September 2007


Bandiagara

Nun bin ich schon wieder seit einer Woche hier, die ganze Woche war geprägt vom Seminar für die Frauen aus den kreisangehörigen Gemeinden. Ich durfte wieder eine Menge über den Stand der Demokratisierung lernen. Z.B. dass eine Frau, die Präsidentin einer Assoziation werden möchte, ihre Geburtsurkunde braucht, damit die Gruppe anerkannt werden kann. Sie hat dieses Dokument meist nicht, sondern es bedarf des Familienbuches, um damit zur Stadtverwaltung zu gehen und das Papier ausstellen zu lassen. In aller Regel hat der Ehemann/Chef de Famille das Familienbuch. Es kommt vor, dass er es der Frau nicht gibt oder aber auch sagt: Nimm es, aber das was ich dann an Steuern mehr bezahlen muss, das musst Du dann aufbringen. Deshalb ist die Verbesserung des Einkommens für Frauen eine wesentliche Basis für die Beteiligung von Frauen am gesellschaftlichen Leben. Viele Frauen und Kinder sind schlicht überhaupt nicht angemeldet, weil das Steueraufkommen sich nach der Anzahl der Familienmitglieder richtet. Sowohl für das aktive wie das passive Wahlrecht bedarf es jedoch des Geburtsdokumentes.

Es müsste also begleitend zur Ermutigung der Frauen mit einer Sensibilisierung der Familienchefs im Hinblick auf die Bedeutung dieser Papiere und die Notwendigkeit von Steueraufkommen für die Gemeinden begonnen werden.

Die Frauen betonen auch immer wieder, wie wichtig als Grundlage Alphabethisierung ist – von den 20 Teilnehmerinnen waren grade mal 4 in der Lage die Teilnahmeliste zu unterschreiben. Ich fange an zu überlegen, wie ich auf dieser Grundlage Vorschläge für eine erweiterte Herangehensweise an Demokratieförderung entwickeln könnte.

 

Bandiagara

Die Fahrt war diesmal problemlos – wir haben das Auto in Sévaré gelassen und sind mit der Pirogge übergesetzt, Stefan hat uns drüben abgeholt. Doch auch wieder spannend und erkenntnisreich. Es fuhren Freunde des ded mit, die Anfang der 70er Jahre für den ded in Kamerun waren und – wie sich dann überraschend herausstellte, in Haan wohnen – Menschen aus dem Kreis Mettmann sind halt überall. Auch in Neuberg, Österreich, wurden Margret und ich von Leuten auf unser ME-Kennzeichen angesprochen, sie kamen aus Ratingen. Fast wie in Kathmandu, Nepal, wo morgens vor dem Hotel ein Wohnmobil mit ME-Kennzeichen stand, sie waren aus Erkrath, man kannte sich …

In Bandiagara sind Leya Ba, Luc, Etienne und Daou als Begrüßungskomitee zur Stelle, das Haus ist in Bestzustand und ich bin froh, wieder zu Hause zu sein.

Bamako

Diesmal schlägt mir an der Flugzeugtür wieder der inzwischen vertraute Wüstengeruch entgegen – ah, es ist dunkel und waaarm. Irgendwie komme ich so selbstverständlich an, dass sich nicht mehr wie zu Beginn ungebetene Berater um mich scharen, um mir bei den Formalitäten zu helfen – ankommen wie zu hause?

Nun ja, zum Glück gerate ich an einen etwas älteren Gepäckträger, der mir hilft, als die Medikamente für die Klinik Gabriel Touré, die ich für die Aktion Afrika dabei habe, beim Durchleuchten am Ausgang das Misstrauen der Zollbeamten wecken. Für eine Deklaration als Eigenbedarf ist die Kiste mit 5 kg Gewicht eindeutig zu groß. Zum Glück sind in der gleichen Tasche die Infoblätter der Aktion, die ich hier an KollegInnen und BesucherInnen weitergeben möchte, so dass die Zollbeamten mir glauben, dass ich keineswegs beabsichtige, die Medikamente zu verkaufen. Der Gepäckträger hat sich auch für mich verwendet, so erhält er ein fürstliches Trinkgeld (das ich lieber ihm als den Uniformierten gebe, darum ging es nämlich eigentlich).

