März 2007


Koulikourou
Wir besuchen den Kollegen in Koulikourou, denn es gibt einen neu eingereisten Kollegen, der gerne mehr über die Arbeit des ded erfahren möchte. Koulikourou ist der Hafen, der zu Bamako gehört, allerdings 50 km entfernt liegt. Die Straße dorthin ist von brauchbarer Qualität, zurück sieht es schon anders aus, denn dann sind die LKW voll beladen, tiefe Rillen im tagsüber glühend heißen Teer zeugen von regem Verkehr während der Regenzeit, dann nämlich, wenn der Fluss genug Wasser führt, um große Transportschiffe aus Gao und Timbouctou zu tragen (Bei einem anderen Besuch dort konnte ich so ein Schiff besichtigen – 1977 in Duisburg Duissern gebaut…).
Wir treffen uns in einem französischen Restaurant ca. 15 km vor der Stadt – das Ambiente ist so wie in Südfrankreich – und es gibt Stachelschwein, was ich nicht kenne und prompt probieren muss – gar nicht so übel.
Dann geht’s nach Koulikourou selbst, das ist eine Zeitreise besonderer Art, wenn man, wie ich, aus dem Ruhrgebiet kommt. Auch hier gibt es nämlich Industriebrachen. Eine Seifenfabrik und ein Kunststoffbetrieb haben überlebt, vieles andere liegt brach, auch im Hafengelände. Ein GTZ Projekt für einen neuen Markt wurde voll (im wahrsten Sinne des Wortes) in den Sand gesetzt, weil es zu weit außerhalb liegt.
Das Schiff nach Timbouctou fährt um 22.00 Uhr (in der Regenzeit), es ist noch niemand auf die Idee gekommen, ein Restaurant oder Cafe für die Wartenden einzurichten. Eine Stadt, die es wahrlich nicht leicht hat. Mit Unterstützung des ded wurde nun ein Internet Cafe eingerichtet, um den Jugendlichen bessere Bildungschancen zu eröffnen. Das besondere: Es ist nicht nur ein Cafe, sondern es werden auch Kurse angeboten für Word, Excel, internetrecherche etc. Der Zulauf ist überwältigend. Also Neugier und Engagement sind da.

Bamako
Im Gästehaus ist es zu heiß. Nachdem mein Auto repariert ist, ziehe ich zu einer Kollegin. Allerdings ist es in ihrem Haus auch heiß, aber es gibt ein Dach, wo nicht so viel Lärm ist wie im Gästehaus und wo ich meist gegen morgen noch mal ein paar Stunden schlafe.
Das ist auch so ein Irrtum in Europa, die Leute schlafen hier nicht draußen, weil sie kein Zuhause hätten, klar, das gibt es auch, aber in der jetzigen Zeit ist es einfach zu heiß, um im Haus zu schlafen. Also geht man in den Hof oder auf die Dächer. Das Problem dabei ist, dass viele keine Moskitonetze haben und auch kein Autan – auch wenn die Mücken jetzt weniger zahlreich sind, Hunger haben sie trotzdem. Damit ist die nächste Malariarunde, die meist zu Beginn der Regenzeit einsetzt, vorprogrammiert.
Meine Mutter hat heute Geburtstag, ich rufe sie an und gratuliere, alles ist auch in Deutschland ok. Ansonsten ist der Tag voller Termine und Sitzungen – alles klimatisiert, was mich mehr anstrengt, als dauerhaft in der Hitze zu sein. Der Wechsel von 27 auf 45 Grad und zurück ist einfach körperlich heftig, dann lieber durchgängig hohe Temperaturen. Deshalb nutze ich auch weder zu Hause noch im Büro die Klimaanlagen häufig. Allerdings ist es im Auto oft unumgänglich, weil der Verkehr in Bamako viel Konzentration erfordert.

