Wadouba Kani

Vielleicht war ich doch noch nicht richtig wieder akklimatisiert hier.

Die Seminarreihe setzt sich nun auf Ebene der Kommunen fort. 21 Gemeinden hat der Kreis Bandiagara. Wir haben sie auf 5 Seminargruppen eingeteilt, zu denen jeweils 5 Führungsfrauen aus den umliegenden Gemeinden eingeladen werden. Führungsfrauen sind hier Chefinnen von Frauenassoziationen, Hebammen, Heilerinnen und zuweilen auch die Gattinnen von Bürgermeister und/oder Chef de village.

Nun ja, gestern machen wir uns dann auf zum Seminar in Wadouba Kani. Mit dabei sind Ogomo Kassogue, mein Kollege von GAAS Mali, Moussa Tembine, Referent für Zivilkunde, Secko, der sich um die Technik kümmert (wir haben eine Videoanlage, einen Fernseher, einen Elektrogenerator und Treibstoff dafür dabei), sowie Marie, die Köchin.

Morgens sagt mir Ogomo, dass Marie mitkommt und vor meinem inneren Auge entsteht so was wie Catering, also meine ich es würde ja reichen, wenn wir gegen 16 Uhr losfahren, weil ja alle gesagt hatten es dauert ca. 1,5 Stunden, die 40 km zurückzulegen …

Was ich da noch nicht wusste war, dass vor der Abfahrt erst mal eingekauft werden muss – Marie verschwindet auf den Markt um Zutaten zu holen, Secko schnappt sich den Benzinkanister und ich betrete mit Ogomo eine Boutique, um eine ausführliche Einkaufsliste abzuarbeiten: Säcke mit 100 kg Reis, 100 kg Hirse, Salz, Zucker, Tee, Nescafe, Trockenmilch, als Luxus noch ein paar Beutelchen Brause …

Endlich ist alles verladen, es kann losgehen. Inzwischen ist es 17.00 Uhr – naja, 1,5 Stunden, wir schaffen das vor Einbruck der Dunkelheit … Allerdings hat hier inzwischen der „Herbst“ begonnen und der Sonnenuntergang setzt sehr viel früher ein.

Und dann sind alle meine BegleiterInnen Mopedfahrer, d.h. sie kennen die PKW Piste nicht. So finden wir uns in der Dämmerung auf einem schmalen Hohlweg, gesäumt von mannshohen Hirsehalmen wieder, ich bugsiere den Wagen zwischen Felsblöcken, Schlaglöchern und offenbar vormaligen Flussläufen hindurch, so ganz sicher ist man sich auch schon nicht mehr, ob das alles so die richtige Strecke ist … Wir queren Wasserläufe, erklimmen halbmeterhohe Felsformationen, schlängeln uns an Felswänden entlang – inzwischen ist es zappenduster.

Der Mond kommt erst langsam hervor – es ist noch nicht spät, aber eben Herbst. Da weitet sich die Fahrspur – es scheint endlich die richtige Piste zu sein, ich entspanne mich und habe irgendwie das Gefühl, dass da das linke Hinterrad so keinen rechten Bodenkontakt mehr hat. Vorsichtig gebe ich noch ein bisschen Gas – und wir stehen linksseitig achsentief im Sand. Mit Mühe kriege ich die Fahrertür auf – Zange raus, Allradantrieb eingestellt, das wird ja jetzt wohl gehen – Gas und – alle vier Räder graben sich eifrig in den feuchten Sand.

Es hatte letzte Woche noch mal heftig geregnet, das sind die Reste davon, Schwemmsand auf der Strecke. Wir sind dafür überhaupt nicht ausgerüstet, graben mit Händen und Stöcken rund um die Reifen, ich versuche aus dem Loch zu steuern, die anderen versuchen den vollbeladenen Wagen anzuschieben, er gräbt sich nur noch weiter ein. Inzwischen ist der Mond aufgegangen, Hunderte von Insekten stürzen sich nun sichtbar auf uns.

Ich schlage vor, hier zu übernachten, ich weiß, dass am nächsten Tag ein Kollege hier vorbeikommen müsste – wenn denn sicher ist, dass wir auf der richtigen Strecke …. Ogomo fragt, ob ich Angst habe – wovor denn, hier ist doch nichts und niemand. Ok, dann will er mit Secko Hilfe holen gehen. Marie hat Angst, sie lässt sich im Auto einschließen. Ich baue im Mondschein meinen Moskitodom auf und lege mich schlafen – ein Glück, dass ich immer wirklich schnell und gut schlafe, wenns eigentlich zu viel wird …

Nach drei Stunden werde ich von Motorenlärm geweckt. Ogomo ist mit 4 Mopeds und 7 Männern aus dem Dorf zurückgekommen. Sie haben alles dabei, was man nachts im Busch braucht: Schaufeln, Hacken, Gewehre … Geradezu routiniert fangen sie an zu graben, erst die Räder frei, dann die Achsen, dann werden die umliegenden Büsche niedergemacht, um eine griffige Grundlage für die Reifen zu schaffen und mir eine Art Gebüschpiste für die noch ausstehende Bachquerung, die sich an die „Befreiung“ unmittelbar anschließt, zu basteln. Die Vorderräder bekommen eine langgezogene „Rampe“ gegraben, die auch mit Ästen ausgelegt wird.

Nach ca. 2 Stunden ist alles fertig, der erste Versuch kann starten. Die 10 anderen schieben, heben, tragen und helfen dem Wagen und mir mit behutsamem Gasgeben aus dem Loch zu kommen. Der erste Anlauf scheitert leider, die Räder standen falsch. Ich konzentriere mich, atme aus, denke „ich kann die anderen jetzt nicht enttäuschen, das muss jetzt klappen“ – auf Los geht’s los und tatsächlich, die Räder packen wieder „aller, aller, aller“ rufen die anderen, so dass ich gleich das Flüsschen auch noch quere und auf der anderen Seite endlich wieder festen Lateritboden unter den Rädern habe.

Wir gratulieren uns gegenseitig, ich bedanke mich herzlichst, gebe eine Runde Zigaretten und Wasser zum Waschen aus und dann steigen alle wieder ein, wir haben jetzt eine Eskorte, zwei Mopeds vorn, zwei hinten, so legen wir die restlichen 5 km zurück, die wirklich vergleichsweise einfach sind.

Im Dorf warten die 15 Frauen – unsere Seminarteilnehmerinnen - besorgt auf uns, sie sind wach geblieben, haben uns was zu Essen aufgehoben. Der Bürgermeister hat dafür gesorgt, dass für sie und uns gekocht wurde, als ihm dämmerte, dass die Teilnehmerinnen zwar da sind, die Equipe aber noch fehlt …

Ich schlag meinen Moskitodom auf der Terrasse des Rathauses auf. Dort wache ich heute morgen bei Sonnenaufgang auf – umringt von freundlich neugierigen zerlumpten Dorfkindern, die es hochspannend finden, einem Thubab beim Aufstehen zuzuschauen.