Oktober 2007


Bandiagara

Die Erkältung ist fast weg und ich besuche Daou und Koumba, um nach der Kleinen zu schauen. Es packt mich das blanke Entsetzen, die Kleine ist noch immer winzig, spindeldürr und scheint überhaupt keine Kraft und Energie im Körper zu haben. Ich wache nachts zweimal auf, weil mich das Bild verfolgt. Dabei war Daou letzten Freitag abend bei mir erschienen und hat mir von der wunderbar erfolgreichen traditionellen Behandlung erzählt: 4 Tage lang (bei Jungens 3) wurde die kleine Fatoumata jeden morgen um 6 Uhr zum Schlachter gebracht. Dort war schon eine Kuh rituell geschlachtet und ihrer Innereien bis auf den Magen/Darmtrakt entledigt worden. Das Kind wird nun an den Ärmchen gehalten und 4 mal (Jungens 3 mal) in den geöffneten Kuhleib gesteckt – nun ja, das habe man gemacht und jetzt sei die Fontanelle zugewachsen.

Ich wiederhole, was ich verstanden habe und bin so sicher, dass ich alles richtig verstehe. Dann geh ich erst mal Bier aus dem Kühlschrank  holen – bin sprachlos, schließlich ist Daou Intellektueller, hat in Bamako studiert, liebt es über Politik und Philosophie im allgemeinen und den interkulturellen Austausch im Besonderen zu parlieren – ich verstehe die Welt nicht mehr. „Reg Dich nicht auf, selbst die Gattin des Krankenhauschefs war mit ihrem kleinen Sohn da – über 12 Kinder sind allein in dieser Woche so behandelt worden“ – was es in meinen Augen nicht wirklich besser macht. Ich frage noch, ob jeder eine eigene Kuh – ja, und das sei eben teuer – und eben auch jeden Tag eine. Und was dann weiter mit dem Tier passiert? Naja, der Darm wird dann nicht mehr verkauft, aber alles andere – doch, schon. Ich solle mal Anna fragen, an sich wisse er das ja alles auch nicht, weil es Frauensache ist, aber er hat Koumba so lange gefragt, bis sie ihm erzählt hat, was da abläuft. Eine Frau könne mir das bestimmt besser vermitteln …

Ich erwähne nicht, dass mir Freunde, die Mediziner sind, geschrieben haben, dass die Fontanelle – wenn es keine weiteren Komplikationen gibt – nach 3 bis 5 Wochen zuwächst – Fatoumata ist diese Woche 4 Wochen alt geworden …..

Bandiagara

In Kendie haben wir mit den 18 Frauen wieder andere Probleme: 3 Dogondialekte sind vertreten und eine Teilnehmerin spricht nur Peulh und ein wenig Bambara, das kann ja heiter werden! Zum Glück möchte der erste Beigeordnete teilnehmen, er kann beim Übersetzen helfen – und wieder schreibt er eifrig alles ab, was wir an den Wänden platziert haben.

Die Frauen sind sehr wach und unternehmungslustig, sehr motiviert. Am meisten freut mich das Vorhaben der beiden Ratsfrauen, sie wollen jeweils 4 bis 5 weitere Frauen gewinnen, die dann (hoffentlich) nach der nächsten Wahl mit ihnen im Stadtrat sitzen.

Nur ich bin etwas angeschlagen, bei täglich über 30 Grad – nächtens allerdings nur noch ca. 25 - hat mich eine Grippe ereilt. 2 Tage halt ich mich mit fervex (eine Art Wick Medinait) auf Trab, dann sind die Päckchen alle und ich fahre heim, um mich ein wenig zu kurieren.

Freitags geht’s mir wieder besser, ich beschließe selbst nach Kendie zu fahren und die Equipe abzuholen. Welch guter Beschluß! Die Frauen freuen sich mich zu sehen, sie hatten sich Gedanken gemacht, hier krank sein ist immer riskant und so sind sie froh, mich wohlauf zu sehen. Wir verabschieden uns herzlich und schnell ist alles gepackt und wir sind zügig zurück in Bandiagara. 

