August 2007


Bandiagara

Da hats mich doch Mittwoch in der Mittagspause glatt erwischt – ich komme nach Hause, habe keinen Appetit und es ist mir schwindelig – ist das nicht bei mir das erste Zeichen von Malaria? Also Fieberthermometer raus – tatsächlich, fast 40 Grad – und am Samstag soll es nach Bamako und dann nach Europa gehen, her mit den Tabletten. Paracetamol senkt das Fieber, Coatem macht die Malariaerreger nieder – vielleicht sogar die Amöben, die sich seit einiger Zeit in meinem Darm zu tummeln scheinen …

So was in der Woche vor einem geplanten Urlaub ist übel, denn genau wie in Deutschland sind die Vorurlaubstage hektisch, alles soll fertig werden, Abrechnungen, Belege, Berichte – nichts zu machen. Zu allem Überfluss stellt sich heute, wo das Fieber und auch die anderen Symptome weg sind, raus, dass PC, laptop und meine USB-Sticks vollständig virenverseucht sind. Das, was ich Anfang der Woche noch geschafft hatte und in Bamako abliefern will, hat sich in unlesbare Dateien verwandelt, ich kann es niemandem zumuten, diese Sticks in ihren Computer zu nehmen, also rufe ich Bamako an und melde mich und meinen Computer krank ….  

Sévaré

Nachdem zwei Wagen in der Furt von Goundaka abhanden gekommen sind (perdu, wie man hier so schön sagt), ist es nun verboten, da mit dem Geländewagen zu queren (ich hätte es sonst schon gerne versucht). Ein Polizeiposten wurde abgestellt, die Einhaltung zu überwachen (ich habe keine Ahnung, was es kostet, damit er ein Auge zudrückt). Also rufe ich Keita in Sévaré an, mich auf der anderen Seite abzuholen, denn bevor ich noch mal die Tour über Somadougou mache, die mich letztens für diese lächerlichen 60 km über 2 Stunden gekostet hat, nehme ich lieber die Pirogge und notfalls ein Taxi brousse. Aber Keita versichert, es sei kein Problem und pünktlich um 7.30 Uhr treffen wir uns an der Fähre.

Es steht ein Seminar des EU-Projektes ARIANE an, ich übernachte im Macs und genieße es mal wieder Englisch sprechen zu müssen – ich habe nun den Trick raus, wie ich es in meinem Hirn wiederbeleben kann: Ich bitte mein Gegenüber einfach englisch zu sprechen, sich nicht zu wundern, wenn ich auf Französisch antworte – und siehe da, wie von Geisterhand und ohne drüber nachzudenken, antworte ich automatisch auf Englisch – ist doch prima, oder?

Bandiagara

Im Büro erstmal eine frohe Botschaft: Kollegin Marie Guindo hat entbunden! Ein Mädchen, also nichts wie hin zum Gratulieren. Ich habe vorher noch ein Treffen mit einer Frauengruppe, die ihre Schneiderei wieder aufmachen will – sie produzieren u.a. Babytragetücher mit feinen Stickereien – welch ein günstiger Zufall, so habe ich gleich ein Geschenk für die glückliche Mutter!

Dann quetschen sich alle Frauen von GAAS ins Auto und auf geht’s zu Marie. Sie sitzt auf ihrer Matratze, Glückwünsche werden ausgesprochen, ich überreiche das Tuch und eine kleine Taschenlampe mit ein wenig Geld – natürlich wieder falsch, die Geschenke gibt’s erst in einer Woche, bei der Taufe! Andererseits ist das Geld vielleicht hilfreich zur Organisation der Taufe … Marie freut sich jedenfalls sehr über unseren Besuch, sie ist fit und munter und man glaubt nicht, dass sie grad am Tag vorher im Krankenhaus entbunden hat. Wie alle Babys hier ist die Kleine winzig, das Köpfchen grade mal so groß wie eine Pampelmuse (und die sind hier nicht hochgezüchtet) – bloß nicht nach dem Namen fragen, den gibt’s erst nächsten Sonntag! Das liegt daran, dass erst wenn die erste Woche überstanden ist, man sicher sein kann, dass diese/r kleine Erdenbürger/in wohl auch erstmal hier bleibt. Manchmal – auf den Dörfern häufiger – holen die Ahnen das Kleine sehr schnell (wieder) zu sich. Die Kleine wird herumgereicht, das ist hier Sitte, sie schaut sich um, fast meine ich sie lächeln zu sehen. Malado erklärt mir, dass dieses Mädchen im Verhältnis zu den beiden anderen Kindern von Marie ganz schön propper sei …

Gestern gab es dann auch noch das „Nachspiel zur Hochzeit“: Daou ruft mich an und fragt, ob es wohl möglich sei, dass ich ihn und noch einige Verwandte am Sonntag in Goundaka abhole, es handelt sich um den Teil der Familie, der aus Bandiagara nach Mopti gereist ist.

