Mai 2007


Berlin

Eine schöne Familienfeier liegt hinter mir – der Geburtstag meines Vaters mit Spargelschlemmen und Geburtstagstorte –

Dann ein erneuter Weltenwechsel – ich hatte es ja nicht geglaubt, aber an der Sicherheitskontrolle im Flughafen Düsseldorf wird mein Kulturbeutel nach Drogerieartikeln und Medikamenten durchsortiert, dann lächelt mich die Dame an und sagt: „Und das packen Sie jetzt in einen wiederverschließbaren Gefrierbeutel“ – ich lächele zurück und sage: „Und woher soll ich den jetzt nehmen?“ – Aha, alles wieder einpacken, zurück hinter die Absperrung, da hängt ein Automat – für 1 Euro (soviel hat der Flug ohne Gebühren auch gekostet!) erhalte ich 3 Plastiktüten in die ich meine Habe großzügig verteile – langsam drängt die Zeit, ich stell mich wieder an, bei der Kontrolle war inzwischen Personalwechsel, die ganze Prozedur noch mal und dann diese Frage: „Sie reisen allein?“ – „Ja, warum?“ – „Dann muss alles in einen Beutel gepackt werden!“ – Ich bin schier fassungslos, auch erschließt sich mir der Sicherheitseffekt eines Gefrierbeutels nicht wirklich, die Sicherheitsbeamtin kann es auch nicht erklären „Vorschrift“ - ich weiß jetzt sicher – ich bin in Deutschland!

Am Gate ist keine Menschenseele – ich bin 10 Minuten nach der Boarding Zeit, frage am Nachbarschalter nach meinem Flug. Der junge Mann schreckt hoch: „Oh, den hätten wir fast vergessen“ – beim Einchecken bedankt er sich noch mal ausdrücklich für meine „Initiative“…

In Berlin freudiges Wiedersehen mit meiner alten Freundin Susanne – 1,5 Jahre ist es her, seit wir uns am Flughafen Düsseldorf verabschiedet haben, als ich nach Mali ausreiste – gnädig zieht sie erstmal mit mir nach Kreuzberg – da ist es meiner derzeitigen Heimat noch am ähnlichsten.

Dann versuchen wir den Bahnsteig für die Weiterfahrt im „Hauptbahnhof“ zu finden – dieses Bauwerk aus Glas, Stahl und Beton ist in seiner Unübersichtlichkeit doch einmalig – grade für meine reizentwöhnten Sinne eine unglaubliche Überflutung. Zum Glück sind wir bald auf dem Weg nach Köpenick, dort ist es ruhig, grün und beschaulich.

Weitere Streifzüge durch Berlin führen mich nach Charlottenburg – offenbar das neue Nobelviertel und zum Kudamm, der durch das Abhängigen des Bahnhof Zoo von den internationalen Bahnlinien nun endgültig dem Untergang geweiht scheint, bis nach Mitte und zu den Hakeschen Höfen, wo das „Neue Berlin“ der Macher und Macherinnen pulsiert. Das Regierungsviertel lasse ich diesmal aus, dafür mache ich lieber einen Fahrradausflug am Müggelsee.

Erkrath

mit den Mali Reisenden Margret, Beate und Anke in Erkrath
Es ist richtig kalt hier geworden - Eisheilige sagen alle, ich fröstel mich in den Tag. Bei Margret und Conny zu Gast, die beiden haben ein Brunch mit allen Mali Reisenden vorbereitet, das ist ein Wiedersehen! Anke, Beate, Uli, Malene, Christa, noch einige FreundInnen aus Erkrath und Umgebung - einfach schön, alle wieder zu sehen!

Wir erfreuen uns an gemeinsamen Erinnerungen, besonderen Episoden und fangen an neuen Reisepläne zu schmieden (noch immer steht der Mercedes-Trip überland im Raum …). Gegen Nachmittag verabschiede ich mich - meine Eltern erwarten mich schließlich sehnsüchtig ….