 

 

 Kendie

Diesmal läuft es fast perfekt! Marie hat alles eingekauft, die Bestellliste in der Boutique liegt bereit, ist bezahlt, wir brauchen alles nur abholen. Video Kit, Generator und Campingutensilien sind schon in Kendie, wo wir auf der Rückfahrt von Metoumo Mory noch Halt gemacht haben und alles besprochen haben, die Piste nach Kendie ist traumhaft gut, in 45 Minuten haben wir die 40 km bewältigt.

Ein wenig Sorge bereitet uns die Tatsache, dass wir erst eine Liste mit den Namen der Teilnehmerinnen aus Kendie haben, die anderen haben sich nicht gemeldet. Aber diese Sorge zerstreut sich als wir ankommen und uns 8 Frauen schon erwarten, darunter die beiden Ratsfrauen aus Borko und Kendie.

Allerdings ist das Campement, in dem wir wohnen sollen, voll belegt (die Piste wird weiter bis Borko gebaut und dort wohnen jetzt die Bauarbeiter), im Gästehaus ist eine andere Gruppe, so „besetzen“ wir mit unseren Frauen das Rathaus. Der Sitzungssaal dient den Teilnehmerinnen zum Schlafen und wir verteilen uns auf die Büros von Bürgermeister und Beigeordneten, wo halt morgens die Schlafsachen weggeräumt werden müssen, damit sie da arbeiten können. Zum Tagungsraum wird der noch leerstehende Speicher der Getreidebank umfunktioniert, na also, geht doch!

 

Bandiagara

Nach der Rückkehr aus Metoumo Mory erhielt ich noch einen Anruf von Daou, die Taufe seiner Tochter sei heute schon, ich also noch mal los. Weil ich nicht wusste, wann ich zurückkomme, hatte ich Anna gebeten Geschenke zu kaufen (Drei Pagnes = Kleiderstoffe und 4 Stück Seife hat sie für die 5.000 FCFA = 7,50 Euro bekommen), aber es ist schon wichtig, auch persönlich noch vorbeizuschauen. Ich schmeiße mich in Schale und fahre zur Grande famille, wo im Hof noch einige Gäste sitzen (Morgens versammeln sich die Männer, ab Mittags ist es die Fete der Frauen).

Die Kleine ist sehr sehr winzig, ich bin echt erschrocken, die Fontanelle ist noch nicht ganz zugewachsen, sie rührt sich kaum, die Augen sind fest geschlossen – au wei, wenn das mal gut geht! Ihre Tante, die Schwester von Daou, hält sie auf dem Arm – ob wir nicht mal eben mit dem Auto zur traditionellen Heilerin fahren könnten? Im Krankenhaus haben sie gesagt „das wird schon“, aber das reicht den Frauen nicht, so fahren wir um durchs Dorf und während die Frauen mit der Heilerin sprechen, erzählt mir Anna, dass sie auch einen Jungen mit diesen Symptomen hatte, 3000 CFA hatte sie der Heilerin bezahlt, aber es hat nichts genutzt, er ist nach wenigen Wochen gestorben.

Wir hoffen alle, dass es mit Fatoumata anders ausgeht.

Bandiagara

Bei der Abschlussrunde in Metoumo Mory betonen die Frauen, wie sehr sie auf weitere Unterstützung hoffen und die Männer geben zu, dass sie eifersüchtig sind und auch solche Seminare haben wollen…

Wir tagen in einem der Klassenräume – die Schulkinder sind vom ersten bis zum letzten Tag unglaublich neugierig. Jeden Morgen versammeln sie sich rund um unseren Frühstücksplatz am Gästehaus und schauen uns beim Kaffee trinken zu. Um kurz vor 8 Uhr kommen dann die Lehrer, klatschen in die Hände und alle rennen zum Fahnenmast, der in einem kleinen Blumenbeet vor der Schule steht, um den Morgenappell zu absolvieren. Alle müssen stille sein, die malische Fahne wird gehisst (was bei dem morgendlichen Wind nicht immer einfach ist), dann wird die Nationalhymne gesungen und dann geht’s in die Klassenräume.

