Februar 2007


Ougadougou
Morgens um 7.00 Uhr bringt Margret mich zum Busbahnhof, es steht auch schon ein großer Bus da – leer verlässt er den Gare Routiere. Ich kaufe ein Ticket, verabschiede mich und fange an zu warten.
Gegen 10.00 Uhr taucht der Bus wieder auf. Bis alles und alle verladen sind, ist es 11.00 Uhr, jetzt wird noch getankt – ich mache mir Gedanken, weil Margret den Chauffeur aus Koro angerufen hat, mit dem ich von Ouhiaguya nach Koro fahren will.
Gegen 14.00 Uhr kommen wir dort an – gleich stehen 3 junge Männer um mich herum – ob ich ins Dogonland wolle – sie hätten schon auf mich gewartet – erst mal der übliche Touristinnenreflex – was soll das? Bis mir einfällt, dass es sehr wahrscheinlich ist, was sie erzählen, dass nämlich Amadou (der besagte Chauffeur) bereits losfahren musste und sie gebeten hatte, mich in Empfang zu nehmen und zum Taxi Brousse nach Koro zu bringen, das nicht von dieser Haltestelle aus fährt, – und leider auch erst letztlich gegen 18.00 Uhr, denn es bedarf der Passagiere 14, bevor es sich lohnt zu fahren. Mit Sorge denke ich an die Erdbeeren in meinem Rucksack und ob ich es wohl heute noch nach Bandiagara schaffe.
Die jungen Leute von Ouhiaguya geben sich alle Mühe, mir die Wartezeit zu verkürzen, ich hab auch noch einen Krimi dabei.
Erst mal liest mir der Dogon „John“ aus der Hand, in Bandiagara oder Ouaga warte jemand auf mich, das ist doch schon mal was. Dann würde ich nach meiner Zeit hier eine Reise machen – ist tatsächlich schon angedacht und schließlich käme ich wieder nach Mali, um dort weiter zu arbeiten, na mal sehen. Am meisten hat mich allerdings beeindruckt, dass er aus meiner Hand exakt mein Alter gelesen hat, was mir den anderen Kollegen, der sich schon die ganze Zeit mit Fragen nach Ehemann und Kindern an mich herangemacht hatte, vom Hals geschafft hat.
Richtig nett war dann noch der junge Mann, der plötzlich mit einem Buch neben mir sitzt und mich bittet, ihm die Bilder darin zu erklären, weil er nicht so gut Französisch lesen könne. Ein Buch vom Anapurna in Nepal! Ich fasse es nicht, es stammt aus den 50er Jahren und ich erzähle, dass ich dort schon war und er kann nicht fassen, dass die Dünen auf den Bildern aus Schnee und nicht aus Sand sind – aber wo ich ja schon dort war, muss ich es ja wissen. Und ob es schwer ist, solche Berge zu erklimmen? Ich gebe zu, dass ich nicht auf, sondern am Anapurna war, aber dass auch das schon anstrengend war … ich blättere und bin völlig aus dem Häuschen – es hätte ja irgendein Buch sein können, aber ausgerechnet! (Wer mich näher kennt, weiß, dass ich mich ursprünglich für die Entwicklungsarbeit in dieser Region beworben hatte und überhaupt die Idee dazu in Nepal wieder in meinen Kopf gekommen ist!). Die Zeit vergeht wie im Flug und schon sitze ich mit zwei Familien und einigen Herrn im Boubou im Taxi nach Koro.
Es wird dämmrig, erst mal muss wieder alles Gepäck verladen werden. An der Grenzstation in Thiene habe ich solchen Hunger, dass ich die eine Schale Erdbeeren verspeise, hat was, mitten im Niemandsland im Mondschein in der Wüste frische Erdbeeren … Brot hatte ich zum Glück auch noch gekauft.
Gegen 22.00 Uhr sind wir in Koro – hier stehe ich jetzt vor der Entscheidung eine Nachtfahrt zu wagen. Man bietet mir ein Taxi für mich allein für 22.000 FCFA – da ich die Strecke kenne, frage ich, was das Campement kostet (3.500 FCFA), damit ist es klar. Ein Guide bringt mich mit dem Moped hin, das Haus hat schon bessere Zeiten gesehen, aber es gibt eine Dusche und ein Moskitonetz, Pentate (Perlhuhn) mit Fritten und kühles Bier – ich bin versöhnt, dusche, lass es mir schmecken, plaudere mit einem Kollegen von PLAN Mali, der mich von GAAS her kennt und gehe früh schlafen, denn um 7.00 Uhr soll das Taxi nach Bandiagara losfahren ….