Infos zur Aktion Afrika unter: www.cubahilfe.de/Afrika

Am Ausgang wartet Sacko auf mich, ein Taxifahrer, der die Sachen gleich mit zu Christof nimmt, der sie über Dr. Seydou der Klinik zukommen lässt – es klappt mal wieder alles wie am Schnürchen.

Heute besuche ich dann noch Ben, Jaqueline und Lolo in Koulikourou, sie haben sich gut eingelebt, das Haus hat wirklich die richtige Größe für 3 Personen und Ben ist auch sehr zufrieden mit seiner neuen Arbeit dort. Abends bei Katrin bewundere ich ihr inzwischen eingerichtetes Haus – ihr Freund Michelle hat in seiner Schreinerei wunderschöne Echtholzmöbel hergestellt, so was würde ich sofort exportieren wollen …. und ihre schon wieder trächtige Katze und dann merke ich, es wird Zeit, mich auszuruhen.

 

Paris

Im abgelegenen Gate für die Afrika Flüge begrüßt mich Nico, ein Freiberufler, der Anfang des Jahres bei uns in Bamako eine Fortbildung mit uns gemacht hat. Ich hätte ihn jetzt so einfach nicht wiedererkannt. Dann gibt es noch eine Gruppe junger Leute von der katholischen Studentengemeinde in Würzburg, der Leiter und Nico kennen sich.

Die jungen Leute fragen mich nach Mali aus und als sie hören, dass ich in der Region Mopti arbeite, fragt eine junge Frau, ob ich über Silvester zufällig Besuch aus Düsseldorf gehabt hätte. Ich muss kurz nachdenken, schließlich hatte ich viel Besuch im letzten Winter. „Ja doch“, sage ich, „Uli und Malene … „ – „Siehst Du, und Uli ist mein Onkel“, kommt die prompte Antwort. Gleich werden Telefonnummern ausgetauscht.

Bochum

Das Haus von Martin und Andrea ist diesmal international bewohnt – Pedro und Isabelle aus Chile sind ebenfalls zu Gast – wir haben uns über 5 Jahre nicht gesehen und ich freue mich sehr über diese Überschneidung. Wir führen spannende Diskussionen über die politischen Entwicklungsmöglichkeiten in Afrika und Lateinamerika – die Unterschiede sind unübersehbar. Dann kommt noch Anamaria zu Besuch, sie war kürzlich in Venezuela und berichtet von der dortigen Aufbruchsstimmung – es ist schließlich eines der Länder, die damit beginnen, dem weltweiten Raubtierkapitalismus die Stirn zu bieten. Verena aus Genf schaut vorbei und berichtet von der UNO Kampagne gegen Kinderarbeit, dazu kann ich aus der Arbeit von GAAS Mali Basisinformationen beisteuern … wir feiern den Geburtstag von Isabelle, aber ich bin so geschafft von den vielen Eindrücken und Begegnungen, dass ich früh schlafen gehen will – aber da rufen noch Freundinnen aus München und Berlin an – und naja, morgen fliege ich nun mal definitiv und womöglich zum letzten Mal in dieser Konstellation, zurück.

