Juli 2007


 

Na und wer DirektorIn von GAAS Mali ist, der oder die muss reisen – der DED hat Mitwirkungsausschuss, ich bin Nachrückerin und weil eine Kollegin krank und ein anderer im Urlaub ist, muss ich „mal eben“ nach Ségou fahren. Ca. 400 km, eigentlich nicht weit, aber in Ermangelung unserer Brücken muss ich über Somadougou fahren, eine elende Piste! Ich nehme vorsorglich eine junge Frau und einen älteren Herrn mit – man soll auf Pisten nicht alleine fahren! Die Fahrzeit verlängert sich insgesamt auf 6 Stunden, aber alles klappt, keine Panne. In Segou sind etliche Kollegen übers Wochenende aus Bamako gekommen – fast eine kleine Vollversammlung.

Heute fuhren wir dann wieder zurück, zu zweit ist das ja schon viel entspannter.

 

Da bin ich aber froh, dass ich wieder raus darf – so nett mein Häuschen ist, aber irgendwann fällt einer doch der Himmel auf den Kopf. Diese Woche haben wir eine Fortbildung innerhalb von GAAS Mali gemacht. Montags abends kommt ein Kollege, lacht mich an und sagt: „Madame la directrice!“ – Nun ich lache auch und sage „nein, nein ich bin Assistante technique“ – „ja, dann lies mal hier“: Coulibaly, der Director von GAAS Mali ging auf Dienstreise, hatte mich nachmittags noch gefragt, ob ich die nächsten 14 Tage da sei oder reisen müsse – ich sei da, ja prima. Nun ja, da machte er mich zur Interimsdirektorin. Letztlich ist es ja wie bei uns – Urlaubsanträge, Krankmeldungen, eine Forschungsgruppe von Plan Mali will ein Interview durchführen, Kara und ich machen das alles gemeinsam und es geht ganz gut. Letztlich ereilt mich halt Verantwortung immer und immer wieder …

 


Ergänzend zur 2-stündigen Perlmanganatbehandlung hat mich meine Nachbarin Margret geduldig morgens und abends zum Antibiotika-Spritzen ins Hospital gefahren – jedes mal ein neues Abenteuer, mal kriegt einer das Flüssigkeitsfläschchen nicht auf, die Glassplitter hüpfen durch den kleinen Behandlungsraum und werden dann lässig auf den Boden gekehrt, wo sie sich mit den Reis- und Essensresten vom Mittagessen vermischen; Margret sieht mir an, dass ich darüber nachdenke, was eigentlich solche Splitter im Körper so anrichten könnten, aber wir sind uns einig, dass sie nicht durch die Kanüle passen dürften. Dann merkt eine Schwester nicht, dass die Drainage am linken Arm direkt in die Vene geht, was zu 10 ml Antibiotikum intravenös führt und mich etwas diri-dari zurück auf den Behandlungsstuhl sinken lässt – am Blasswerden von Margret kann ich ablesen, dass ich offenbar gar nicht gut aussehe … also werde ich jedes Mal gepiekst, das können sie hier aber supergut, ohne jegliche Spur. Dann wieder hat der Diensthabende drei Jugendliche zur Gesellschaft, die im Behandlungszimmer Tee kochen und auf dem Untersuchungsbett (Dunkelbrauner Plastiküberzug und ein alter bunter Panje drüber) lümmeln, am Tag vorher hat das Baby der diensthabenden Schwester den Tag dort verbracht – vor dem Eingang wird gekocht, es gibt keine Verpflegung im Krankenhaus, die unterschiedlichen Ethnien haben verschiedene Essensvorschriften und es wäre einfach nicht zu managen, alle zu versorgen, denn es herrscht ständiges Kommen und Gehen. Auch am dritten Tag liegen abends wieder Reis und  Knochen auf dem Boden, ich bin froh, dass die Behandlung gut anschlägt, ich schon wieder ohne Stock laufen kann – gleichwohl ordnet Ernesto an, dass ich auch den Rest der Woche Ruhe bewahren muss.