Ougadougou
Ich habe Lust auf Marktgeschehen, nach dem Brand in der Innenstadt sind die Stadtteilmärkte ausgebaut worden, in unserem Stadtteil gibt es einige Straßen, mit allem, was man so brauchen kann. Ich entdecke nicht nur nette Schuhe, die nach einigem Hin und Her auch in meiner Größe vorhanden sind, sondern auch noch Gardinen, um den Staub in meinem Schlafzimmer zu reduzieren – richtig so mit Blumenmuster und himmelblau.
Während der Siesta taucht im Hof des Gästehauses eine Frau mit frischen Erdbeeren auf – da muss ein Kilo her und gleich in den Kühlschrank – die kommen mit nach Bandiagara! Stelle gleich noch zwei Wasserflaschen ins Eisfach, die müssen als Kühlung arbeiten.
Nachmittags entscheiden wir uns statt für weiteres Kino wieder für den Markt – eigentlich mehr wegen des Guckens und der Action dort – da wird für ein Produkt geworden, das 20 Krankheiten in 10 Minuten heilen kann, es gibt Schmuck und Kitsch und auch wunderschöne Lederwaren – aber ich bedenke, dass ich alles mit Öffentlichen Verkehrsmitteln heim transportieren muss und ich fahre ja hier bewusst ein „wenig Sachen Konzept“, weil ich ja nach der Zeit hier entweder alles verkaufen, verschenken oder mitnehmen muss – und weil ich es auch spannend finde, mit wie wenig gut leben möglich ist. Obwohl ja vor Silvester dann schon Sektgläser hermussten und die Gardinen, naja – es gibt immer mal wieder „gute“ Gründe etwas zu kaufen, was über den Alltagsbedarf hinausgeht. Aber es gibt halt viel weniger suggestive Werbung – und überhaupt, habe ich ja grad von meinen lieben Gästen viele schöne Sachen mitgebracht bekommen.
Abschiedsessen in einem der Nobel-Restaurants von Ouaga, der Service und das Essen ist hier um Klassen besser als in Bamako. Es gibt auch noch anderes zu beobachten: Am Nachbartisch sitzt eine verschleierte Frau und raucht! Die erste Schwarze, die ich hier rauchen sehe. Daneben zwei Freundinnen, die sich eine Karaffe Wein teilen, das hab ich auch bisher noch nicht gesehen! Schließlich eine Familie mit 4 Kindern, die gemeinsam hier essen, auch das in Mali ein ungewöhnlicher Anblick, dort sind entweder Männer allein oder Jugendliche in Restaurants anzutreffen, irgendwie ist Burkina da anders. Auch von der Kleidung und vom ganzen Auftreten her sind die Leute sehr verschieden von dem, was ich aus Mali kenne. Es wird mehr Mossa als Französisch gesprochen (kann mir aber auch nur so vorkommen, weil ich doch schon da und dort ein bisschen Bambara verstehe).

Ougadougou
Wir besuchen das ded Büro in Ouaga, ich lerne Margrets Ex-KollegInnen kennen, aber es gibt auch schon etliche neue Leute, die sie schon auch nicht mehr kennt. Dann ziehen wir Richtung Innenstadt, diesmal zu Fuß, um einfach ein wenig vom Flair mitzukriegen – Ouaga ist nicht so weitläufig wie Bamako, schnell sind wir im Zentrum, wo wir den Pan-Afrikanischen Markt anlässlich der Fespaco kennenlernen – 300 FCFA Eintritt, dafür eine Fülle von Produkten aus allen Teilen Afrikas – wir können uns gar nicht sattsehen. Schließlich waren wir fast 5 Monate ausschließlich in Bandiagara und allenfalls Mopti – da ist so eine Fülle schon fast erschlagend. Bunte Stoffe, kreative Schnitte, Kleidung, Spielzeug, Kunst, Masken, Leckereien, ich suche einen Haarreif, weil ich richtig lange Haare gekriegt habe und es doch inzwischen ziemlich heiß ist – mit Hilfe von zwei Verkäufern finden wir schließlich einen …. Wir kaufen hausgebrauten Erdnusschnaps – zumindest bei der Probe am Stand schmeckt es fast wie Baileys – wunderschöne Bilder aus Südafrika, Stoffe aus Burkina – und langsam geht das Geld aus. Aber Ouaga wirbt mit 5 EC-Geldautomaten. Wir halten uns trotzdem zurück, muß ja nicht sein.
Abends dann Kino, ein wirklich schöner südafrikanischer Film, in einem echten großen vollklimatisierten Kinosaal, draußen ist es dann gradezu angenehm warm …