Bamako
Na das war mal eine Fahrt! Pünktlich um 7.00 Uhr im Auto, Schlüssel gedreht, kein Mucks! Sulayman von der Werkstatt war zum Glück schon auf, eine Batterie wird zu meinem Haus getragen, eingebaut, der Motor in Gang gesetzt, die alte Batterie wieder eingesetzt, dann fahren wir noch zum Händler, um destilliertes Wasser zu kaufen und nachzufüllen, das war nämlich das Problem, das ich übersehen hatte – es ist inzwischen richtig heiß geworden. „Bis Sévaré hat sich die Batterie wieder aufgeladen“ verspricht er mir.
Stimmt, ich halte, um Fatime aufzunehmen. Alles bestens. Bis San. Da tanke ich und der Motor stottert beim Anlassen. „Wir fahren jetzt durch bis Bamako“, sage ich und auf geht’s. Allerdings habe ich dann hinter Ségou den Eindruck, dass wir ein Problem haben – nach einem Bremsmanöver wegen Gegenverkehrs beim Überholen schlackert die Lenkung und überhaupt – es ist nicht so, wie es sein sollte … Zum Glück ist ein kleines Dorf in Sicht, wo ich unter dem Schatten einiger Bäume anhalte, den Motor wohlweislich laufen lassen, aussteige und feststelle, dass der linke Vorderreifen platt ist. Na Bravo!
Schon sind etliche Dorfbewohner zusammengelaufen – ein Tubab Auto en panne! Das hats selten. Zum Glück ist Fatime dabei, sie erklärt die Situation und der Dorfälteste, der natürlich sofort zur Stelle ist, ordnet an, dass mir zu helfen sei. Ich händige Werkzeug aus und darf keinen Handschlag mehr tun, allerdings muss ich den Motor abschalten. Wir lassen 1000 FCFA (1,50 €) da – es dauert keine Zigarettenlänge, den Reifen zu wechseln (den Ersatzreifen hatte ich zum Glück kürzlich in Bandiagara erneuern lassen), dann wieder den Schlüssel gedreht – nichts. Mit großem Hallo wird der Wagen auf die Straße geschoben, ich erinnere mich meiner Fähigkeiten aus den Zeiten des Lada Fahrens und kriege den Motor wieder ans Laufen – jetzt aber nichts wie ab nach Bamako!!!
Auch hier sind inzwischen 40 Grad und mehr und das alles unter einer Dunstglocke aus Abgasen und allem was eine Millionenstadt so zu bieten hat. Im Gästehaus treffe ich andere KollegInnen, wir gehen was essen und ich bin tatsächlich so müde, dass ich auch in der Hitze gut schlafe.

Im Tagesspiegel in Berlin ist am 18. März ein Beitrag erschienen, der mit meiner tätigen Mithilfe in Bandiagara entstanden ist: Die verborgenen Narben. Der Artikel als PDF-Datei (157 KB).

Bandiagara
Fernsehabend – nun möchte ich ja gern das Ergebnis des Samstags (Top Etioles) im Fernsehen sehen. Gerüchte sagen, die Aussendung sei heute (Fernsehprogramme gibt es nicht). Also schließe ich die Dachantenne an und tatsächlich, ein gutes Farbbild erscheint auf meinem kleinen TV-Gerät. Werbung, dann Nachrichten, in erster Linie wo der Präsident ATT was wann wie eingeweiht hat. Dann Musikvideos. Dann wieder Werbung, diesmal für die Präsidentschaftswahlen. In jeweils der traditionellen Kleidung einer Ethnie und offenbar auch in dieser Sprache, wird demonstriert, wie der Wahlzettel auszufüllen ist (jede/r Kandidat/in hat ein Symbol, das mit dem Fingerabdruck markiert wird, wenn man diese Person wählen möchte), anschließend ein Spot, wo ATT in der Region dieser Ethnie welche segensreichen Aktivitäten entfaltet hat. Schon etwas eigenwillig für europäisches Selbstverständnis, allerdings auch bar jeder Aggressivität.
Nur die Hitparade, die kommt nicht.