Bochum

Das lief ja wie am Schnürchen, erst noch ein wenig in Bamako gefeiert - heute ist dort Feiertag - dann zum Flughafen, pünktlich um 3.30 Uhr gehts los - ich habe schon ein paar Stunden geschlafen, kann ja zum Glück überall schlafen. In Casablanca werden wir durchgewinkt, nochmal eine Handgepäckkontrolle, schon sitze ich im Bus zum Flugzeug - und naja, jetzt sind alle um mich herum weiss, die meisten sind Deutsche - ich verstehe plötzlich alles wieder … überhaupt auch die Maschine ist von deutlich anderer Ausstattung und Qualität, als das Gerät, mit  dem wir bis hier her geflogen sind.

In Düsseldorf kommen wir 20 Minuten zu früh, ich lese ein Schild, wonach wir zu einem Busterminal gebracht werden und richte mich auf eine längere Wartezeit ein - stattdessen schaffe ich es grade zum Klo und schon kreist mein Gepäck auf dem Transportband.

Martin hat im Netz gesehen, dass der Flieger zu früh ist, so kann ich erstmal eine rauchen, ein schönes Wiedersehen mit meinem alten Freund und dann ziehen wir Richtung Bahnhof (am Freitag vor Pfingsten mit dem Auto zu fahren hielten wir schon im Vorfeld für verfehlt). Es kommt prompt ein Zug … in einer Stunde sind wir in Bochum, die Sonne scheint, es ist warm zum wohlfühlen.

Wir schlendern ins “Viertel”, im Supermarkt habe ich mit eklatanter Reizüberflutung zu kämpfen und muß mir auch immer wieder sagen, dass ich mir jetzt grade keine französischen Formulierungen für meine Anliegen beim Optiker und im Fotogeschäft überlegen muß. Wir kaufen Spargel und zum Schluß gibts noch ein Eis - langsam merke ich, dass mein Flughafen- und Flugzeugschlaf letztlich doch nicht ganz so erholsam war. Aber ich will ja alle Neuigkeiten wissen, meinen Aufenthalt planen und überhaupt - wir sitzen im Garten und plaudern, dennoch, gegen 22.00 Uhr kann ich echt nicht mehr.

 

 

Bamako

Frühstück in Bamako Nun ist es fast schon wieder so weit: Morgen Nacht geht’s nach Europa - bin ja mal gespannt und freue mich aufs Wiedersehen mit Familie und FreundInnen.

ca 750 km sind es von Bandiagara nach Bamako Bamako

Das war dann doch alles noch ganz schön hektisch, aber schließlich sind die Koffer für Bamako und Europa gepackt und ich sitze um 7.00 Uhr im Auto, Luc und Etienne haben es noch gewaschen, weswegen der Fahrersitz pitschnass ist (sie hatten das offene Fenster übersehen), bevor es losgeht, steht noch Sekou von GAAS im Hof, ich soll doch noch grade hier das Protokoll unterschreiben … Den Schlüssel, um den Außenwasserhahn zu sperren, finde ich auch nicht wieder, ist mir jetzt egal, ich will los.

In Sévaré mache ich Station bei Keita, dort warten nicht nur Papiere für mich, sondern auch zwei junge Leute, die zurück nach Bamako wollen, sie haben sich für die Nationalgarde beworben. Ein Kollege von der Mission culturelle ist schon in Bandiagara zugestiegen.

Auf geht’s, das Auto war zu Inspektion, es läuft prima, bis - naja, mal wieder ein Reifen sich verabschiedet. Mitten in der Pampas. Da bin ich dann noch mal extra froh um meine Mitfahrer! In wenigen Minuten haben sie den Reifen gewechselt und weiter geht’s.

In Segou - ich habe den Reifen schon längst wieder vergessen, erinnern sie mich daran, dass wir noch ca. 400 km vor uns haben und es vielleicht klug wäre, den Reifen reparieren zu lassen … ich bin unleidlich, bin ich doch in Bamako noch eingeladen, andererseits, wenn dann wieder ein Reifen platt ist und ich keinen Reservereifen habe… also bei einen Reifenreparateur angehalten (die erkannt man den am Straßenrand aufgetürmten alten Reifen), er hat keinen passenden Schlauch vorrätig, also in die Innenstadt, Schlauch kaufen, verhandeln, wir haben Hunger, also senegalischer Schnellimbiß am Busbahnhof, ich habe keinen Appetit, ich will nach Bamako! Zurück zum Reifenmacher, er wirft eine abenteuerliche Apparatur an, um Luft in den Reifen zu pumpen, erstmal Benzin einfüllen, dann die Zündschnüre verbinden, ohrenbetäubender Lärm, aber der Reifen füllt sich. Ich zahle 500 CFA, die Frau des Hauses serviert mir noch einen Tee - Endspurt.

