April 2007


 

 

Der große Tag ist da - für den ATT Besuch am Freitag wurde den ganzen Tag getrommelt und gefeiert, nun sind zahlreiche Klassenzimmer der Schule in meiner Nachbarschaft in Wahlbüros umgewandelt. Ich fahre gegen 12.00 Uhr hin, trotz der großen Hitze sind viele Leute unterwegs, den ganzen Morgen rauschten die Motos an meinem Haus vorbei.

Außer dem Wahlkomitee, das von Daou geleitet wird, sind noch BeobachterInnen der im Parlament vertretenen Parteien, staatliche Wahlbeobachter und zuweilen internationale Gäste zugegen. Alles macht einen friedlichen und gut organisierten Eindruck. Anders als bei uns, muss man sich vor der Wahl in Wahllisten eintragen und registrieren lassen. Das gibt zuweilen Probleme. Ein Kollege hat seinen Wächter und dessen Familie zum Wählen motiviert, ist extra mit ihnen zur Registrierungsstelle gefahren - aber die Unterlagen der Familie, die aus einem abgelegenen Dogondorf stammt, konnten nicht aufgefunden werden.

Jedenfalls muss vor dem eigentlichen Wahlgang die Registrierungskarte und der Personalausweis vorgelegt werden, dann gibt es den Wahlbogen, auf dem die KandidatInnen mit Foto, Namen und einem Symbol (für die Analphabeten) abgebildet sind. Jede/r Wähler/in erhält dann ein kleines Stempelkissen, mit dem der Fingerabdruck bei dem/der entsprechenden KandidatIn angebracht wird. Der Stimmschein kommt in die Urne, das Stempelkissen wird zurückgegeben und wer will, kann seinen Zeigefinger in einer speziellen Flüssigkeit reinigen lassen. Rund um die Schule haben sich HändlerInnen und „bonnes femmes” (mobile Garküchen) eingefunden, für die, die von weiter her kommen.

Die vorläufigen Ergebnisse werden im Laufe der Woche, so ab Mittwoch/Donnerstag erwartet.

25.04.2007

Am Sonntag, den 29. stehen Präsidentschaftswahlen an - Daou ist Wahlleiter in einem der Wahlbüros und lädt mich ein, ihn dort zu besuchen. Er bereitet mit einer Gruppe Jugendlicher aus seinem Gymnasium ein Theaterstück vor - schon den einen oder anderen Samstagvormittag habe ich dort verbracht und die Proben verfolgt - ich habe Zweifel, ob das wirklich aufführungsreif wird. Ein pensionierter Schauspieler berät die Gruppe und die Jugendlichen sind mit Feuereifer dabei. Die ganzen Osterferien hindurch waren sie von 8.00 bis 16.00 Uhr in der Schule zum Proben, jetzt noch jeden Samstag - Mitte Mai soll Premiere sein.

Die Wahlen führen im Büro und bei vielen anderen Maliern zu heftigen Diskussion, vorbereitet werden die Besuche von 2 Kandidaten, IBK (Ibrahim Boubakou Keita) und ATT (Amadou T. Touré), insgesamt gibt es 7, davon 1 Frau. Parteien spielen dabei keine große Rolle, es geht in erster Linie um die KandatInnen. Der ATT Besuch ist ein Höhepunkt hier, kommt er doch schließlich aus Mopti. Die meisten sagen, er mache seine Sache bisher gut und deshalb solle er wieder Präsident werden, eher intellektuelle Kreise befürworten IBK, sie finden, dass ein Wechsel nötig ist, um der unglaublichen Korruption Herr zu werden, die in den staatlichen Strukturen herrscht.

In der letzten Woche hat ORTM (staatliche Fernsehanstalt) begonnen, jeden Tag einen anderen Kandidaten vorzustellen - allen wurden die gleichen Fragen gestellt, film und actiontechnisch eine absolut öde Veranstaltung. Aber es hatte viel Kritik vorher gegeben, weil halt bis dato vor allem ATT in der Berichterstattung vorkam und man nun den andern auch Gelegenheit geben wollte, sich zu präsentieren. Die Fragen reichten von der Gesundheits- und Familienpolitik, über Wirtschaftsfragen bis zur Außenpolitik - ich hatte leider nicht jeden Tag die Muße, das aufmerksam zu verfolgen, es gab aber schon Unterschiede, z.B. in der Frage, wie mit den im Norden vermuteten Ölvorkommen umzugehen sei. Hier reichte die Bandbreite von „Wir müssen auf jeden Fall ausländische Experten ins Land holen, um das auszubeuten” - bis zu „Mali darf in dieser Frage keine externe Einmischung dulden”.