Wo nach meinem Eindruck ein permanenter unglaublicher Lärm herrscht – aber Ogomo meint, das liege daran, dass bei uns nebenan die jüngeren Klassen seien, die spielten noch mehr als sie lernten. An der Wand steht die Schülerzahl für diesen Klassenraum: 153, davon 83 Mädchen (die Schule hat ein Projekt, um die Einschulungsrate von Mädchen zu steigern: jedes Mädchen bekommt Ende der Woche, in der sie in der Schule war, eine Flasche Speiseöl mit nach Hause).

Marie hat am Ort einige junge Frauen gefunden, die ihr beim Kochen helfen, sie zaubert wirklich sehr leckere Sachen, alles immer pünktlich zu den Pausen zur Stelle und der Bürgermeister fragt, ob sie nicht in Metoumo bleiben möchte, sie bräuchten eine gute Köchin für ihr Gästehaus … das ist auch so eine Sache: Es dürfen eigentlich nur die Teilnehmer und die Seminarequipe mit uns essen. Nun bringt aber morgens meist der Bürgermeister Brot und Soße für die Seminarleitung sowie für andere Equipes, die grade im Dorf Station machen, mit. Gelegentlich hat er auch gegrilltes Fleisch als Zwischenmahlzeit. Er lädt uns selbstverständlich ein, mit ihm zu essen, so was abzulehnen ist der Gipfel der Unhöflichkeit – sollen wir ihm nun nichts von unserem Kaffee und unserem Essen abgeben?

Auch ist es selbstverständlich, dass Essensreste nicht weggeworfen, sondern an die Talibane Kinder gegeben werden. Das sind Jungen, meist einer aus jeder Familie, die von ihren Eltern in eine Koranschule geschickt werden und die mit einem „Marabou“, einem Koranlehrer, durch die Lande ziehen und ihren Lebensunterhalt durch Betteln bestreiten müssen. Für die Familie ist es wichtig, dass ein Mitglied sich dem Koran widmet, für die Dorfbewohner ist es wichtig, dass diese Bettelkinder Gelegenheit bieten, ein gutes Werk für den Tag zu tun …. Leider lernen sie meist nichts weiter als Betteln und den Koran auf arabisch auswendig.

 

Metoumo Mory

Heute ist hier Markttag, das ist alle 5 Tage, mit ein Grund, warum wir immer alles dabei haben. Wenn Markttag zu Beginn unseres Aufenthaltes ist, könnten wir vor Ort einkaufen, da aber meist nicht bekannt ist, wann der letzte Tag war und eben in diesem 5-Tage Rhythmus gezählt wird, ist es besser, sich selbst zu versorgen.

Der Markt hier ist sehr gut organisiert, sie haben aber auch viel mehr Platz als in Bandiagara – er liegt auf einem Plateau und besteht aus wohl konstruierten einfachen Marktständen aus Stein und Wellblech.

Mir fehlt  „Aufenthaltsqualität“ – ich würde einfach gerne Moussa, Ogomo, Secko und den 1. Beigeordneten, der uns begleitet, auf eine Cola einladen – allein es gibt kein „Marktcafe“, wo man sitzen und dem bunten Treiben zuschauen könnte – wir finden eine Boutique, die Limo verkauft, ich kaufe eine Palette American Cola, die wir dann im Rathaus in den Kühlschrank stellen … (Die echte Coca-Cola Flasche, die ich bei einem anderen Laden entdecke – ich hab da nämlich grade verschärft Lust auf eine „echte“ Cola – entpuppt sich als mit Honig gefüllt, nichts ist so wie es scheint…).

