September 2007


Bamako

Zu unserer Fachgruppe haben wir unter anderem eine Kandidatin für die Parlamentswahl eingeladen, die zwar nicht gewonnen hat, aber uns an ihren Erfahrungen beim Wahlkampf teilhaben lässt. Sie berichtet, wie schwierig es ist, als unabhängige Kandidatin anzutreten. Möchte sie z.B. in einem Dorf eine Informationsveranstaltung machen, ist zunächst die Zustimmung des Dorfchefs einzuholen. Fühlt sich dieser einer Partei verpflichtet oder hat einfach keine Lust, eine Frau in seinem Dorf sprechen zu lassen – keine Chance. Gerne wurde sie auch gefragt, warum denn eine Frau kandidiere – ob die Unabhängigen keine Männer hätten? Erhält sie die Genehmigung zu den Menschen zu sprechen, ist sie für ihre Ernährung während der Veranstaltung verantwortlich, ganz zu schweigen von den Kosten, die ein Wahlkampf sonst so verursacht, Transport, Unterkunft, eine Equipe, die alles organisiert und dann natürlich die Geschenke für die örtlichen Assoziationen und Gruppierungen – von ihrer Unterstützung hängt es nämlich ab, ob die Mitglieder sich für eine/n Kandidat/in/en erwärmen können und ihn oder sie wählen und das wiederum hängt davon ab, in welcher Höhe die KandidatInnen Geld da lassen … Auch der Dorfchef, der Imam und die übrigen Verantwortlichen im Dorf erwarten „natürlich“ Geschenke. So etwas wie eine Programmatik spielt bei dem ganzen offenbar keine Rolle. Es kommt darauf an, die Probleme vor Ort zu kennen, Geld für die Lösung mitzubringen und nach 2 bis 3 Jahren wirklich was Konkretes (einen Brunnen, eine Schule, bessere Einkommensmöglichkeiten für Frauen und Jugendliche etc.) vorweisen zu können. Jegliches abstraktes Argumentieren ist völlig wirkungslos – ist ja auch nahe liegend, für die Menschen steht ihre Existenzsicherung im Vordergrund. Die Risiken von Missernten, Dürre, Überschwemmungen, Krankheiten, Schicksalsschläge aller Art, wiegen schwerer als jegliche programmatische Auseinandersetzung.

Auch ist es nicht einfach im familiären Kreis den Wunsch nach einer Kandidatur durchzusetzen. Der Ehemann muss „natürlich“ einverstanden sein. Es kann passieren, dass er es ist, weil er die Vorteile sieht, eine Frau in der Politik zu haben, aber es kann dann gut sein, dass seine Freunde, der Imam oder der Dorfchef Einspruch erheben. Es ist schon bewundernswert, mit welcher Energie und Tatkraft die malischen Frauen sich durch diesen Wust von Hindernissen aller Art kämpfen. Der Erfolg ist auch bei dieser Wahl bescheiden, aber es ist ein Anfang!

Ich bin einigermaßen schockiert, denn ich hatte angenommen, dass dieser mein Eindruck von der malischen Politik nur für das abgelegene Dogonland gelten würde. Nun sitzt hier eine gestandene Frau aus Bamako und berichtet genau das, was ich auf dem Lande beobachtet habe. Es wird noch lange dauern und es braucht auch noch ganz eigen-willige Ideen für die Gestaltung eines Staatswesens, das nicht die wichtigen und z.T. ja auch guten traditionellen Unterstützungsstrukturen bewahrt und gleichwohl eine bessere Teilhabe der Bevölkerung an politischen und administrativen Entscheidungen und ein Ende der wirklich unerträglichen Korruption ermöglicht. Je mehr ich davon mitbekomme, desto sicherer bin ich, dass die Menschen dafür hier einen eigenen Weg entwickeln müssen. Was in Europa in über 150 Jahren unter den Bedingungen der Industrialisierung entstanden ist, ist nicht auf ein Agrarland mit völlig anderer historischer Entwicklung und Kultur in mal eben 15 Jahren (seither versteht sich Mali als demokratisches Land) 1:1 übertragbar. Gerne würde ich dazu beitragen, dass die Menschen hier eigene Wege finden und gehen können – und da bin ich halt ein ganz klitzekleines Rädchen und mache mir wenig Illusionen darüber, was mein winziger Beitrag bewirken kann.