Ougadougou
Zum Frühstücken fahren wir mit dem Taxi in die Stadt, auf dem Weg ins Cafe eine Superüberraschung: Ich steige aus dem Taxi und meine auf der gegenüberliegenden Straßenseite ERDBEEREN zu erkennen – etwas von den wenigen Dingen, die ich hier echt vermisse! „Margret“, sag ich „das sind doch bestimmt Cocktailtomaten, da drüben – oder seh ich wirklich Erdbeeren???“ Sie entschuldigt sich, dass sie vergessen hat, mir zu erzählen, dass hier grade Erdbeersaison ist – mein Blick ist so gierig, dass an Preisverhandlungen überhaupt nicht zu denken war … also gibt es jeden Tag ein Kilo Erdbeeren und 1000 FCFA (1,50 €) ist auch für diese Delikatesse nicht zu viel.
Im Cafe dann Quiche Lorraine, Milchcafe, Klimaanlage und leise Musik, nicht schlecht, diese Stadt! Wir laufen zum Festivalgelände und ergattern tatsächlich ein eigenes Programmheft, kaufen die anlässlich des Festivals gedruckten Stoffe und Souvenirs für unsere Leute in Bandiagara und ich entdecke die Innenstadt, deren Markt leider nach einem Brand stillgelegt ist. Margret kennt sich hier supergut aus, hat sie doch 5 Jahre in Bukina Faso gearbeitet.
Mittags Siesta im Gästehaus – Erdbeeren mit Joghurt – dann auf zum Kino, wo wir mit vielen vielen anderen fast 2 Stunden im Einlass stehen, dann aber „Bamako“ – leider ist das Französisch ein wenig zu schnell für mich, aber der Film ist in seiner Bildersprache und Dramatik gut gemacht. Nachher noch Brouchetten und kühles Bier – ein richtiger Urlaubstag halt.