Zur Erinnerung: In Goundaka wartet noch immer die Brücke, der seit Anfang Juli ca. 30 m fehlen, auf ihre Reparatur. Ein erster Anlauf mit Aufschütten von Erde und Geröll wurde gleich beim nächsten Regen weggespült, nun wird gewartet, bis die Regenzeit vorbei ist.

Pfiffige junge Dogon haben Kredite aufgenommen und ihr Geld zusammengelegt und 2 Piroggen (das sind kleine, einem Einbaum ähnliche Boote) gekauft und betreiben nun einen florierenden Fährdienst an der Brücke von Goundaka. „Das sind die ersten Piroggen im Dogonland“, erklärt mir der Chef der Unternehmung stolz – und mit ein wenig Geschick lässt sich daraus eine Bereicherung für die hoffentlich bald wieder anreisenden Touristen machen.

Ich bin um 15.00 Uhr verabredet, lasse mich bei den Frauen am Ufer nieder und beobachte das Treiben am Wasser. Noch ist es zu tief, um zu Fuß zu queren, das Geschäft läuft also gut. Mehrere Allradwagen, vor allem mit weißen Touristen besetzt, queren in ca. 100 m Entfernung, immer begleitet von einer Schar Kinder und Jugendlicher, die vor dem Wagen herlaufen und die Tiefe der Furt anzeigen, natürlich erhoffen (und erhalten) sie meist ein kleines Trinkgeld für ihre Unterstützung.  

Die Boote sind stets hoffnungslos überladen, es ist schon erstaunlich, wie viele Personen und Gepäck sich auf einem so kleinen Gefährt unterbringen lassen.

Die Zeit verrinnt, ich bin etwas ratlos, habe ich was falsch verstanden? Das Handynetz funktioniert hier nur gelegentlich, ein junger Mann zeigt mir die Stelle, an der es manchmal klappt. Tatsächlich erwische ich Daou, es reicht grade für ein „wir sind unterwegs“. Gegen 17.00 Uhr kommen die Verwandten, auch mit jeder Menge Gepäck beladen – alle Geschenke für das Brautpaar müssen nun schließlich nach Bandiagara geschafft werden. Statt 4 Personen sind sie auch 8, ich kann höchstens 4 Personen außer mir mitnehmen. Das stößt auf allgemeines Unverständnis – schließlich ist auf der (führerhaushoch beladenen) Ladefläche doch noch genug Platz für dir anderen 4 … Ich suche Unterstützung bei Großvater Daou, der mich leider nicht versteht, der Piroggier, der mehr Erfahrung mit Weißnasen hat, übersetzt offenbar nachvollziehbar. Ich habe schließlich Koumba mit der an Windpocken erkrankten kleinen Ina auf dem Beifahrersitz und versuche zu erklären, dass sie das Kind mit anschnallen muss – ein hoffnungsloses Unterfangen, die Kleine fiebert und klammert sich ans Armaturenbrett. Hinten sitzen Koumbas Schwester, Großmutter Daou und eine Nichte, die zum Glück Französisch spricht. Als der Piroggier mich jetzt auch noch fragt, wer denn nun die Fähre bezahle, platzt mir der Kragen, ich erwidere er scherze wohl, gebe Gas und fahre los (schließlich ist das eine Privatfahrt von Bandiagara nach Goundaka und zurück, die ich nun auch schon bezahle). Daou ruft mich später an und entschuldigt sich für diesen Affront, er kam erst um Mitternacht an, weil sein Moped kaputt war…