Bamako

So hatten wir uns das nicht vorgestellt, Birgit und ich nehmen uns zwei Tage, um zur Fachgruppe nach Bamako zu fahren, ganz „gemütlich“ wollten wir gestern nach Segou fahren, uns dort mit Kollegen treffen, um am Sonntag „lässig“ die verbliebenen 3 Stunden hinter uns zu bringen und dann am Montag ausgeruht und fit im DED Büro erscheinen zu können. Für mich war es gestern auch noch der erste Tag ohne Medikamente nach der Malariaattacke.

Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.

Gegen Mittag brechen wir in Bandiagara auf. Außer dem üblichen Gepäck – meines etwas umfangreicher, weil ich anschließend nach Europa fliege – haben wir noch Umzugsgut der Familie unseres Kollegen Ben dabei, die am letzten Wochenende nach Koulikourou gezogen sind (warum selbst nach der Katastrophe kein Weg für einen Umzugswagen für sie gefunden wurde, wird mir immer ein Rätsel bleiben), jedenfalls waren wir schließlich froh um den vollbeladenen Wagen …

Beim Losfahren ziehen sich Wolken zusammen, es fängt zu stürmen, regnet ein wenig, wir sind noch frohgemut, freuen uns auf die Pizza in Segou und holpern die Piste Richtung Somadougou entlang. An der Kehre, wo wir die gut gepflegte Strecke Richtung Burkina Faso verlassen müssen und uns rechts halten, kommt uns ein Polizeifahrzeug entgegen – es sei nicht leicht zu passieren, viel Wasser unterwegs, aber mit dem Allradantrieb und einem guten Fahrer … klar doch, Birgit ist eine gute und erfahrene Fahrerin.

Vorsorglich legen wir die Vorderradnarben um, der Allradantrieb ist bereit. Inzwischen schüttet es auch ordentlich, die ersten vollgelaufenen Radiers (tiefergelegte Straßenteile, die das Wasser passieren lassen sollen) schaffen wir locker. Dann die erste Blockade: Ein LKW steht mitten in der ca. 30 m langen Furt, bis zur Ladefläche im Wasser. Daneben ein Geländewagen, der halb im Wasser versunken ist. Vor der ganzen Szenerie sammeln sich auf der einen wie der anderen Seite ca. ein Dutzend Fahrzeuge, die die Furt passieren möchten ….

Was ist geschehen? Der LKW steht seit dem Morgen dort. Die Legende sagt, er sei schon durch gewesen, da ist ihm ein Motorschaden passiert, die Bremsen schafften es nicht, ihn zu halten, also rollte er gemächlich in den Radier zurück, um dort zum Stehen zu kommen. Der Geländewagen daneben hat ca. 20 Sack Zement und etliche Kanister geladen, sie werden jetzt durchs hüft hohe Wasser getragen. Dann fassen 20 Leute mit an und mit Schieben, Drücken, Anfeuern und Vollgas wird der Wagen auf die andere Seite befördert. Ein Reifen ist platt, er wird an den Rand geschoben, wo man gleich mit dem Wechsel beginnt.

Die Dorfbewohner haben angefangen, mit Steinen eine zweite Spur zu legen – parallel zur Furt und genau auf die Wagenbreite passend, wir beobachten zwei unserem Wagen ähnliche und dann geben wir Gas. Man darf bei solch einer Querung nicht zu schnell und nicht zu langsam sein, plötzliche Lenkbewegungen sind ebenso zu vermeiden, wie stehen bleiben – Birgit beherrscht diese Kunst! Wir hinterlassen einen Obolus für die fleißigen Furtbauer und weiter geht’s.