Bei einem seiner Krankenbesuche frage ich ihn, warum es im Krankenhaus so aussieht, wie es aussieht? Er meint, dass die Wahrnehmung der Menschen hier völlig anders ist, selbst medizinisch geschultes Personal nimmt es nicht als Problem wahr, was sich so alles in einem Behandlungszimmer oder im Krankenhaus insgesamt abspielt. Der Direktor ist mehr Manager als Arzt, außerdem meist auf Reisen, es fehlt an den einfachsten Ausstattungsgegenständen und selbst das, was vorhanden ist, z.B. ein Sonographiegerät, kann in Ermangelung fachkundigen Personals nicht genutzt werden. „Schließlich kommen die meisten Menschen“ – er grinst schelmisch – „genau wie Du übrigens - erst, nachdem sie alles Mögliche und Unmögliche ausprobiert, das meiste Geld beim Marabou gelassen haben und wir im Krankenhaus, wir können dann oft nicht mehr viel tun. Die Medikamente und Behandlungsutensilien muss man erst mal selbst in der Apotheke gegenüber kaufen – so sie denn dort vorhanden sind - und wenn das Geld schon beim Zauberer gelassen wurde – nun ja, dann sterben die Menschen oft im Krankenhaus und es heißt dann hinterher, dass die Ärzte nun mal auch nicht helfen können – Gott ist groß!“

Allein wäre ich unter diesen Bedingungen ganz schön aufgeschmissen gewesen – deshalb wird auch in aller Regel bei Krankheit ein Familienmitglied abgestellt, das mit ins Krankenhaus geht, Medikamente und Essen heranschafft, naja und diese Menschen sind dann halt am und im Krankenhaus, kochen, trinken Tee, plaudern und schauen hin und wieder nach dem/der PatientIn. Feste Besuchszeiten gibt es nicht, Schmerzmittel auch nur in Ausnahmefällen, von Betäubung ganz zu schweigen – also es ist wirklich am besten, wenn man dort nicht hin muss.

Ich selbst habe die These, dass wenn, wie hier angenommen wird, Krankheit ein Resultat übler Handlungen, eines Zaubers oder eben eines schwierigen Schicksals ist, es keinen Grund gibt, Kranke besonders zu bemitleiden oder zu umsorgen – andererseits ist während meiner Fussruhewoche die gesamte Belegschaft von GAAS Mali 2 mal zu mir nach Hause gekommen, um mir Genesungswünsche zu überbringen, die die nicht ins Auto passten, kamen dann noch mit 2 Mopeds nach – also irgendwie stimmt diese These auch nicht wirklich, denn wir haben es auch bei anderen KollegInnen schon so gemacht. Und meine deutschen KollegInnen waren rührend um mich besorgt, schauten abends vorbei und versorgten mich mit Neuigkeiten, Jaqueline und die kleine Lolo unterhielten mich am Nachmittag, der Koch Lya Ba kam Sonntags morgens und brachte Reis mit Erdnussoße – er weiß, dass das meine Lieblingssauce ist - aber dennoch, die beste Krankheit taugt nichts!

 

Bandiagara

Eine gute Woche ist es her, seit „Die Welle“ kam. Es hat die Stimmung in Bandiagara schon sehr verändert. Das Angebot auf dem Markt ist auf ein Minimum geschrumpft, frisches Obst, Fisch und Gemüse, die sonst aus Mopti oder Ougadougou geholt werden, sind selten geworden. Es steigen die Preise für Nahrungsmittel, Banco-Steine, Mieten und Benzin. Die Schulen sind als Flüchtlingslager eingerichtet, Spenden in Geld oder Naturalien (Moskitonetze, Matten, Decken etc.) treffen täglich ein und sind sehr willkommen. Es ist völlig unklar, wo die Opfer ab Oktober wohnen sollen (da fängt die Schule wieder an) und letztlich gibt es Wegelagerer, die nicht nur für die Überquerung des Yamme bei Goundaka Geld nehmen, sondern auch noch die Kosten für die Strecke Bandiagara – Mopti schlicht verdoppelt haben. Also alles nicht so einfach. Erfreulich die Hilfsbereitschaft, auch aus Deutschland, allen, vor allem den SchülerInnen und Lehrkräften der Max Brauer Schule in Hamburg herzlichen Dank im Namen aller Betroffenen für die prompte Überweisung einer wirklich erklecklichen Summe.

Gleichwohl muss das Leben ja weiter gehen und nachdem wir bei GAAS Mali auch intern Geld gesammelt haben, um Reis und Hirse für die Opfer beisteuern zu können, kehren wir auch wir zu unserem Alltagsgeschäft zurück.

Wir haben unsere erste Fortbildung mit den Ratsfrauen aus dem Kreis Bandiagara gemacht, was eine gute Erfahrung war. In den 21 Gemeinden sind 15 Frauen gewählt worden, sie haben eine Menge Schwierigkeiten durch ihre Mandate. Das reicht vom Neid des Ehemannes über die Forderungen der anderen Frauen im Haushalt, für die Arbeit, die die Ratsfrau dort zuweilen nicht machen kann, weil sie Termine und Treffen hat, entschädigt zu werden, bis hin zu Neid und Missgunst im Dorf, weil sie z.B. einen Informationsvorsprung haben – einiges kommt der langjährigen Frauenbeauftragten doch sehr bekannt vor …. Bei der Fortbildung geht es nicht nur darum, das Selbstbewusstsein dieser Frauen zu stärken und sie zur erneuten Kandidatur zu ermutigen, sondern auch gemeinsam nach weiteren potentiellen Kandidatinnen für die nächste Kommunalwahl (2009) Ausschau zu halten. Dazu bereisen wir ab September die Kommunen, die wir zu Seminargruppen „zusammengefasst“ haben.