Ougadougou (sprich: Wagadugu), Burkina Faso
Kollegen nehmen uns bis nach Koro (ca. 130 km Piste von Bandiagara) mit, dort verhilft uns Beka zu einem Platz in einem Minibus – weil es seiner ist, kriegen wir die begehrten Fensterplätze neben dem Fahrer. Es dauert noch 1 bis 2 Stündchen, aber dann geht es auf nach Ouhiaguya (sprich Wahiguja, das hat eine Weile gebraucht, bis ich mir das eingeprägt hatte!).
Am Grenzposten ein malischer Beamter, der mit den Papieren nicht voran kommt – ich flachse zu Margret, dass er wohl mal eine Brille brauche … er findet mein malisches Visum nicht, schaut dann auf und sieht meine dicken „Hamattanbrillengläser“ (den Sonnenschutz habe ich hochgeklappt, denn in der Hütte der Passkontrolle ist es dunkel) – er lächelt und sagt, das brauche so lange, weil er seine Brille zu Hause vergessen habe und praktisch nichts erkennen könne. Ich lächle zurück und versichere, dass ich das sehr gut verstehen kann …. Auf burkinischer Seite ein freundlicher Uniformierter, der erklärt, dass Margret eine Quittung für die Visumsverlängerung braucht (das Visum kostet 10.000 FCFA für 7 Tage), aber der Quittungsblock ist voll – ich stelle eine Seite meines Tagebuches zur Verfügung, mit den 3 gewichtigen Stempeln dürfte das auch gehen.
Nun bin ich also in Burkina Faso – in Ouhiaguya steigen wir in einen großen Bus um, hier sehe ich erstmals Geier aus nächster Nähe, sie tummeln sich auf dem Busbahnhof in der Nähe der Imbissstände, wo Fleisch gebraten wird. In Mali gibt es sie auch, aber sie sind seltener zu sehen. Hier gehören sie zum Stadtbild wie bei uns die Tauben, die es hier auch außerdem auch gibt …
Im ded Gästehaus in Ougadougou hat jemand kurzfristig abgesagt, so dass wir noch ein Zimmer bekommen. Es ist das berühmte afrikanische Filmfestival – FESPACO, daher alles ziemlich ausgebucht, wir  haben wirklich Glück. Auf dem Weg zur (externen) Dusche dann das Feuerwerk zur Eröffnung des Filmfestivals – wenn das keine Begrüßung ist!!!
Im Restaurant Tam-Tam, nahe dem Gästehaus, gibt es nicht nur gezapftes Bier, das wir uns gleich bestellen, sondern auch eine vielfältige Speisekarte. Ich verzichte mit Blick auf meine bisher stabile Gesundheit und die Kenntnis der Kühlketten in Afrika auf einen Test von Weisswurst und Leberkäs (oui oui, on a ça d’ici!), eine wirklich internationale Speisekarte, denn es gibt dann noch die italienische Küche, die afrikanische und die asiatische. Da wir den ganzen Tag nichts gegessen haben, ist die Auswahl nicht leicht. Und als Krönung liegt noch das komplette Programm des Filmfestivals auf dem Tisch, so dass wir nach dem Essen gleich in die Kulturplanung einsteigen. Klar wollen wir den Film „Bamako“ sehen, einen südafrikanischen Film und noch zwei von malischen Regisseuren, ob das in 3 Tagen, die ich hier Zeit habe, zu schaffen ist? Leider taucht dann die Besitzerin des Programmheftes auf, sie hatte es vergessen und ist extra zurückgekommen – ehrlich wie wir sind, geben wir es selbstverständlich zurück. Es geht auf Mitternacht – Vollmond, der Verdauungsspaziergang zum Gästehaus tut gut.

Teryia Bougou/Bandiagara

Es hat tatsächlich alles geklappt, der Vortrag ist gut gelaufen, die Diskussionen auf der Vollversammlung waren fruchtbar, eine schöne Arbeitsplanung für die nächste Zeit wurde mit der neuen Koordinatorin entwickelt. Etliche KollegInnen hatte ich lange Zeit nicht gesehen, das hat dann auch Spaß gemacht, sich endlich mal wieder zu unterhalten.

Der Botschafter, Herr Schwarzer, hat einen sehr informativen Vortrag zur Vorwahlsituation hier in Mali gehalten, aus der Zentrale in Bonn ist Jochen Suchantke, zuständig für Westafrika, angereist und bringt uns die neuesten Infos. Er fährt mit uns nach Bandiagara zurück, denn er hat etliche Jahre hier gelebt und gearbeitet.

Am Rande der VV entsteht die Idee, nächste Woche noch 3 Tage mit meiner Kollegin und Nachbarin Margret nach Ougadougou (Burkina Faso) zu fahren. Der Urlaubsantrag wird genehmigt. Dann ist aber erst mal Schluss mit Reisen!

Ségou 

 

Tja, der Abschied ist nicht leicht gefallen, habe Conny und Margret noch zum Bus gebracht, der sogar pünktlich abfuhr – sie haben sich abends aus Bamako gemeldet und inzwischen auch schon aus Deutschland. 

Mit Mamadou und dem Kollegen Fiethe aus Koulikourou habe ich den Vortrag über „Budgethilfe“ vorbereitet, eine Arbeit, die dadurch erleichtert wurde, dass ich Mamadous laptop nutzen durfte. 