Bandiagara

ankunft-im-dogonlandMargret und ich haben den Pool im Hotel Cheval Blanche entdeckt und fragen uns, warum das nicht schon eher der Fall war … heute sind wir dann mit Ben und Jaqueline und der kleinen Lolo rausgefahren, die mit ihren 7 Monaten alle MalierInnen anstrahlt, die Attraktion im Dorf ist und heute ihre erste Begegnung mit dem „großen Wasser“ hat – wie bei einem Familienausflug lümmeln wir um den Pool, trinken Limo und plaudern über dies und das.

Bandiagara

hier hause ich derzeit nicht allein ... Im Gästezimmer ist schon wieder eine Platte von der Decke gefallen – ich will es Margret zeigen, dabei entdecken wir eine Termiteninvasion in eben diesem Zimmer – eine Decke ist fast komplett zerfressen, die Matratze zum Glück noch nicht im Kern angegriffen. Mein Schreibtisch im Schlafzimmer wurde auch bereits heimgesucht. Alle Französischübungen aus den letzten beiden Jahren – gnadenlos zernagt! Hochglanzbroschüren mögen sie offenbar nicht. Zum Glück habe ich neulich alle wichtigen Papiere (Gehaltsnachweise, Lebensversicherung, Arbeitsvertrag etc.) mit ins Büro genommen, dort gibt’s keine Termiten. Jedenfalls ist es schon beeindruckend, was sie auch so an Gängen und Löchern ernagen. Die unterste Schublade hat Löcher von 5 bis 8 cm Durchmesser – ich konnte sie gar nicht mehr rausziehen. Das alles kommt daher, weil ich neulich noch zwei kleine Torfballen, die ich hinterm Haus gelagert hatte, um bald die Erdbeerpflanzen aus Ouaga anzusetzen, vergessen hatte. Gestern fand ich sie wieder bzw. die Plastiktüte, in der sie waren, die Blöcke selbst waren vollständig in den Zustand rötlicher Termitenheime übergegangen. Naja, und mit dieser guten Nahrungsgrundlage toben sie sich nun an meinen Deckenplatten, Türen und allem, was aus unbehandeltem Holz ist, aus (zum Glück ist mein Bett mit einer grausligen weißen Farbe gestrichen). Um uns von dem Schock zu erholen sind, wir dann schwimmen gegangen und haben anschließend Pizza gegessen und nun ist es spät und ich höre völlig überraschend Regentropfen aufs Terrassendach tröpfeln, es riecht nach feuchter Erde - also irgendwie ist das komisch in diesem Jahr, aber das kann auch der Mangoregen sein, der oft im April erhofft wird, also vielleicht doch ein gutes Zeichen …

Bandiagara

So wie die Woche begonnen hat, endet sie auch: Morgens um 7.00 Uhr ruft mich Kara an und erzählt mir, dass die Mutter von Kass, unserem Finanzexperten bei GAAS Mali, heute Morgen verstorben ist. Völlig überraschend. Ich fahre sofort ins Büro. Dort warten schon Anna, Fatime, Kadjia, Marie und Maladou auf mich. Wir machen ein „Frauenauto“ und fahren zum Haus von Kass, wo wir uns im Hof niederlassen. Dort sitzen wir ca. 2 Stunden. Zwischendurch kommen die Männer ans Tor und präsentieren ihre Beileidswünsche. Sie sprechen eine Formel, es wird im Chor geantwortet, Anna sagt ich solle auch „Anima“ (=Amen) sagen, aber ich bin unsicher wann. Niemand weint, das ist hier nicht üblich, auch Umarmungen, Händeschütteln etc. gibt es nicht. Plötzlich habe ich das Gefühl von einer besonderen Stille – keine Stimmen, keine Tiere, nichts ist mehr zu hören. Dann ertönt eine Stimme aus dem Raum, in dem die Verstorbene aufgebahrt ist. Alle erheben die Hände – ich versuche zu erfassen, was ich tun soll. Es geht um ein Gebet, also achte ich auf Anna, die neben mir sitzt. Auf einen weiteren Zuruf erheben alle die Hände gen Himmel, dann vors Gesicht. Dann ist diese besondere Stille vorbei. Die Ziegen blöken wieder, die Hühner gackern, von der Straße kommt der Motorenlärm eines Motos …. Die ersten Trauergäste brechen auf, Wasser wird gereicht, wir gehen auch wieder ins Büro … später kommt Kara und erzählt mir, dass Kass’ Mutter mit 67 Jahren an Tetanus gestorben ist, sie hatte sich vor einiger Zeit verletzt, eine Kleinigkeit, so mit dem Küchenmesser geschnitten oder so was, worüber man nicht viel Worte verliert. Nun ja, aber es hat eine Infektion gegeben, die unbemerkt geblieben ist… und dann ging alles einfach ganz unglaublich schnell. Ich frage nach Impfungen – jaja, bei Kindern mache man das, aber dann wird das halt oft vergessen. Vorsorge, regelmäßige Check-ups, all so was gibt es nicht, daher auch die Lebenserwartung von 47 Jahren (Männer) und 52 Jahren (Frauen).