Ich selbst bin mit einer kleinen Blase ins Regenwasser geraten, etwas was man hier einfach nicht tun sollte – es hat sich prima entzündet und nun habe ich einen dicken Fuß. Mittwochs besuche ich Dr. Guindo, den Mann meiner Kollegin Marie, er wohnt bei mir in der Nähe. Eigentlich finde ich, dass der Fuß schon besser aussieht, aber vielleicht irre ich mich. Dr. Guindo beendet in Ruhe sein Frühstück, reibt sich die Hände an einem Lappen ab und betrachtet die gerötete, inzwischen 5 cm lange und 3 cm breite Wunde – „Tja, da sollten wir mal die alte Haut abziehen“, meint er und langt zu – es tut tierisch weh. Ich habe meine Jodflasche mitgebracht und den medizinischen Alkohol (die ersten Tage hab ich Wodka drüber gekippt, dann fiel mir das Fläschchen wieder ein), er meint das Jod würde reichen. Nun, danach hab ich dann bei GAAS drum gebeten, mir den Chauffeur zur Seite zu stellen, um zum Frauenseminar zu kommen … Heute morgen bin ich dann zum kubanischen Arzt Ernesto – er schaut erst meinen Fuß, dann mich an und meint dann, warum ich damit nicht eher gekommen sei? Und ich solle mal erst schön zu Hause bleiben und den Fuß ruhigstellen ….

Bandiagara

Nun hat es gestern wieder geschüttet, weitere Häuser sind zusammengebrochen, der Regen fällt diesmal nicht moderat, so 1 bis 2 Stunden, sondern es gießt wie aus Eimern und das bis zu 6 Stunden lang – dafür sind die Banco-Häuser einfach nicht gebaut.
Die Menschen hier können jede Hilfe brauchen, die Stadtverwaltung hat einen Hilfsfonds eingerichtet, aus dem die Obdachlosen unterstützt werden. Wer spenden möchte, schicke mir bitte eine e-mail: Info@gabriele-riedl.de, ich möchte keine Konto Nr. hier veröffentlichen, sonst kriege ich wieder spams ohne Ende.
Zum Glück sind Reinhild und Kirsten zu Besuch, sie nehmen diesen Text und die Bilder mit nach Bamako, um sie vom internet Cafe aus an Martin zu schicken, der sie veröffentlicht. Der Akku vom laptop ist fast leer, da höre ich doch den Kühlschrank brummen … Dennoch es bleibt beim Weg über Bamako, ich habe keine Ahnung, ob und wann die Telefonleitungen, geschweige denn die Internetverbindung, wieder klappt.
Allen HelferInnen schon mal Dank im vorraus.