Dann gehen wir noch zum alten Site von Metoumo Mory, die Vorfahren dieses Dorfes haben in den oberhalb liegenden Höhlen gelebt, das Haus des Königs, das man aus Respekt auch heute noch nur Rückwärts betreten darf, wie auch einige andere Häuser und Speicher sind gut erhalten, es gibt Getreidemahlsteine und die Höhle hat eine hochinteressante Lichtverteilung so dass man sich fast durchgängig ohne Taschenlampe orientieren kann. Der Ort ist zugleich heilig, Frauen dürfen ihn während ihrer Menstruation nicht betreten – ihre Menstruationshöhle befindet sich in einem Felsen gegenüber. Einige Ethnien in Metoumo nutzen sie noch.

Überhaupt ist hier Kleidung und Verhalten der Menschen sehr unterschiedlich von dem in Wadouba oder einem der Dörfer an der Falaise selbst wie z.B. Ende oder Ireli. Die meisten Frauen tragen Schleier – nicht Burkamäßig sondern eher so locker durchsichtig. Der Beginn der Grußformel lautet nicht „Seou“ sondern „Haja“ und mündet in einen freundlichen Gesang in aller Regel im Chor mit dem die besten Wünsche für den Tag und der Schutz Gottes ausgesprochen werden. Immer bleiben die Menschen stehen, wenn sie sich begegnen, nach der Grußformel werden offenbar Neuigkeiten ausgetauscht und dann kommen die Abschiedssegenswünsche.

Auch die Architektur ist anders, sie erinnert mich an Tunesien. Ich frage Moussa, er erklärt, dass aus dieser Gegend viele Menschen in Mekka waren und entsprechende Anregungen mitgebracht haben …

 

Metoumo Mory

Für dieses Seminar sind wir nun schon besser gerüstet: Früh morgens haben wir mit dem Einkaufen angefangen, gegen Mittag sind wir losgefahren. Über 80 km sind zurückzulegen, die Piste ist nicht ganz so schlecht wie nach Wadouba Kani, aber wir brauchen trotzdem an die 5 Stunden.

In Metoumo Mory erwartet uns der Bürgermeister mit seiner Equipe, einige Teilnehmerinnen sind auch schon da. Es gibt Strom – zumindest rund ums Rathaus, denn es gibt eine Partnerschaft mit einer französischen Stadt, die bei der Installation von 20 Solarpanels auf Rathaus, Gästehaus und Schule und beim Bau von 2 großen Brunnen geholfen hat. Wir können im Gästehaus wohnen, mir ist es zu heiß und stickig, also baue ich meinen Moskitodom daneben auf. Morgens werde ich daher von den singenden Begrüßungen der Frauen und Mädchen auf dem Weg zum Brunnen geweckt. Sie bleiben kurz stehen und grüßen mich auch, vom zweiten Morgen an bin ich schon keine „Attraktion“ mehr. Trotzdem finde ich das Leben in ständiger Gesellschaft zunehmend anstrengend. Als mir eines abends dann auch ein wenig schlecht ist und ich das Ogomo sage und mich in meinen Dome zurückziehe, werden gleich 2 Frauen abgeordnet, die in meiner Nähe campieren, damit ich nicht allein mit meiner Krankheit bin – mein Bedürfnis allein zu sein und meine Ruhe zu haben, unvorstellbar und damit nicht vermittelbar.

Hier gibt es keine Ratsfrau, was uns erstaunt, denn die Teilnehmerinnen scheinen viel wacher und fitter als in Wadouba Kani. Drei Parteien sind vertreten, vier Frauen können lesen und schreiben und eine der ersten Fragen ist die nach einer Dokumentation. Ein männliches Ratsmitglied möchte teilnehmen, was wir gerne zulassen, kann er doch als Ressource Person fungieren, was er auch tut, wobei er gleichzeitig unsere Wandzeitungen abschreibt.