In Bandiagara angekommen, bahnt sich das nächste Missverständnis an. Ich bin in europäischer Eile, habe ich doch um 18.00 Uhr eine andere Verabredung und bin eh schon zu spät dran. Ich steuere also zielstrebig Daous Haus an, sein Vater hatte mir eingeschärft, dass alles zu Familie Daou müsse, Ina ist krank, also bin ich sicher, dass Koumba schnell nach Hause möchte, um sich um das Kind zu kümmern. Es entsteht Unruhe auf der Rückbank. Beim Haus angekommen, erklärt mir die junge Nichte, dass das so nicht gehe, Mutter, Kind und Geschenke müssten beim Haus der Grand Famille abgesetzt werden, das sei so Brauch, der Bräutigam hole sie dann dort ab – „Aber,“ ich bin fassungslos „das Kind ist krank und braucht Ruhe und wie kommen die Sachen dann wieder hierher?“ – „Das macht nichts, in der Familie kümmert man sich schon um das Kind, die Sachen nehmen die beiden Ende der Woche mit, wenn sie in ihr Haus ziehen“. (Koumba ist schon ausgestiegen und strebt auf ihr Haus zu, sie wird zurückbeordert). Also alle wieder einsteigen, ans andere Ende von Bandiagara, wo schon auf Braut und Familie gewartet und blitzschnell den Wagen entladen wird – gegen 19.00 Uhr komme ich endlich bei meiner nächsten Verabredung an, völlig geschafft, dabei ist doch alles gut gegangen, die anderen 4 haben auch noch ein Taxi brousse gefunden, wie ich später erfahre.

Heute heißt es früh aufstehen, auch wenn Sonntag ist: Die kleine Tochter von Marie wird getauft. Das beginnt morgens um 6.00 Uhr mit Trommeln und Fleisch essen, ich werde freundlicherweise erst für 8.00 Uhr eingeladen – danach will ich noch zum Atelier von der MCB.

Ich suche also eines meiner schönsten afrikanischen Kleider aus – inzwischen habe ich - Dank der Beratung durch Fatime – eine ganz ansehnliche Auswahl. Dumm ist jetzt nur, dass ich mein Geschenk schon Anfang der Woche überreicht habe, heute ist nämlich eigentlich der Tag dafür, nun ja, wird sich schon alles finden. Das Haus der Taufe jedenfalls findet sich leicht, ca. 50 Männer sitzen davor und machen erst mal Komplimente zu meinem Outfit, wie ich da so mit dem engen Rock aus dem Auto klettere. Als sie mitkriegen, wo ich hin will, wird gleich ein Junge abgestellt, mir zu zeigen, wo die Frauen sind.

Sie sitzen mit ca. 30 Personen in einem Raum von 20 qm, mittendrin Marie mit der kleinen Aisa, die ich heute etwas blass finde (kein Wunder, es herrscht brütende Hitze und es gibt kaum Sauerstoff im Raum). Meine Kollegin Anna ist auch da und weist mich ein. Erst mal muss ich mich vor den vergeblich wirbelnden Ventilator setzen, dann Milch trinken und Brot essen – es abzulehnen wäre extrem unhöflich, auch wenn ich schon gefrühstückt hatte. Na und dann muss jede Besucherin mit den Beneficationen begrüßt werden, ein Sprechchor, der immer mit „Amina“ („Amen“ oder „so sei es“) endet und bei dem es sich auch für mich gehört, mitzumachen. Gewünscht wird gute Gesundheit für Mutter und Kind, in der Antwort dann für die Besucherin und ihre Familie, Glück und Erfolg und eben alles, was man sich beim Gratulieren so wünscht. Europäisches Defizit: Ich habe keine Vorstellung, wie die gemurmelten Worte denn wohl geschrieben werden, ohne das kann ich sie nicht wirklich sprechen, also schaffe ich grade das wegen der Nähe zum „Amen“ vertrauenserweckende „Amina“, aber Anna versichert mir, dass das reiche, um meinen guten Willen zu erkennen.

Dann wird durch Fadime, eine andere Kollegin und Freundin von Marie, in einem Heft genau aufgelistet, wer welches Geschenk gebracht hat, beim nächsten Anlass der entsprechenden Schenkerin muss auf dem gleichen Niveau geantwortet werden, da ist gute Buchführung wichtig. Meist handelt es sich um Stoffe, Seife oder Kosmetikartikel für Mutter und Kind. Eigentlich könnte Marie nach dieser Taufe eine Boutique aufmachen, wann soll eine so viel Seife verbrauchen? denke ich ketzerisch. Später fällt mir ein, dass ja z.B. die Wäsche der gesamten Familie, meist 12 bis 20 Personen, von Hand, tja und eben mit Seife gewaschen wird, vermutlich ist so ein Vorrat blitzschnell aufgebraucht. Zwischendurch kommen Griots, sie besingen Mutter, Kind und Gäste – und auch mich, nachdem ich einen Obolus gegeben habe. Leider verstehe ich nur, dass mein Name mehrmals auftaucht, aber Anna versichert mir, dass es nur Gutes von mir zu berichten gäbe …

Ich frage, wie lange das Fest dauern wird – naja, schon den ganzen Tag über, wenn ich wolle, könne ich ja abends noch mal wiederkommen, dann gibt es wieder was zu essen. Ich sage, das komme drauf an, wie der Tag so weiter gehe und verabschiede mich, weil ich ja noch zum Atelier und nach Goundaka will.