Heute habe ich mir dann mal Ségou angeschaut, bisher bin ich hier immer nur durchgerauscht. Morgens mache ich mich auf den Weg – Mamadou wohnt ziemlich außerhalb. An der Teerstraße hält plötzlich ein Mercedes neben mir, ein gestandener Herr im blauen Boubou, zwei kleine Mädchen auf dem Rücksitz „Wo wollen Sie denn hin?“ – ich will eigentlich zuerst zum GAAS Mali Büro von Segou, ich weiß nur ungefähr wo es ist – am anderen Ende der Stadt nämlich. „Steigen Sie ein, das finden wir schon“. Er fährt gerne Samstags morgens mit den Kindern spazieren und da könne er doch auch mal ein ONG Büro kennen lernen – kein Problem. Wir passieren die Kaserne, in der er als Offizier arbeitet. Wir finden tatsächlich das Büro, er setzt mich ab, wünscht einen schönen Tag und ich suche den Kollegen Mahmud. 

Das Büro liegt hinter einer großen Bäckerei (sic!), ist noch nicht vollständig eingerichtet, hat aber immerhin schon Telefon und Internetanschluss. Mahmud erzählt von den Projekten, die sie im letzten Jahr begonnen haben, leider warten sie nun schon fast 3 Monate auf das zugesagte Geld von der Weltbank für eine AIDS-Präventionsmaßnahme. Ségou ist ein Verkehrsknotenpunkt, dementsprechend gibt es viele Menschen, die der Hochrisikogruppe angehören (LKW-Fahrer, Zollbeamte, HändlerInnen). Man möchte mit der Arbeit beginnen, aber es fehlt an allem, einschließlich Aufklärungsmaterial. Gleichwohl will man den Mut nicht sinken lassen und plant ein weiteres Projekt, diesmal zu Familienplanung und Genitalverstümmelung. 

Mahmud begleitet mich noch ins Centre de Bogolan, wo die berühmten Stoffe hergestellt und von Hand bemalt werden. In einem kleinen Museum wird der Färbeprozess erklärt, es gibt wunderschöne Decken, Bilder, Schals, einem davon kann ich nicht widerstehen. 

Ich nehme mir ein Taxi zum Centre de Commerce, eine Art Warenhaus im Freien – freue mich an den Produkten, Farben, Gemüsen, silbern glänzenden Haushaltswaren. Da und dort ergibt sich ein Schwatz, ist schon was anderes, einfach mal zu „bummeln“, als immer zielstrebig in Bandiagara oder Sévaré mal grade den Alltagsbedarf zu decken. 

Zurück Richtung Innenstadt nehme ich ein Taxi Brousse, 8 Frauen sitzen schon auf der Ladefläche, aber der Fahrer muss erst noch sein Mittagessen beenden, also brüten wir in der Hitze vor uns hin. 

In der Stadt entdecke ich Avocados – schon lange nicht mehr gehabt, ein paar Knoblauchzehen dazu, einige Zitronen, das wird ein guter Mittagsimbiß! Gegenüber vom Hotel Djoliba entdecke ich ein Transparent von „Heineken Bier“ – ich habe Japp auf Kekse, Schokolade und Bier, die Boutique ist offen, ich nehme noch für jetzt ein Tonic und schlendere weiter, nebenan hoffe ich einen Friseur zu finden, aber es ist ein Fotostudio. Da kommt der junge Mann aus der Boutique hinter mir her – er hat sich verrechnet, zu seinen Ungunsten – ich habs auch nicht gemerkt, wie peinlich. Kein Kleingeld, also lass ich mich in der Boutique nieder und wir schwatzen ein wenig, während le petit Wechselgeld sucht. 

Abdel, so heißt der Boutiquer, kommt aus Timbouctou und freut sich sehr, als ich anfange zu schwärmen. Leider ist es schon lange her, dass er seine Familie dort besuchen konnte. Wir hören Ali Fakar Toure, er holt ein großes Englischlexikon unter der Ladentheke hervor und erklärt, dass er die Zeit, wo nicht viel los ist, nutzt, um Englisch zu lernen. Leider gibt es halt wenig Gelegenheit, es zu sprechen, außer wenn die Touristen da sind. Mir bietet er noch ein Bambara Lehrbuch an, das in Bamako entwickelt wurde. Ich habe schon 3 solcher Bücher und viel zu wenig Zeit, um intensiv zu lernen. Wir wünschen uns gegenseitig viel Glück beim Sprachenlernen …. 