Bandiagara

Gestern abend hat es – endlich – mal richtig geregnet, nach kurzer Zeit war dann der Strom abgeschaltet – also ausruhen und dem Prasseln auf dem Dach lauschen.
Heute Morgen kommt Leya Ba, der Koch, und sieht sehr müde aus und auf die übliche Frage, ob er gut geschlafen habe sagt er glatt „Nein, wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen“.
Dann erzählt er: Es sind zahlreiche Häuser überschwemmt worden, 2 von unseren 3 Brücken sind abgerissen, zum Glück scheint niemand zu Tode gekommen zu sein.
Ich fahre ins Büro, unterwegs fällt mir meine Kollegin Maladou Kassouge ein, sie wohnt direkt am Fluss. Im Büro stehen alle herum und beratschlagen, wie das passieren konnte, Kara kommt und ruft ohne jede Begrüßung: „Das ist die Katastrophe!“ Ich rufe Maladou an, biete Hilfe beim Transport an, noch immer habe ich keine Vorstellung, was eigentlich passiert ist. Die Kollegen im Büro wohnen fast alle oberhalb vom Fluss, haben im Laufe der Nacht Freunde und Verwandte aufgenommen und auch in ihren Häusern Wasser geschöpft.
Zu Maladous Haus kann ich schon mal gar nicht gelangen, da wo der Stadtteil war, ist eine Schlammwüste, aus der einzelnen Holzbalken, Mauern, Kochtöpfe, Haushaltsgegenstände herausragen. Mir treibt es die Tränen in die Augen, als ich die Menschen durch die Trümmer irren und nach Habseligkeiten Ausschau halten sehe.
Maladou kommt und erzählt „Das hat nur 3 Minuten gedauert, wir haben Holz aus dem Fluss gefischt und haben schon gemerkt, dass das Wasser schnell gestiegen ist. Dann kam diese Welle und wir haben uns alle an den Händen gefasst und sind nur noch gerannt! Als wir zum Haus zurückwollten, war da nichts mehr, nur Schlamm.“ Sie ist dann bei ihrer Großmutter untergekommen.
Nachbarn hatten Anrufe von Familienmitgliedern weiter oben am Fluss bekommen, aber sie konnten sich nicht vorstellen, was die eigentlich sagen wollten „Es kommt viel Wasser“ – jaja, das ist jedes Jahr so, sie haben weder ihre eigenen Sachen gepackt, noch die Nachbarn informiert – wenn ich keine Vorstellung von einer Welle habe, kann ich mich nicht davor fürchten … Wie Maladou sagte: „Das war wie das Meer“ – dabei ist der Yamme gewöhnlich ein Fluss, der 2/3 des Jahres gar kein oder nur sehr wenig Wasser hat.
Die Familie fängt an, ihre Habe auf das Auto zu laden, alles ist schlammverschmiert – nass, es kommt dann noch Kara und bittet mich an einer anderen Stelle um Hilfe für Freunde. Hier ist es eine Familie vor allem älterer Menschen – sie sagen, dass sie so etwas hier noch nie erlebt haben. In den 60er Jahren gab eine Überschwemmung, aber sie hatte nicht diese Wucht. Auch hier werden die verbliebenen Habseligkeiten verladen – wir haben praktisch keine Kleidung mehr, sagt die Frau des Hauses – ein totes Zicklein liegt vor ihr – keiner weiss, wie viele Tiere ertrunken sind und weggespült wurden. Ich bringe die Familie in die Schule im 7. Quartier, da wird ein Auffanglager eingerichtet (es sind ja grade Ferien) und verspreche, nachmittags noch eine zweite Tour zu machen, denn es muss jetzt erst mal weiter gegraben werden.
Bei Maladou ist die nächste Tour zusammengestellt, allerdings steht nun völlig aufgelöst eine Frau vor meinem Auto, ob ich grad einen Jungen, der ins Wasser gefahren ist (mit dem Moped) ins Krankenhaus fahren könne – 2 andere Frauen begleiten sie, während wir durchs Dorf brettern – selten hab ich so viel gehupt – erreicht sie ein Anruf und alle fangen zu weinen und zu klagen, ich kann sie nur noch bei einem Trauerhaus absetzen, mein Beileid aussprechen und zur Evakuierung zurückkehren.
Dort kommt dann noch ein älterer Herr auf mich zu – er habe ganz viel Hirse in einem Speicher in diesem Stadtteil, ob ich helfen könne, die zur Schule zu bringen (da wo die Flüchtlinge sind), also die eine oder andere weitere Tour – am späten Nachmittag fahre ich mal raus zur neuen Brücke, sie wurde einseitig unterspült und ist damit unpassierbar. Die alte Brücke, beim Rathaus, ist völlig zerstört, ebenso wie die bei Goundaka, auf dem Weg nach Mopti.
Ein weiterer Toter ist zu beklagen, er hat versucht Gegenstände aus dem Wasser zu fischen, ist hineingefallen und ertrunken. 4 Tote aus anderen Dörfern wurden in Doucombo angeschwemmt.
Die „kleineren“ Katastrophen sind da noch nicht dabei, wie die Nichte meines Kollegen Kassouge, die vor Schreck über den Verlust ihres Hauses eine Frühgeburt hatte – zum Glück sind Mutter und Kind wohlauf, ich besuche sie im Krankenhaus, ein winziges Baby liegt an ihrer Seite, sie selbst schläft und hängt am Tropf. Hoffentlich geht das weiter gut.
Abends treffen wir uns im Hotel Falaise – es gibt nach wie vor keinen Strom, aber dort hats einen großen Generator. Alle haben Kollegen und Kolleginnen, die betroffen sind, die Alten im Dorf sagen, dass es so ein Unwetter zuletzt vor 40 Jahren gegeben habe, aber da sind nur 4 Häuser betroffen gewesen.
Die „Bilanz“ bisher von 2007: Es gibt insgesamt 6 Tote im Zusammenhang mit der Flutwelle, ca. 2200 Menschen sind obdachlos geworden, über 140 Häuser völlig zerstört. Alle wichtigen Zufahrtswege sind abgeschnitten, es ist nicht klar, wann die Strom- und damit Wasser und Telefonversorgung wieder einsetzt. Wir sind alle einfach völlig fertig.