Selten war mir die draußen inzwischen auf 36 Grad erhitzte Luft so klar und sauerstoffreich erschienen…

Bandiagara

Das Magengrimmen ist hartnäckig, kann auch mit der Malariaprophylaxe zusammenhängen, die ich jetzt in der Regenzeit wieder begonnen habe. Ich verordne mir Diat aus Haferflocken und Kartoffelbrei, was eine gewisse Müdigkeit zur Folge hat, eigentlich muss man hier feste essen, denn die Wärme fordert viel Energie für die Kühlung des Körpers. Es ist auch eigentlich schon wieder viel zu warm und es regnet viel zu wenig.

Nachmittags mache ich mit Judith aus Bamako, sie ist zu Besuch, einen Spaziergang durch die Felder – die Hirse steht erst kniehoch, normalerweise müsste sie um diese Zeit hüfthoch sein – die Ernteaussichten werden mäßig eingeschätzt. Es hat schon wieder die ganze Woche nicht geregnet, gleichwohl werden die Felder unermüdlich beharkt, wo Wasser in der Nähe ist gewässert und die kleinen Erdhügel, die die Pflänzchen vor der sengenden Sonne und vor Ungeziefer schützen, angehäufelt. Alles Handarbeit, Männer, Frauen, Kinder, auch einige Kollegen von GAAS haben neben ihrer Arbeit im Büro noch Arbeit auf Feldern der Familie zu verrichten. Im Dogonland sind die anbaubaren Flächen klein, manchmal grade 2 x 2 m. Selbst Bewohner von Bamako haben meist außerhalb ein Feld, das dann von angeheuerten Kräften oder Pächtern bebaut wird. Es gibt nichts wichtigeres, als für einen eigenen Getreide- und Gemüsevorrat sorgen zu können.

Sévaré

Dies ist nun die Hochzeit, wo die Familien zusammenfinden und im Falle von Daou bedeutet das, dass die Grande Famille aus Bandiagara, aus Bamako, aus Sikasso und die Grande Familie von Koumba in Mopti und aus Gao zusammenkommen. Und da dies auch für die anderen 4 Paare gilt, finden wir heute eines der alten Viertel in Mopti in Aufruhr vor.

Ehe ichs mich versehe, habe ich die 4 Ehemänner in weißen Boubous und mit weißen Mützen (es ist eine Peulh Hochzeit) im Auto, für den Transport zum Rathaus, um die Hochzeitsfotos zu machen. Eine kostbare „Fracht“, mit der ich mich durch die engen Gassen des Viertels quäle. Dann wieder zurück, um im Haus der Eltern der Braut die Aufwartung zu machen. Leider ist es dort drinnen schon so voll, dass wir zur Kammer der Brautmutter gar nicht vordringen können, ich bin froh, dass wir den ersten Stock wieder verlassen, denn ich glaube, dass diese Bancohäuser nicht für solche Menschenmassen konstruiert sind … typisch europäische Bedenken! Zum Luft schnappen finde ich mich im Hof hinter dem Haus wieder – hier ist die Hochzeitsküche, riesige Schüsseln mit Reis, Gemüse und Soße warten darauf, in kleinere Gruppenportionen verteilt zu werden, das aber wird noch dauern.

Vorläufig begeben sich alle wieder zu den Fahrzeugen, um im Rathaus die Zeremonie zu begleiten. Es stellt sich heraus, dass nur das kleine Trauzimmer genutzt wird, also wartet der Großteil der wunderschön feierlich und bunt gekleideten Gäste vor dem Haus. Die Zeit wird durch 3 Griots vertrieben, die die Geschichten, Höhen, Tiefen und vor allem Verdienste derjenigen Familien besingen, die ihnen Geld zu stecken. Auf mich stürzen sie sich auch, ich geben jeder 1.000 CFA, aber sie singen nicht, sie wollen mehr Geld, was ich ablehne (bei anderen beobachte ich, dass schon 100 CFA ausreichen). Stattdessen suche ich einen Verkaufsstand, um für Keitas Familie und die von Koumbas Schwester und mich Wasserbeutel zu kaufen.