 

Auf dem Niger
 

Der Fluss hat seine eigene Dynamik, mal ist er spiegelglatt, dann wieder aufgewühlt, dann erfordern Sandbänke einen unvorhersehbaren Zickzackkurs. Langsam fange ich an, auch die Sandbänke zu erahnen, das Wasser glitzert und reflektiert das um die Mittagszeit grelle Sonnenlicht. Das Wasser steht schon tief, die Dörfer liegen ca. 7 – 9 Meter über dem Wasserspiegel. Es gibt auch ganz flache Uferstrecken, aber auch dort, selten Gärten, denn anders als beim Nil werden hier mit der Regenzeit keine fruchtbaren Schlammböden angeschwemmt. Über weite Strecken kein Haus, keine Menschenseele, keine (Nutz-)Tiere, dafür bunte Vögel und sirrende Sonnenglut. Regelrechte Flusslandschaften, mit Seitenarmen, von denen der richtige ausgewählt sein will, wir müssen einmal ein ganzes Stück zurück, weil uns eine Sandbank an der Weiterfahrt hindert.
Ca. ½ Tag vor Segou müssen wir durch eine Schleuse, ein joint venture mit den Deutschen und Chinesen, erstere haben bezahlt, letztere gebaut. Einige kleine Pirogiers sind dankbar, dass wir auftauchen, wir können zahlen und sie können mit uns im Schleusenbecken den Wasserabstand überwinden – manchmal warten sie tagelang auf eine solche Gelegenheit. Es sind ca. 30 m, das dauert natürlich. Hinter der Schleuse, ein Kanal wie der Herne Ems Datteln Kanal! Mit jedoch deutlich anderer Vegetation. Bananenstauden, Gärten mit Tomaten, Paprika, Papayabäume, Frauen und Kinder winken uns zu, es ist noch beschaulicher als auf dem Fluss selbst. Hier sind Libellen und handtellergroße Schmetterlinge unterwegs, die Ufer sind begrünt und es hat insgesamt alles etwas Unwirkliches.
Hinter der Schleuse gelangen wir wieder auf den großen Fluss, breit wie ein mittlerer Stausee. Hier wurde schon vor vielen Jahren die Bewässerung und Bebauung der Uferregionen begonnen. Das ist an den Gärten, die jetzt in der Abendstunde von vielen Menschen mit Kalebassen bewässert werden, gut zu sehen.
Es wird immer grüner rechts und links und dann kommen die ersten Häuser von Segou in Sicht. Abschied von Hamar und seinen Leuten, sie fahren am nächsten Morgen zurück, Hamar allerdings per Bus, denn er muss am übernächsten Morgen wieder auf nach Timbouctou.
Mein Kollege Mamadou holt uns am Hafen ab, wir können bei ihm wohnen und nach einer Dusche geht’s ins Hotel Esplande, wo es nach meiner Auffassung die beste Pizza von Segou gibt. Margret und Conny bestätigen meine Einschätzung, wir sitzen am Fluss und lassen die Reise noch mal Revue passieren – es ist ihr vorletzter Abend in Mali.
Auf dem Rückweg Richtung Quartier résidentielle werden wir angehalten, Madou, der guide, der Margret und Conny letztes Jahr in Ségou begleitet hat, hat sie wieder erkannt – klar fährt er uns mit seinem Freund im Auto raus zur „Residenz“. 
 

Bandiagara/Mopti 

 

Das Wochenende zu Hause verbracht, ruhig, mit Wäschewaschen, Bilder sortieren, abends Treffen mit den KollegInnen und deren Gästen, Reiseerfahrungen werden ausgetauscht. Im Büro treffe ich Coulibaly an, der mir freudig mitteilt, dass es für das eine EU-Projekt bereits einen Vertragsentwurf gibt. Wenn das keine gute Nachricht ist! 

Ich kläre meine weitere Planung und rufe Hamar an, dass es Montagmorgen weiter nach Segou gehen kann… 

Da hatten wir dann Gelegenheit mit Papa Napo bis Sévaré zu fahren, schon um 6.00 Uhr geht’s los. Im Hotel Via Via, nahe beim Gare Routiere frühstücken wir und der Chef organisiert uns ein Taxi nach Mopti, denn Margret und Conny haben ihr ganzes Gepäck dabei, für sie geht es von Segou aus weiter nach Bamako und dann nach Düsseldorf. 