Bandiagara
Heute geht’s mal um Kultur. „Top Etioles“ die malische Hitparade, wird in Bandiagara aufgezeichnet. Ab 16.00 Uhr soll es im Espace Culturelle losgehen. Ich lade Keita und Daou mit ihren Familien ein, wir sind 5 Erwachsene und (mit Nichte und Bonne etc.) 7 Kinder. Erst mal treffen wir uns bei Daou, trinken Tee und so gegen 16.45 Uhr meint er, wir könnten jetzt langsam losgehen. Da werden aber noch die Bühne dekoriert und der Soundcheck gemacht. Gegen 18.30 Uhr kommen die örtlichen Honoratioren – jetzt könnte es bald losgehen.
Schließlich kommt der Moderator und erklärt, wo wir sind, was die Sendung ist und dann gibt es eine Mischung aus traditioneller und moderner Musik, praktisch alles Playback, was mal besser, mal schlechter läuft, das Publikum ist auf jeden Fall begeistert, ist ja selten genug, dass es in Bandiagara so größere Kulturevents gibt. Es ist hoffnungslos überfüllt, die traditionellen Sänger und TänzerInnen haben keine Kameraerfahrung und müssen erst in den Aufnahmebereich „gelockt“ werden, die CDs fürs Playback haben unter der Hitze gelitten und holpern vor sich hin, aber alle haben einen Mordsspaß!
Einzig Yussuf und seine Band spielen life, sie sind wirklich gut, das wird aber leider fast nur in Europa so gesehen, in Bandiagara sind sie kaum bekannt, schade eigentlich. Zwischendurch werden die Sponsoren verlesen – großer Jubel bei YAG-TU (Frauenassoziation und Partnerorganisation des ded über 5 Jahre), Hotel de la Falaise, Familie Tall und andere lokale Größen.
Zwischen den Songs werden die Stars zu ihrem Leben und ihren Erfahrungen befragt, kurze Zusammenfassungen gibt es gelegentlich auf Französisch, wir haben inzwischen jede/r ein schlafendes Kind auf dem Arm – die beiden Jugendlichen sind ganz aus dem Häuschen, dass sie dabei sein können. Schließlich tragen wir die Kinder nach Hause, wo sie schnell wieder wach werden, weil es noch leckere Sauce mit Brot gibt…. So kann ein Samstag auf dem Lande sein, Keita und seine Familie müssen morgens früh zurück nach Sévaré, weil Fatime Sonntag arbeiten muss, eine Delegation der Schulaufsicht hat sich angekündigt …

Bandiagara
Schon vor 3 Wochen hat mir Maladou, unsere Sekretärin, den diesjährigen Stoff anlässlich des internationalen Frauentages angeboten – hat mich dann zum Schneider begleitet, um daraus eine Kombi zu schneidern – da die Grundfarbe weiß ist, würde das Ergebnis in Europa eher als „Schlafanzug“ gelten – ich ziehe mich also anlassgemäß an, um die Frauen von Bandiagara bei einem Marsch durch die Stadt zu begleiten. Also es gibt erheblich kreativere Arten, diesen Stoff zu verarbeiten, das sehe ich dann gleich!
Dieses Jahr sollen die Autoritäten besucht und auf die Situation der Frauen aufmerksam gemacht werden. Das beginnt bei der Stadtverwaltung, geht dann weiter zum Kreis und endet beim Kommandanten. Überall werden die Frauen höflich empfangen, bringen ihre Anliegen vor, es gibt eine kleine Rede des Verantwortlichen (alles in Dogon bzw. Peulh oder Bambara), sinngemäß wird wohl gesagt, dass man sich der Bedeutung der Frauen für die Gesellschaft bewusst sei – das kennen wir doch?
Im Büro sind, wie im letzten Jahr auch, nur die Männer, Frauen haben heute frei! Coulibaly flachst angesichts meines Outfits, wann es denn endlich den Tag für den Mann gebe? Ich antworte, ich hätte den Eindruck hier sei jeder Tag ein Tag des Mannes – da lacht er herzlich und die Kollegen mit ihm. Das kommt mir auch bekannt vor.