Schließlich kommen die Paare mit den Trauzeugen und dem Bürgermeister fürs Gruppenfoto hinters Haus, dann teilt sich die Masse in die jeweiligen Gesellschaften für entsprechende Fotos und schließlich vereint sich alles im Sturm auf den Parkplatz, um wieder ins Viertel zurückzufahren …. Es bildet sich eine lange Autoschlange, ein hupender Konvoi und kurz vor einem Kreisverkehr in der Innenstadt von Mopti kommt ein Mopedfahrer in Gegenrichtung und ruft „Wir fahren nach Sévaré!“. Das hat nun nicht etwa zur Folge, dass die Schlange sich um den Kreisverkehr windet, um die Richtung zu wechseln, sondern alle Fahrzeuge beginnen auf der Stelle zu wenden. Was bleibt mir anderes übrig? Ich ramme leicht ein anderes Konvoifahrzeug, zum Glück ist nichts passiert, nun habe ich aber den Anschluss verloren – Keita ist mit seinem Wagen, in dem Daou und Koumba und Fatime sitzen, hinter mir – ich lasse ihn vor, denn ich habe keine Ahnung, wie das jetzt mit dem Konvoi weiter gehen soll. Aha, unser Teil der Schlange kehrt gleich ins Viertel zurück, auch gut. Dort bleiben die Wagen stehen, wo sie grade sind, ein Durchkommen ist bei den Menschenmassen eh nicht mehr möglich. Nun geht’s zum Haus der Grande Famille von Koumba, die Männer sitzen vor dem Haus, auch hier Griots, die das Leben der Familien preisen. Ich werde mit Koumba und Daou zu den Alten platziert – ein Foto mit Tubab, wer hat das schon von seiner Hochzeit?

Dann geht’s in den Hof der Frauen, ca. 100 Frauen sitzen dort dicht gedrängt, mit Kindern aller Altersstufen und warten auf die Braut. Auch hier umfangreiche Begrüßungen und Glückwünsche – Geschenke gibt es erst am Ende des Gesamtfestes, also nächsten Samstag.

Nun geht es zum Hotel Campement, am Ortseingang von Mopti. Hier ist der Festsaal hergerichtet, eine Musikanlage dröhnt (und scheppert für europäische Ohren), Limonade wird verteilt. Die nun folgenden Tanzabende dienen den Gästen zur Unterhaltung und zum Kennen lernen von ledigen jungen Menschen („les chasseurs“, sagt Keita, „die jungen Männer, die ein Mädel suchen“), denn mindestens 3, maximal 7 Tage bleiben die Brautleute nun zusammen in einem Haus, in dem sie von Nachbarn und Freunden mit Essen versorgt werden.

Danach gibt es dann die Geschenke und dann geht es in die neue Heimstadt. Daou erklärt mir, dass er nun auch sein Haus richtig einrichten muss, er hat ein Bett, einen Schrank, einen Tisch und Stühle in Sévaré bestellt. Das Haus, seine Einrichtung und die Beschaffung von Reis und Getreide sind Angelegenheit des Mannes, die Kleidung, alles andere Essen und die Kinder sind (auch finanziell) Angelegenheit der Frau. Das ist doch ganz normal – oder?

Ich bin erschöpft, seit gestern plagt mich Durchfall, bei einer solchen Veranstaltung ein sehr unangenehmer Begleiter. Ich verabschiede mich, um in Sévaré in Ruhe noch ein Bier zu trinken und dann früh schlafen zu gehen – Morgen geht’s heim über die Piste von Somadougou.

Sévaré

Schon seit einigen Wochen bereitet mein Französischlehrer Daou seine Hochzeit vor. Traditionell, d.h. religiös, haben er und Koumba schon vor über drei Jahren geheiratet, so lange leben sie auch zusammen, ihre Tochter Ina ist 2 Jahre alt. Aber nun soll das Ganze „legal“ werden, was bedeutet, dass im Rathaus geheiratet wird. Und das nicht nur von den beiden, sondern es gibt noch Schwestern und Cousinen der beiden, die auch heiraten und so tat man sich zusammen und hat jetzt 5 Paare, die gleichzeitig heiraten. Nun ist das nicht so, dass man zum Standesamt geht, die Formulare unterschreibt, ein Foto macht und das wars dann – weit gefehlt. Zunächst mal dürfen sich Braut und Bräutigam eigentlich eine Woche vorher nicht mehr sehen. Die Braut sitzt im Haus ihrer Eltern und erhält lediglich Besuch von Schwestern, Cousinen, Freundinnen. Da ich zum Zeitpunkt der Geschenkübergabe (nämlich am Ende der Festwoche) nicht mehr in Sévaré sein werde, besuche ich Koumba im Hause ihres Vaters. Sie freut sich sehr über das kleine Parfümfläschchen und auch über die (Plastik-)Blume, der ich noch ein paar Blüten aus Geldscheinen verpasst habe. Für Ina habe ich ein Kuscheltier dabei, Daou erzählt mir später, sie wollte gleich ein Tuch, um es sich auf den Rücken zu binden ….