Die Frauen hier haben Enttäuschungen hinter sich. Einige hatten sich bereits bei der letzten Kommunalwahl als Kandidatinnen aufstellen lassen, aber als dann die Listen aus Bamako zurückgekommen seien, seien ihre Namen verschwunden gewesen – was offenbar nicht zuletzt daran lag, dass sie auf den letzten Plätzen einfach „angehängt“ worden waren. Wir erklären die Prozedur quotierter Listen, warum es wichtig ist vorne auf der Liste zu stehen – ein Leuchten geht über die Gesichter – so geht das also! Ich dämpfe ein wenig, es ist nicht so einfach, wie in unserem Video der Anschein erweckt wird. Es braucht sicher mehr als eine Versammlung, um die Männer und Parteien davon zu überzeugen, dass es Vorteile bietet, Frauen auf die vorderen Listenplätze zu nehmen, deshalb müsse Frau jetzt schon mal anfangen …. Doch, das sei gut verstanden, betonen die Frauen.

Bandiagara

Und Neuigkeiten gibt es dann auch noch aus Bamako und aus dem Norden, eine gute Freundin ist zu Besuch und erzählt von ihrer neuerlichen Wüstentour nördlich von Kidal. Sie ist erschüttert über die Aversionen, die gegen die Menschen dort herrschen – wo sie doch dort auch einfach in erster Linie friedlich leben wollen. Wunderbare Wüstenbilder hat sie dabei, sie hat bei freundlich sie umsorgenden Nomadenfamilien gelebt und die Stille und leise Art der Menschen dort genossen. Die Mentalität ist sehr anders als hier im Süden und natürlich liegt es auch an den (inzwischen zuweilen bestätigten) Ölfunden in der Region, dass es Spannungen gibt. Wir hoffen beide, dass die malische Regierung klug genug ist, sich in dieser Angelegenheit nicht das Heft aus der Hand nehmen zu lassen.

Dann kommt nachmittags noch eine Kollegin aus Bamako mit Besucherinnen, ich hole sie in Goundaka ab, im Fluss ist inzwischen so wenig Wasser, dass sie zu Fuß durchwaten (mutig mutig, davon wird wg. Bilharziose immer abgeraten). Sie waren in Timbouctou und sind bester Dinge. Wir gönnen uns einen gemeinsamen Sonntagnachmittag am Pool vom Hotel Cheval blanc und ein köstliches Abendessen bei Papa Niango – dem besten Brochettenbräter von Bandiagara.

Bandiagara

Das Seminar ist gut verlaufen, auch wenn einige der Erkenntnisse schmerzhaft sind: Die Frauen, die schon gewählt sind (in dieser Runde 2 an der Zahl) berichteten von den Problemen, die mit ihrem Mandat verbunden sind: Neid und Missgunst anderer Frauen, Misstrauen bei den Männern, Informationsdefizite, weil die „örtliche Elite“ gern unter sich bleibt und Einsamkeit, denn sie sind jeweils die einzigen Frauen im Stadtrat ihrer Gemeinde. Für die anderen ist die größte Hürde der Analphabetismus, nur 2 Teilnehmerinnen können die Teilnahmeliste unterschreiben, von den anderen werden Fingerabdrücke genommen … Mit fällt auf, dass mit diesem Defizit offenbar noch ein anderes einhergeht: Schrift bedeutet auch Abstraktion, diese fällt einigen der Teilnehmerinnen sehr schwer.

Wir arbeiten mit Bildern, die frei interpretiert werden sollen, viele der von US AID erarbeiteten Darstellungen zu Good governace werden schlicht nicht verstanden, denn die Dinge, um die es geht, sind viel zu abstrakt und viel zu weit vom dörflichen Leben und Alltag entfernt. So wird z.B. die Wahlurne regelmäßig als Kasse der Assoziation gesehen, eine Darstellung von einem Arzt mit einer Patientin löst große Verwirrung aus – was macht dieser Mann, der die Frau am Arm hält da? Moussa hat eine Engelsgeduld und eine unwiderstehliche Art, auch diese komplexen Dinge „an die Frau“ zu bringen.