Der Preis fürs Taxi ist überhöht, aber wir haben eben auch so viel Gepäck, dass wir die Sorge des Fahrers verstehen, als wir das Gefährt sehen. Er hält die Zündschnüre aneinander, na bitte, springt sofort an. Wir kommen erst mal bis zur nächsten Tankstelle. Er bittet um 1000 CFA Vorschuss, weil er Benzin braucht. Dann öffnet er die Motorhaube und nimmt einen aufgeschnittenen 5-Liter Kanister heraus. Der wird gefüllt, wieder an seinen Platz gestellt, ein kleiner Schlauch hineingehängt – wieder die Prozedur mit den Zündkabeln, das Getriebe kracht und scheppert und bei jeder Polizeistation muss der Fahrer 500 CFA bezahlen, ich bin sicher, dieses Gefährt ist selbst hier schon lange nicht mehr zugelassen! 

Ich lasse mich bei der Bank du Développement du Mali (BDM) absetzen, ich brauch noch ein wenig Urlaubsgeld. Zum Hafen laufe ich, ein schöner Morgenspaziergang, Hamar ist schon da, die neue Crew auch. Wir haben – zu unserer Erleichterung, diesmal eine kleinere Pinasse. Es wird noch Treibstoff und Wasser eingekauft und verladen – und ab geht’s. 

 

 Auf dem Niger 

 

Tatsächlich, nach dem letzten Bozodorf zu Beginn des Sees wird es unruhig – und es ist kalt. Ich packe meinen Schlafsack wieder aus, mummele mich ein – ich würde aussehen wie ein Tele-Tabbi, meinen die beiden anderen. Aber bald liegen auch sie eher mumienartig unten im Boot. Kein Land mehr in Sicht, Wasser schwappt über die Bootswände –Seegang. Hamar erklärt, dass z.B. große Passagierschiffe später als 7.00 Uhr morgens und abends nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf den See dürfen. Es ist dann sehr schwierig, den Weg zu finden, weil der See zu unruhig ist. 

Das erinnert Margret und mich an Nepal, wo von Jomson aus 3.400 m Höhe die kleinen Flieger nach Pokhara auch maximal bis 10.00 Uhr fliegen durften, danach sind die Aufwinde so heftig, dass sie es nicht über die Steilkante schaffen, die das Ende der Rollbahn darstellt … eine deutschen Reisegruppe, die vor einigen Jahren eine Crew mit hohen Trinkgelder quasi gezwungen hat, doch später zu fliegen, hat diese Crew gleich mit in den Tod gerissen, das Flugzeug wurde nie gefunden … 

 

Das ist das halt, auf so einem Boot. Es ist eigentlich nichts los, aber trotzdem kommt keine Langeweile auf. Nach dem See eröffnet sich eine Binnendeltalandschaft vom allerschönsten. Kanäle mit grünen Weiden an den Seiten, Dörfer, Vögel, Flusspferde … 

Ein weiter blauer Himmel über uns, die Gedanken können fliegen, Erinnerungen haben Raum, neue Ideen entstehen – zum Beispiel die, statt mit dem Geländewagen wie geplant nach Segou zu fahren, die Tour mit dem Boot fortzusetzen … Wir diskutieren es gleich mit Hamar, ich muss vorher klären, wie ich zur Vollversammlung des ded komme. In Segou will ich mich mit einem Kollegen treffen, um einen Vortrag vorzubereiten, vielleicht kann er mich ja dann mitnehmen und jemand aus Bandiagara mich dann mit nach Hause nehmen? Wir verabreden, dass wir am nächsten Tag anrufen, wenn alles geklärt ist. 

In Mopti holt uns mein Kollege Keita ab. Er hat das Auto dort in seiner Garage „zwischengelagert“ und gleich noch drei Berichte dabei, über die wir vor der Reise diskutiert haben und die jetzt fertig zur Abgabe nach Bamako sind, der Alltag droht mich gleich wieder einzuholen. 

Abschied von Hamar, Sisse und Secco, aber eigentlich sind wir sicher, dass wir uns Montag morgen wiedersehen …. 

 

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