Gegen 19.00 Uhr kommen wir in Bamako an, ich bin viel zu müde für meine Einladung - freu mich, dass meine Kollegin, bei der ich wohne, noch was essen fährt, eine halbe Pizza und ab ins Bett.

 

 

Also dann heute morgen um 6.30 Uhr im Büro - um 7.00 Uhr verabschiedet sich der Strom. Um 7.15 Uhr kommt Coulibaly - was ich denn hier mache? Ich warte auf Strom …. Um 10.00 Uhr bin ich mit Moussa Tembiné, einem Ausbilder, verabredet, der unsere Fortbildungen in den Gemeinden machen soll - bis dahin wollte ich das Konzeptpapier fertig haben, schließlich kommt der Strom zurück und ich speichere eifrig, damit nicht wieder alles für die Katz ist.

 

 

Um 9.30 Uhr im Büro, ab 10.00 Uhr ist der Strom wieder weg. Was tun? Eine rauchen, Tee trinken (Sekou ist Glück da und macht Tee), abwarten. Einkaufsliste für die Deutschlandreise, To-do-liste überprüfen, Quittungen aufkleben - mir wird bewusst, wie sehr wir uns von der Technologie abhängig gemacht haben, die meiste Arbeit befindet sich halt auf der Festplatte Coulibaly meint, dass ganz früh morgens es kein Problem mit dem Strom gebe (er ist meist gegen 5.00 Uhr im Büro) …

Nachmittags fahre ich ins Kulturzentrum von Bandiagara: Daous Gymnasium verleiht als erste Schule in Bandiagara erstmals Preise an die besten Schüler und Schülerinnen. Die Preise mögen uns mickrig erscheinen, hier sind sie wertvoll: 5 - 10 Schreibhefte, 1 oder 2 Kugelschreiber, für die Hauptgewinner außerdem noch 1 oder 2 Romane aus der Schulbibliothek. Alles Dinge, die unverhältnismäßig teuer sind (ein Kuli kostet 100 CFA, 5 Mangos ebenfalls, letztere sind für die Familie wichtiger). Es werden die Besten der Schule, die Besten der Klasse und die Besten der Mädchen gewürdigt. Lokale „Berühmtheiten”, Lehrer von anderen Schulen, der pensionierte Schauspieler, der stv. Bürgermeister, der Sprecher des Elternrates, ich als Weißnase und etliche andere überreichen die Preise. Die Jugendlichen sind z.T. völlig gerührt, vor allem die Mädchen. Dazu muss man wissen, dass hier fast alle immer in Gruppen sind, wenn jetzt also einzelne hervorgehoben werden, ist das etwas ganz besonderes. Der stellvertretende Präfekt ermutigt in seiner Rede auch die anderen Schulen, solche Preisverleihungen einzuführen.

Dann tragen wir alle unsere Stühle nach draußen, wo die Sonne sich auf ihren Untergang vorbereitet und das Theaterstück beginnt. Welche Überraschung! Die SchauspielerInnen haben sich wirklich toll entwickelt und die Geschichte von Ogomo, der vom Dorf in die Kreisstadt kommt, um zur Schule zu gehen, der einen Sponsor für die höhere Schule findet, seine Erlebnisse im fremden und hektischen Bamako, sein Studium in Paris und schließlich seine Rückkehr ins Dorf werden vom Publikum (inzwischen ca. 400 Leute) begeistert aufgenommen. Als er auch noch die Frau seiner Wahl heiratet (anstatt der von der Familie vorgesehen Frau aus dem Dorf) und die ursprünglich vorausgewählte Frau eine deftige Eifersuchtsszene hinlegt, gerät alles außer Rand und Band. Aber Ogomo und seine Frau sind gut gebildet, haben gute Kontakte und gründen ein Gesundheitszentrum in ihrem Dorf.