Bandiagara
Ein ruhiges Osterwochenende, wenn es so heiß ist, schlafe ich gern und viel – muss aufpassen, dass mich nicht eine Art afrikanische Lethargie erfasst, die mit der Stille um die Mittagszeit und der Hitze zusammen hängt. Zum Einschlafen „gönne“ ich mir meist 30 bis 60 Minuten Klimaanlage, die schaltet sich dann automatisch ab und ich bin dann schon eingeschlafen, wenn ich dann gegen 5.00 Uhr wach werde, ziehe ich um in den Hof und schlafe da noch mal 1 bis 2 Stunden, am Wochenende auch länger. Mittags ruhe ich meist 30 Minuten, dann duschen und wieder ins Büro, wo es dann aber auch langsam ziemlich warm wird. Zum Glück haben wir neulich den Pool im Hotel Cheval Blanche entdeckt, der ist einem Bergsee nachempfunden, was reine Schönfärberei ist, denn nachmittags hat das Wasser Badewannentemperatur, aber die Bar heißt „sud des alpes“ und der Name ist Programm … ist jedenfalls wohltuend.
Weniger schön war dann der Start in diese Woche, morgens ruft mich Keita aus Sévaré an, ich bin im Gespräch, verspreche zurückzurufen. Gegen 10.00 Uhr ruft er wieder an, es sei dringend, ich müsse wissen, dass Coulibaly (46), der Direktor einer Organisation, mit der wir seit 4 Jahren zusammenarbeiten, letzte Nacht verstorben ist. Das haut mich auch um, denn ich kenn ihn und ich habe mit Keita immer mal wieder überlegt, was wir tun könnten, um ihm zu helfen. Er hatte Anfang letzten Jahres einen Motorradunfall und hat sich das ganze Jahr hindurch nicht davon erholt. Er wurde immer kraftloser und immer weniger und unsere Ideen gingen so weit, seine Befunde aus Bamako nach Bochum zu schicken, aber irgendwie kam immer was dazwischen … nun ist es zu spät.
Ich informiere Kara und Coulibaly bei GAAS Mali, sie sind auch entsetzt, vor allem Coulibaly, denn er ist derzeit auch gesundheitlich angeschlagen – er arbeitet viel zu viel und das schon lange.
Jedenfalls fahren Kara und ich nach Sévaré um zu kondolieren, das ist das mindeste, was man in solch einer Situation tun kann. Wir treffen uns bei Keita und fahren dann gemeinsam zum Trauerhaus. Es ist sehr anders als bei uns, niemand weint, die Männer sitzen vor dem Haus, die Frauen im Haus. Keita erklärt alles auf Bambara, was zu sagen ist, ich überreiche einen Umschlag zur Unterstützung der Familie. … Nachher trinken wir noch Tee bei Keita und unterhalten uns, was wir von Coulibaly wissen und mit ihm erlebt haben.
Auf der Rückfahrt überlegen Kara und ich, was das wohl sein kann, in diesem Jahr, denn erst hat sich ein junger Guide, den ich auch flüchtig kenne, Ammadou, mit einem Auto zu Tode gefahren, auf gerader Strecke zwischen Sévaré und Bandiagara; dann hat sich ein Schweizer, der immer den europäischen Winter hier verbringt, umgebracht; dann ist ein Kind von Kass in einen Brunnen gefallen, Moussa hat es wieder rausgezogen, zum Glück nur leicht verletzt, jetzt das mit Coulibaly, was ist los in diesem Jahr?