Bochum

Nach der Ruhe in den Bergen ist es nun doch nicht ganz so einfach, in der Großstadt klarzukommen. Ein Shoppingtag und ich bin völlig fertig. Obwohl ich sehr zielstrebig meine Liste abgearbeitet habe, erschlägt mich das Warenüberangebot mit seinen Eindrücken und Entscheidungsforderungen – dieser künstlichen Reizüberflutung bin ich völlig entwöhnt, der Mühe, die es kostet, einen Menschen zu finden, der mich bei der Suche nach bestimmten Dingen berät – ich hab mich halt sehr dran gewöhnt, dass immer gleich nicht nur eine Person zur Stelle ist, wenn ich nur so aussehe, als würde ich etwas suchen. Außer auf dem Markt in Bandiagara, wo man mich inzwischen kennt und weiß, dass ich meine HändlerInnen habe und im Supermarkt in Bamako (aber auch da kommt nach kurzer Zeit jemand und fragt, ob er helfen könne, wenn eine suchend aussieht), gibt es meist einen Menschenauflauf, wenn ein Tubab was einkaufen will. Zugegeben, das nervt manchmal auch, ist nicht einfach, wenn man mal grade nicht so gut drauf ist. Aber dieses einsame Einkaufen und nicht (zurück-)gegrüßt werden in den Konsummeilen - ich ahne, es wird in dieser Hinsicht nicht leicht werden, zurückzukommen. Einzige Ausnahme: Die ARAL-Tankstelle im Ruhrpark, ich suche einen Scheibenwischer für einen Mercedes 190 D, Baujahr 1989, zugegeben kein leichtes Unterfangen. Aber die Frau an der Kasse verweist mich an den Kollegen in der Werkstatt nebenan. Der kommt offenbar aus Sachsen, macht sich gleich die Mühe im Katalog nachzusehen – es gibt zwei Sorten dafür, die sich durch die Länge unterscheiden. Er teilt meine Auffassung, dass der kürzere im Zweifelsfalle passend sein könnte, bzw. auch passend gemacht werden könne. Ich erzähle ihm von Mali und von der dortigen Kreativität in Sachen Anpassung von Fahrzeugen an die Gegebenheiten und wie sehr man dort von einer derart sauberen Werkstatt überrascht wäre … die Frau in der Tankstelle müht sich mit uns ab, das passende Modell zu finden, sie ist neugierig, was ich da in Afrika so mache und dann kommt raus, dass eines der Taxi Brousse von Bandiagara von einem ihrer Verwandten stammt. Er hat vor einigen Jahren Mercedes Transporter nach Afrika exportiert … die Welt ist halt ein Dorf, wenn man es wagt, über die Dinge zu sprechen.

Neuberg

Wie sagt man in Holland (lernte ich von Margarete in Ougadougou) „Mit der Nase in die Butter gefallen“ – das sind Margret und ich gestern mit unserer Tour auf den Dachstein. Nach 2 eher regnerischen Tagen gab es eine sternenklare Nacht – irgendwie ist der Himmel trotz der Höhe scheinbar weiter weg als in Bandiagara – und um 5.30 Uhr machen wir uns auf den Weg zur Talstation, um zum Frühstück auf dem Dachstein in knapp 3.000 m Höhe anzukommen.

Allein die Seilbahnfahrt ist ein Erlebnis für sich, denn es geht in 6 Minuten ca. 800 Höhenmeter ohne Zwischenstütze nach oben – und da oben, nun da ist es erst mal dunkel. Und dann bietet sich uns ein Sonnenaufgang mit einem Fernblick, wie aus dem Bilderbuch. Der Gletscher glitzert rosa, die Bergspitzen leuchten nah und fern in Purpur – ich friere trotz meiner Dreifachkleidungsschicht, aber das macht nichts, der Anblick der Sonne, die sich im Osten langsam über den Gipfeln erhebt, entschädigt für das leichte Bibbern ….

Nach einem opulenten Frühstück wandern wir über den Gletscher zur nächsten Hütte, meine Lunge hat schon einige Mühe in dieser Höhe, auch leises Herzflimmern meine ich zu bemerken, also dourni, dourni, dege dege, langsam den Berg hinauf. Immer mal wieder den Anblick der in Sonnenlicht getauchten Berge genießen!

Und dann kommen wir bei der Hütte an – wir hofften hier aufs Klo gehen zu können, aber der Wintereinbruch hat die Hütte in einen Eispalast verwandelt – sie ist kaum noch zu sehen unter den Schneemassen.

