nicht nötig, von dieser Maßnahme Gebrauch zu machen. An die Stelle des Beschneidungsfestes wurde ein Initiationsfest für die Mädchen an der Schwelle zur Pubertät gesetzt, das allgemein gut angenommen wurde. 3 der 4 Beschneiderinnen haben das Dorf verlassen, die vierte hat sich eine andere Einkommensmöglichkeit als Köchin geschaffen. Diese Prozesse gehen langsam aber stetig und werden durch die BeraterInnen der ONG so lange begleitet, bis sie von den DorfbewohnerInnen eigenständig weitergeführt werden können.  Anschließend fahren wir noch nach Sangha, ich freu mich über diese Gelegenheit, die Falaise auch jetzt kurz nach der Regenzeit zu sehen – ich finde es grün, aber mein Kollege Djiuengie sagt, das sei alles viel zu trocken – überall wo es gelb ist, müssten eigentlich grüne Hirsefelder sein….. Selbst mir ist schon auf der Fahrt aufgefallen, dass der Regen sehr ungleichmäßig gefallen ist, es gibt Dörfer, wo fast gar keine Ernte möglich ist. Und dann war die Zeit des Regens letztlich kurz: knapp 10 Wochen, schon Mitte September nahm die Häufigkeit des Regens deutlich ab. Im Oktober hat es in Bandiagara noch zweimal geregnet – und damit ist es wohl vorbei.  

 

4 Tage Führungskräfteseminar in Sévaré – irgendwie sind sich die  Menschen – egal aus welchem Kulturkreis – doch sehr ähnlich. Die DirektorInnen und PräsidentInnen sowie die mittlere Führungsebene der Partner-ONG waren eingeladen und sind auch gekommen. Die Themen „Führungsstile“, „Arbeit im Team“, „Zeitmanagement“, „Delegation“ und „Motivation der Beschäftigten“ sind ja Klassiker. Und die Stolpersteine auch! Die Reflexion des eigenen Stils ist nicht leicht, die „Zeitdiebe“ zu identifizieren ist eine spannende Aufgabe – bei der ich noch mal wieder was über den kulturellen Kontext lerne: jedenfalls gab es in Deutschland noch nie „Stromausfall“ oder „Familienverpflichtungen“ als solche. Wohingegen Probleme bei Pünktlichkeit durch Transportprobleme ähnlich klingt, der Unterschied eines Staus in Europa zum Steckenbleiben auf der Piste denn doch eklatant ist, wobei letzteres vorzugsweise außerhalb des Handy-Netzes passiert.  Die Teilnehmenden haben durchweg ein gutes Basiswissen, manches wird wieder aufgefrischt und wir haben das Seminar so angelegt, dass auch individuelle Prozesse ihren Platz finden, was hier zunächst etwas befremdlich wirkt, aber letztlich gut ankommt. Führung hängt doch stark von Persönlichkeiten ab und diese Erkenntnis nehmen alle mit auf den Weg.