Bandiagara
Der Gruppe aus der Max Brauer Schule habe ich zugesagt, vorbeizukommen, um von der Arbeit im Entwicklungsdienst zu erzählen. Also gehe ich gegen 18.00 ins Hotel Village, nicht weit von meinem Haus.
Eine erstaunliche Gruppe erwartet mich: Aufgeschlossene, neugierige, interessierte Jugendliche, die eine Fülle von Fragen haben, Lehrkräfte, die weder über Hitze noch über Transportprobleme klagen. Einzig die ca. 1,60 m große Statue, die die hiesige Schule den HamburgerInnen als Dankeschön geschenkt haben, bereitet Kopfzerbrechen, wie kriegt man die nach Bamako und vor dort nach Hamburg. Ich schlage vor, zu Zollfragen meine Kollegin von der Mission Culturelle zu befragen und ansonsten die Botschaft und die GTZ anzurufen, weil deren Personal mit Containern reist, wo sie beigeladen werden könnte.
Welche Wohltat, nach all den „Spiegel“ Berichten über die Bildungsmisere in Deutschland hatte ich den Eindruck, dass es so was wie diese Gruppe womöglich gar nicht mehr geben könnte.
Eine junge Frau möchte gerne hier ein Praktikum machen, ich bitte sie genau zu klären, dass das dann in Deutschland auch erkannt wird. Im Augenblick habe ich keine Idee, welche deutsche Struktur ihr Vorhaben unterstützen könnte, aber es fällt uns bestimmt noch was ein. Alle sprechen prima französisch und sind offen für neue Erfahrungen. Welch eine erfreuliche Begegnung!

Bandiagara
Nicht dass ein Sonntag ein freier Tag wäre – die Welthungerhilfe hat den Besuch von zwei Journalistinnen und einem Fotografen angekündigt, die Interviews zu Mädchenbeschneidung machen wollen. Mit unserem Animateur Djenguie fahre ich mit ihnen nach Kane Sende, um dort mit dem Dorfkomitee zu sprechen. Es ist ein Dorf, das durch die Arbeit mit GAAS Mali dieses Praxis inzwischen verboten hat. Für mich ist es auch interessant, für Djenguie eher schrecklich, denn er hat Zahnschmerzen und als wir abends zurück sind, eine richtig üble dicke Backe. Die Fragen der Journalistinnen irritieren teilweise die Dorfbewohnerinnen, es gibt Dinge, über spricht man nicht in der Öffentlichkeit – z.B. über die bei der Beschneidung erlittenen Qualen. Aber ob sie froh sind, dass ihre Enkelinnen das nicht mehr erleiden müssen? – die Antwort ist eindeutig Erleichterung.
(s. auch Eintrag Ende März, dort findet sich der Artikel, der aus diesem Tag entstanden ist)

Bandiagara
Auf dem Weg ins Büro war ich davon ausgegangen, dass ich erstmal gucken kann, was so alles liegen geblieben ist und überhaupt, mit Kara sprechen, was so anliegt – aber gegen 9.00 Uhr sitzen Inge und Elisabeth bei mir im Büro. Sie sind Lehrerinnen aus Hamburg, mit 15 SchülerInnen und 3 weiteren LehrerInnen hier und unterstützen eine Schulkantine in Bandiagara. Weil sich das als schwieriger erweist als gedacht, suchen sie die Unterstützung von GAAS Mali. Wir entwickeln mit Coulibaly und Vertretern der Schule ein Konzept, das sicherstellt, dass das Geld auch tatsächlich in der Kantine ankommt und sich das Kantinenkomitee statt mit Eifersüchteleien wirklich mit der Kantine beschäftigen kann.

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