Ich bin froh, mir (völlig überteuerte) Handschuhe gekauft zu haben und auch meine Wanderstöcke erweisen sich als hilfreich – es ist halt schon sehr anders in knapp 4 Grad auf 3.000 m zu wandern als bei knapp 40 Grad auf 300 m zu klettern.  Aber ich genieße es und dass ich bei guter Gesundheit bleibe, zeigt, dass es nicht schädlich sein kann.

Wir sind beide sehr glücklich, dass wir die Tour gemacht haben, aber gegen 10.00 Uhr stürmen solche Menschenmassen auf den Berg, dass wir zügig eine Bahn nach unten nehmen.

 

Neuberg

Das kann ich ja gut haben – das Hotel in Alleinlage, ringsrum nur Landschaft und Berge. Aber meine Kondition hat doch schon arg gelitten. Eine Wanderung am Montag, die statt 3 letztlich 4,5 Stunden dauerte, brachte mich schon an den Rand meiner Leistungsfähigkeit. Andererseits bin ich hier wieder auf dem Lande und die afrikanische Langsamkeit und Gelassenheit, die ich doch wohl schon ein wenig angenommen habe, fällt hier gar nicht weiter auf.

Neuberg bei Filzmoos – Österreich Da hatte ich noch mit Birgit rumgeflachst, von wegen der Tour nach Bamako (s. auch 02.09.2007) mit der Wasserkatastrophe, dass ich ja nun plante, eine Woche später nach Österreich zu fahren und dass mich da dann womöglich Schnee erwarten könnte – man soll aufpassen, was man sagt, heute haben wir erst mal einen Schneespaziergang gemacht. Entgegen allen üblichen Witterungsfällen Anfang September ist im Laufe der Woche die Schneegrenze auf 900 m gefallen, meine Schwester ist bei Schneetreiben hier angekommen (das Hotel liegt auf 1.200 m). Eine 3 tägige Wandertour, die morgen für eine Gruppe beginnen sollte, muss abgesagt werden, weil es in den Höhen um 2.000 m ein viel zu hohes Lawinenrisiko gibt … Birgit, die ich gleich angerufen habe und die (mit der Pirroge) wieder gut in Bandiagara angekommen ist, wollte es gar nicht glauben. Dann aber eben gestern auch die Fahrt mit Margret, knapp 800 km (Bochum – Filzmoos) in 7 Stunden mit einer Stunde Pause – war da nicht was mit 80 km in 7 Stunden?

Bochum

Der Flug Bamako – Paris ist auf eine Art brutal. Air france setzte eine Maschine ein, deren Polsterung an Nahverkehrsbusse erinnert, da sind mir die alten royal air maroc Maschinen, wo man in den Polstern versinkt und einfach einschläft, irgendwie lieber.

Und dann stehe ich in Paris – inmitten von Beton, Glas und Stahl verloren herum und kann den Weltenwechsel kaum fassen – irgendwo tief im Innern weiß ich, wie es in Bandiagara aussieht, wie sich die Stimmen und die Stille und die Hitze und die Wüste anfühlen – und binnen 6 Stunden ist das alles unwirklich unglaublich weit weg. Zugleich ist es auch wieder faszinierend, so zwischen den Welten zu wandern. 

Die Fremdheit verliert sich natürlich sofort, als ich in Düsseldorf ankomme, wo mein lieber alter Freund Martin mich erwartet und wir uns  gleich auf der Fahrt viel zu erzählen haben.

Und eine Flatrate und ein immer funktionierendes Telefon sind ja auch nicht zu verachten. Ich informiere gleich meine Lieben in Deutschland und in Mali, dass ich gut angekommen bin. Dann wird die Post für die KollegInnen aufgegeben und Martin dirigiert mich zielstrebig durch den Supermarkt, der mich hoffnungslos überfordert (dabei war ich extra noch in Bamako im Fourni, dem französischen Luxusshop, um diesem Effekt vorzubeugen, hat nix genützt).

 

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