Der nächste größere Radier ist zwar frei, seine Tiefe aber nur schwer einzuschätzen. Die beiden vor uns sind schon außer Sichtweite. Zum Glück kommt grade ein Mopedfahrer, er durchschreitet das Wasser – es reicht ihm bis zur Hüfte, also ein kein Risiko für uns, wir geben Gas und lassen ihm 1.000 CFA, worüber er sich riesig freut.

Dann kommt uns ein Tankwagen entgegen, Birgit hält an, um ihn zu informieren, was ihn noch erwarte, er lacht und meint, schlimmer als das was er hinter sich habe, könne es nicht werden – wir sehen uns nachdenklich an, ich meine beobachtet zu haben, dass er bis zur Hälfte seines Tankanhängers dreckverschmiert gewesen sei – wo war er hindurchgefahren?

Djakitee, der Kollege aus der MCB, der auf dem Weg über Bamako nach Ägypten ist, sitzt hinten und versichert uns, es sei jetzt vorbei, wir haben schließlich fast 2/3 der Strecke bis zur Asphaltstraße geschafft. Es hat aufgehört zu regnen, es geht bergab, klar, Bandiagara liegt auf dem Plateau, Somadougou unten und alles Wasser geht den unvermeidlichen Weg der Schwerkraft …

Dann erreichen wir das letzte Dorf vor Somadougou, die gesamte Bevölkerung scheint auf den Beinen zu sein, Kinder umringen unser Auto, wollen unsere Wasserflaschen haben, Frauen machen Zeichen langsam zu fahren, wir kommen um eine Kurve und dann sehen wir es: Eine Wasserfläche von ca. 150 m Länge, darin 3 LKW und etliche andere Fahrzeuge, die die Passage nicht geschafft haben. Vor uns etliche Geländewagen, u.a. ein Landrover.

Djakitee steigt aus und berät sich mit den anderen Fahrern. Er übersetzt für uns, dass es möglich sei, da durch zu kommen und dass der Fahrer des Wagens vor uns bereit sei, uns zu führen …. Wir beobachten erst mal die Passage eines entgegenkommenden Fahrzeuges. Offenbar handelt es sich um 3 Radiers hintereinander, deren Tiefe aber nicht mehr abschätzbar ist, weil sie sich in eine einzige Wasserfläche verwandelt haben. Der Wagen kommt durch und wird mit allgemeinem Jubel begrüßt.

Wir machen uns bereit, nicht ohne der Ermahnung einer Dorfbewohnerin, die Fenster zu schließen, Folge zu leisten. Es kommt vor allem darauf an, nicht die Nerven zu verlieren und die oben beschriebene Technik konsequent anzuwenden. Auch darf der Abstand zu unserem Vordermann nicht zu groß werden, irgendwann, als wir eigentlich mit dem über die Windschutzscheibe schwappenden Wasser beschäftigt sind, setzen wir hörbar auf, bloß keine Angst jetzt, bloß nicht stehen bleiben!

Auf der anderen Seite Jubel für die beiden Fahrzeuge, die Besatzung des Landrovers steigt aus, wir gratulieren uns gegenseitig und danken der schwarzen Nonne, deren Kreuz uns womöglich mit beschützt haben könnte, sie freut sich sehr … obwohl, wir haben den Eindruck, dass einer unserer Reifen platt ist, die Inspektion ergibt, alles ok, wir fallen uns in die Arme.

Aber dann wollen wir weiter fahren und können die Geschwindigkeit nicht auf mehr als 10 km/h steigern, ohne dass der Wagen merkwürdige Geräusche von unten macht und gnadenlos zu zittern und zu bocken anfängt. Also wieder rechts ran – mit der Taschenlampe den Unterboden inspiziert – tja, also den Auspuff kennen wir ja, was zum Teufel ist aber diese andere Stange, die da im hinteren Bereich ziemlich verdreht und angeschlagen aussieht???

Wir beschließen, dass wir dennoch Glück hatten und dass der Wagen ja noch fährt, also langsam durch das Flussbett pflügen, in das sich der Weg hier unten im Tal verwandelt hat.