Er bittet um Beispiele für das Engagement von Frauen vor Ort. Da kommt dann z.B. die Geschichte mit dem Hochzeitspreis in Sangha: Die Männer hatten beschlossen, dass eine Hochzeit nicht mehr als 100.000 FCFA kosten dürfe. Das brachte die Frauen auf, die argumentierten, sie seien dann ja weniger wert, als manches Stück Vieh, das angeschafft würde – unter diesen Bedingungen würden sie ihre Töchter nicht mehr in Sangha verheiraten, da sollten die Männer dann mal woanders suchen … nach mehreren Besprechungen, in denen die Argumente ausgetauscht wurden – und weil die Frauen sich einig waren, wie die Erzählerin betont – nehmen die Männer den Beschluss zurück.  

Wie schon in den beiden letzten Seminaren löst die Darstellung der Beteiligung von Frauen in Mali große Bestürzung aus, dass von den ca. 300 Stadträten im Kreis Bandiagara grade mal 15 Frauen sind – nein, das kann und darf so nicht bleiben.

Schwierig ist dann noch der Abschied. Nicht nur, dass alle hoffen, dass das Programm weiter geht, was ich nicht versprechen kann - Bürgermeister, 1. Beigeordneter, der stellvertretende Landrat und der Comandante sind zur Abschlussrunde gekommen und machen deutlich, dass sie für die Männer ähnliche Angebote wünschen …

Als wir wieder in Bandiagara sind, kommt mir unser Kreisstädtchen wie eine kleine Metropole vor – es ist Markttag, viel Betrieb in den Gässchen, nach der Ruhe von Wadouba Kani, wo ich letztlich in Hof und Gebäude des alten Krankenhauses mit einer modernen, sauberen Latrine und einem Freiluftwaschraum logierte und mir Marie jeden morgen und Abend einen Eimer warmes (sic!) Wasser  zum Waschen bringen ließ und wo ich im Schein meiner Solarlampe eine Spiegel-Ausgabe mit seltener Gründlichkeit durcharbeitete, wo im Laufe der Woche immerhin 3 Fahrzeuge vorbeikamen, kommt es mir hier jetzt sehr belebt vor. Ich freu mich aber auch auf ein Freitagsabendbier mit den KollegInnen und auf die Neuigkeiten der Woche.

 

Wadouba Kani

Während wir am ersten Morgen auf Bürgermeister und Landrat für die Seminareröffnung warten, trinke ich Tee mit Secko und beobachte, wie unser Essen vorbereitet wird. Ogomo hatte mir morgens eine Ziege vorgestellt, die an unseren Landrover gebunden war – ob wir die kaufen sollten? Naja, sag ich, wenn Du sie nicht zu mager findest –

Diese Ziege hängt jetzt kopfüber in Sichtweite und blutet aus, andächtig zieht der Metzger das Fell ab, dann schneidet er das Tier auf und entnimmt die Innereien, eine besondere Köstlichkeit. Der Darm wird säuberlich aufgerollt und gewaschen, die Ziege hängt noch eine Weile – ich muss jetzt zur Seminareröffnung. ..

In der Pause nimmt mich Ogomo zur Seite. Er weist auf einen Eimer, um den der Metzger und sein Gehilfe herumstehen: Ob sie die Leber für mich zubereiten sollen? Ich schaue fassungslos auf die zerlegte Ziege, da fischt der Metzger die Leber aus dem Eimer – wer die denn nun essen solle? Ich fasse mich wieder und schlage Ogomo und Moussa vor, die ja nun doch viel Arbeit mit diesem Seminar haben …

Am Abend liegen dann der Kopf und die Füße der Ziege vor dem Seminarraum, ja, das ist morgen fürs Frühstück, erklärt mir Moussa.  

Dazu muss man wissen, dass Innereien, Kopf und überhaupt alles was in so einem Tier drin ist – vorzugsweise zum Frühstück – zubereitet und gegessen wird. Erstere gelten nicht nur als besonders lecker (was eine gut mit Knoblauch und Zwiebeln gebratene Leber hier auch nach meinem Geschmack ist), sondern liefern besonders viel Energie – deshalb am besten gleich morgens nach dem Schlachten zubereiten und essen. 

Next Page »