Bei standesamtlichen Hochzeiten gibt es drei Möglichkeiten: Monogam, ähnlich wie bei uns, nur mit entsprechend anderer Rechtsgrundlage, wird oft von den Frauen gewünscht und ist auf dem Lande seltener. Polygam, d.h. der Mann könnte weitere Frauen heiraten und in den Haushalt holen, nach islamischem Recht bis zu 4 insgesamt. Bedingung ist, dass er sie und ihre Kinder beherbergen bzw. für ihre Wohnungen aufkommen kann und dass er sie alle mit gleichem Respekt und gleicher Aufmerksamkeit behandelt. Die dritte Form ist “Polygam mit Einverständnis”, d.h. die erste Frau muss gefragt werden und einverstanden sein, wenn weitere Frauen geheiratet und ins Haus geholt werden sollen. In jedem Falle bedeutet die standesamtliche Heirat eine juristische Absicherung für beide Partner was z.B. Zulagen bei (Staats-)Gehältern, Sozialversicherung (so vorhanden) und Regeln im Falle von Scheidung und Rente betrifft.

Ueber 2 Stunden sitze ich nun schon im Internetcafe - es dauert alles sehr viel länger, als wir es kennen. Aber mir liegt auch dran; dass diejenigen, die es interessiert, auf dem Laufenden sind. Jetzt ist erstmal Wochenende, Besuch von Kollegen aus Segou ist angesagt.

Fotos: Nach der Flut.

Tja, mit der Welle kamen nun auch noch neue Probleme: Über die Wegelagerer an der Brücke von Goundaka hatte ich ja schon geschrieben, Papa Napo war mit seinem Landrover dort angekommen, die Jungs zeigten ihm die (angebliche) Furt, dort blieb der Wagen dann stecken und er musste den Jungs 20.000 FCFA (ca. 13 Euro) bezahlen, damit sie ihn wieder rauszogen. Die Gerüchteküche sagt, dass sie vorher an dieser Stelle gegraben haben …. Bei diesem Stichwort fällt mir eine weitere Unart ein, die um sich gegriffen hat: Es ist hier nicht üblich, Wertsachen auf der Bank zu deponieren, sie werden unter dem Haus vergraben. Nun, wenn das Haus zusammengefallen ist, muss man halt graben. Da gab es dann Leute (nicht aus Bandiagara), die ihre Hilfe anboten, wenn sie dann etwas gefunden hatten (eine Kassette mit Schmuck zum Beispiel), dann waren sie urplötzlich spurlos verschwunden – der Gipfel bisher war jedoch ein abendlicher Überfall auf der Piste nach Somadougou, da wo jetzt jede/r lang muss, der nicht den Mut hat, sich auf einer Eselskarre durch den Fluss ziehen zu lassen. Und da hatte mir der Landrat, bei dem Nohoum Ologuemo und ich eine Spende aus Hamburg abgeben wollten und den ich fragte, warum die in Sévaré stationierte Militäreinheit denn noch keine Behelfsbrücke gebaut habe, versichert, dass es ja einen sicheren Weg – nämlich den über Somadougou – gäbe … Die Idee mit dem Militär ist inzwischen über den Landesdirektor bei der Schulungseinheit der Bundeswehr in Segou angekommen, kann sein, dass sie da Praxisseminar mit den malischen Partnern draus machen. Mal sehen, wäre uns allen hier ganz lieb, zumal vorgestern dann noch ein Bus mitsamt Gepäck in die Furt gefallen ist, die Passagiere waren zum Glück ausgestiegen und auch der Fahrer konnte sich retten.

Gleichwohl geht der Alltag ansonsten weiter. Morgens Berufsverkehr mit Eselskarren aufs Feld, beim Sonnenuntergang  kommen alle geschafft zurück. Ich muss meinen Jahresbericht schreiben und das Jahr 2008 planen, also irgendwie ist vordergründig alles wie immer.