Die Jugendlichen spielen über 2,5 Stunden mit absoluter Hingabe und ohne aus dem Konzept zu geraten, die Lautsprecher scheppern und pfeifen, aber das macht nichts, alle sind hochzufrieden. Alles wurde gefilmt und demnächst gibt es das Video vielleicht als Material für die Animationen in den Dörfern. Ich bin wirklich gerührt und begeistert und mache nur zwischendurch den Fehler mir selbst Wasser zu holen und dabei einen Blick auf das Wasser in der Kühlbox zu werfen, das ich bisher schon eifrig getrunken habe - eine uringelbe Brühe schwappt mir entgegen. Vorbeugend nehme ich zu Hause gleich ein paar Okumbaka-Kügelchen, das stärkt den Magen Darm Trakt …

 

 

Im Internet finde ich tatsächlich die vorläufigen Ergebnisse, ich drucke sie aus und gebe sie meinen KollegInnen bei GAAS Mali. Sofort sind heftige Diskussionen im Gange - ATT hat mit ca. 70 % gewonnen, die Wahlbeteiligung bei etwa 40 %, IBK ca. 38 % und die Frau 0,3 % - die Ergebnisse der Region Mopti wurden noch nicht veröffentlicht, was natürlich alle enttäuscht. Jetzt geht es aber gleich weiter mit den Wahlen zum Parlament, wo die Frist der Kandidatenkür Mitte Mai abläuft.

Die nächste Woche ist voll mit Terminen, ich versuche so viel Verwaltungsarbeit wie möglich vorher fertig zu bekommen - aber das klappt nicht, weil ab 13.00 Uhr der Strom ausfällt und leider auch wegbleibt. Der Groupe-electronique (Stromerzeugung mit Diesel) schafft grade mal die Energie für die Ventilatoren und/oder den Fotokopierer - der Akku vom laptop ist leer - ich plaudere ein wenig mit den KollegInnen und beschließe heim zu fahren, Morgen ist es vielleicht besser mit dem Strom.

 


 

 

Heute morgen ist der Himmel wie frisch gewaschen, es ist kühl, angenehm wie im Frühling in Europa. Dann ist doch noch mal ein Dank ans Schicksal nötig: Etienne, der Wächter, weist mich darauf hin, dass mein linker Vorderreifen platt ist - wenn das gestern Abend passiert wäre ….  Etienne und Luc wechseln den Reifen, ich bring den kaputten zur Reparatur … der Tag kann beginnen.

 Sévaré

 

Nun hatte ich erstmals wirklich so was wie Angst hier: Gegen 17.00 Uhr fahre ich vom Suivi-Termin in Sévaré los Richtung Bandiagara. Es ist heiß wie immer, aber so nach ca. 20 km ist das Licht anders, als sonst um diese Tageszeit. Normalerweise ist die Landschaft in wunderschöne Rottöne getaucht, alles leuchtet noch mal zum Abschied des Tages. Heute ist es ein giftiges Gelb, die Büsche und Bäume in einem fast schon künstlichen Grün, so dass ich mich frage, in welchem Film ich nun wieder gelandet bin.

Dann sehe ich sie vor mir: eine graue Wand, hinter der sich die Büsche und Bäume bis zum Boden im Sturm neigen - ich denke nur, wenn jetzt jemand in meiner Richtung unterwegs ist, nehme ich ihn/sie sofort mit, damit ich nicht mehr allein in diesem Wagen bin. Aber die Straße ist menschenleer. Logisch, denn ich fahre in einen unglaublichen Sandsturm, der am Auto rüttelt, die Hand ist nicht vor Augen zu sehen und ich fahre Schrittempo. Soll ich anhalten - es wird langsam dunkel - aber eben auch schneller als sonst, lieber langsam weiter fahren, bevor es ganz dunkel ist … Kurz vor Bandiagara kommen mir zerzauste Menschen entgegen - es war Markttag, sie laufen in ihre Dörfer zurück, kämpfen sich durch den Sturm.

Ich bin heilfroh und ziemlich geschafft, als ich zu Hause ankomme. Leya Ba hat was schönes gekocht, der Sturm tobt noch bis Mitternacht.