Ich rufe unseren Kollegen Stefan an, der was von Autos versteht – zum Glück funktioniert das Netz hier schon, wir sind nur noch 10 km vor Somadougou. „Tja“, sagt Stefan, nachdem er meine Beschreibung des festgestellten Schadens gehört hat, „das kann nur die Kardanwelle sein. Bitte fahrt auf keinen Fall schneller, es kann der ganze Motor blockiert werden und ihr verliert die Kontrolle über den Wagen.“ Er weiß auch nicht, warum ein so zentrales Teil an so verletzlicher Stelle offen unter dem Wagen angebracht ist, fest steht, dass wir uns an seine Empfehlung halten. Ich rufe gleich anschließend Keita und Jutta in Sévaré an, ersterer informiert eine Garage, genau wie Stefan, Jutta reserviert uns ein Zimmer in ihrem Hotel.  

Am Ende des Wasserlaufes treffen wir auf Kollegen vom PRBP, sie haben einen größeren und stärkeren Wagen als wir und sind wild entschlossen weiter zu fahren. Ein Automechaniker erwartet die Fahrzeuge, die es geschafft haben. Er betrachtet unseren Unterboden – jaja, die Kardanwelle, so eine hat er leider nicht auf Lager. Also müssen wir nach Sévaré, nicht zuletzt weil sowohl Stefan als auch Keita geraten haben, eine solche Reparatur nicht irgendjemandem zu überlassen.

Es erregt allgemeines Aufsehen, als wir durch Somadougou fahren – ein Tubab Wagen mit der Geschwindigkeit eines Eselskarrens, das ist selten. Die Leute winken und wünschen uns gute Reise. Es gelingt uns, auf freier Strecke den Bus nach Bamako anzuhalten, damit wenigstens Djakitee mit seiner Reise weiter kommt.

Gegen 19.00 Uhr, es ist schon dunkel, kommen wir in Sévaré an. Über sieben Stunden haben wir für die 80 km gebraucht! Nun ja, allein 3 Stunden für die 30 km bis Sévaré. Jutta und Keita schauen mich entsetzt an, „Wie siehst Du denn aus, was ist los???“ – „Naja“, sage ich, „Mittwoch lag ich noch mit Malaria danieder, heute ist der erste Tag ohne Medikamente und jetzt das – obwohl ich nicht selbst gefahren bin, bin ich einfach fix und fertig. Birgit ist gefahren wie eine junge Göttin! Dieu merci, nous sommes la!“

Wir beschließen, was essen zu gehen, Stefan hat eine Garage gefunden, die gerade einen Toyota Hilux unserer Art da hat und bereit ist, dessen Kardanwelle in unseren leihweise einzubauen – während wir essen, wird das grade mal erledigt, für 15 Euro, der Rest auf Vertrauensbasis – das sollte man mal vom ADAC verlangen!

Morgens um 8.00 brechen wir dann nach Bamako auf, das ganze Land scheint unter Wasser zu stehen. Viele Häuser sind zusammengefallen, es hat viel zu viel in viel zu kurzer Zeit geregnet. Die Hirse steht teilweise nur kniehoch, obwohl sie jetzt schon mannshoch sein müsste. Das sieht gar nicht gut aus für die Ernte in diesem Jahr. San, Bla, Segou, überall Wasserläufe, kleine bis mittelgroße Seen, Felder unter Wasser, die Hirse mag es gar nicht, wenn sie nasse Füße hat. Der Bani mindestens 3 mal so breit wie sonst, dennoch - es müsste schon Ende September noch mal regnen, damit die Ernte einigermaßen wird. 

Zwischen Segou und Bamako dann noch mal ein aggressiver Wasserlauf, der aus dem Nichts zu kommen scheint und einen Teil der Asphaltstraße weggerissen hat, zwei LKW liegen darin fest, Kinder weisen uns den Weg an ihnen vorbei.

Gegen Abend endlich – Bamako! Wir besorgen uns was zu essen, ein paar Flaschen Bier und stoßen auf diese Reise an. Allahdemelai!

 

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