November 2007


Sarema

Am frühen Morgen geht’s los, Aktionstag in Sarema, einer kleinen Ortschaft kurz vor Sévaré. Heute soll der Aktionsmonat November gegen VIH/SIDA (= AIDS) eröffnet werden. In Sarema haben die örtlichen Animateure und Animatricen eine freiwillige Testaktion vorbereitet.

Das beginnt mit Musik und Tanz, mündet in Reden der Verantwortlichen (Bürgermeister, Chef de village, Prefäkt, Kommandant) und endet mit Spielen zum Thema und dem Verteilen von Erfrischungsgetränken und T-Shirts. Weil das zweite Auto Verspätung hat, bittet mich Kara um Unterstützung. So bin ich zwischendurch immer wieder unterwegs: Erst muss das Fernsehteam von ORTM in Mopti abgeholt werden, dann ebendort das Ärzteteam für die Schnelltests, dann fehlt noch was für die Ausrüstung der beiden … schließlich ist gegen 11.00 Uhr alles beisammen und es kann losgehen: Die Honoratioren werden schon ungeduldig, aber als der Vorsitzende des örtlichen Anti-Aids Komitees ein Schaf als Dankeschön für die Aktion überreicht, hebt sich die Laune merklich.

In einem nahegelegenen kleinen Gebäude wird inzwischen das Testlabor eingerichtet, ich bezweifele innerlich, dass Leute aus einem kleinen Ort wie diesem in diesem Ort zum (halböffentlichen) Test gehen würden. Aber weit gefehlt, kaum haben die beiden Ärzte angefangen, bildet sich eine lange Schlange und gegen Abend haben sich über 50 Leute testen lassen – glücklicherweise alle mit negativem Ergebnis.

Wer in den Testraum geht, muss sich auch nicht unbedingt „pieksen“ lassen, vorgeschaltet ist eine intensive Beratung, bei der es auch darum geht, festzustellen, ob ein Test nötig ist und bei der auch Bewusstseinsbildung z.B. im Hinblick auf die Benutzung von Kondomen möglich ist.

Die Musiker sind inzwischen gegangen, aber einige Jugendliche haben auf einer Schubkarre eine Autobatterie mit Cassettenrecorder montiert – die Fete geht weiter….

Bandiagara

Die ganze Woche war voll mit Planung und Gesprächen über die Zukunft – nicht nur auf der Arbeit, sondern auch sonst. Ich bin hin und hergerissen, weil es jetzt definitiv ist, dass ich Ende April nach Deutschland zurückgehe. Einerseits freue ich mich, meine Familie, FreundInnen, KollegInnen und überhaupt alle wieder öfter um mich zu haben. Andererseits weiß ich jetzt schon, wen und was ich von hier vor allem vermissen werde. Ich kann halt – wie alle Menschen – nicht alles gleichzeitig haben.

Nun laufen auch die Vorbereitungen für den nächsten Urlaub auf Hochtouren – mit Martin, einem DED Kollegen aus Bonn, habe ich einen Reisegefährten gefunden, der nun ein Auto in Deutschland sucht, das wir dann gemeinsam hierher bringen wollen.

Bandiagara

Nach diesen „Großstadttouren“ bin ich immer irgendwie erholungsbedürftig. Zum Glück habe ich im Gästehaus neue Bücher ausleihen können und so begleitet mich „Traumatische Tropen“ und „Die Raupenplage“ (wirklich lesenswerte humoristisch angehauchte ethnologische Selbstreflexionen über Erfahrungen in Kamerun) durch ein wirklich beschauliches ruhiges Wochenende, wo ich aus dem mitgebrachten Gemüse eine chop-suey Pfanne zaubere, mich an frischem Kartoffelpüree labe und nur mal zum Entspannen um den Block schlendere – muss auch mal sein, so was.

Bandiagara

Kaum zurück, findet sich Daou auf meiner Terrasse ein: Fatoumata geht es immer besser, sie waren mit ihr bei der neuen kubanischen Ärztin. Sie haben zwar noch Verständigungsprobleme, aber sie hat nach Problemen während der Schwangerschaft gefragt und meinte, mit den vielen Reisen (Koumba war 2 mal in Bamako und 1 mal in Segou) und der Hochzeit (immerhin im 7. Schwangerschaftsmonat) sei das wohl auch ein bisschen viel gewesen. Ich steuere noch bei, dass er beim nächsten Mal nach den Windpocken fragen soll, die ja Fatoumatas Schwester Ina während der Hochzeit hatte, meines Wissens ist eine solche Erkrankung in der Nähe einer Schwangeren auch ein Risiko. Er will das sofort klären, denn daran hatten weder er noch Koumba gedacht – stimmt eigentlich! Ich gebe ihm Calcium Tabletten für Koumba mit, denn es ist wichtig, dass die Mutter jetzt gut gesund bleibt, damit das Kind gut genährt wird. Wir hatten im Kolleginnenkreis noch beratschlagt und kamen aber zu dem Ergebnis dass mit Flasche zufüttern noch riskanter ist, als auf Muttermilch vertrauen – es ist völlig ausgeschlossen, dass Fläschchen und Schnuller unter den hiesigen Bedingungen steril gehalten werden können …..

Bamako
Im Gespräch mit einer Kollegin und einer Frauenfunktionärin wird noch mal deutlich, wie groß die Kluft hier in Mali zwischen Stadt und Land – gebildeten und ungebildeten Frauen ist. Und wie froh diejenigen sind, die dem Dorf entkommen sind. Nur wenig Verständnis ernte ich für meine Vorschläge, die Frauen erst mal zu alphabetisieren „die Frauen haben ihre Kompetenzen als Bäuerin, alles andere ist sicher zu viel für sie“ – wie soll das gehen mit der Dezentralisierung, wenn in der Hauptstadt so gedacht wird?

Ogomo Kassogue hingegen kommt mit reicher Ernte aus dem Fraueninformationszentrum und dem Centre Djoliba zurück – dort ist man sehr an unserer „ländlichen“ Arbeit mit den Frauen interessiert und ich hoffe, dass der ded gestattet, unserer Berichte dort ins Archiv zu stellen.

Abends gönnen wir uns mit Kolleginnen aus Bamako ein traumhaftes (aber unglaublich teures) asiatisches Abendessen, wir flachsen wieder rum, wie wir Landeier dann dort die Segnungen der „Zivilisation“ genießen – nicht zuletzt auch eine umfangreiche Shopping Runde – schließlich nahen Weihnachten und Silvester – diesmal muss sogar eine Lichterkette mit, damit bei der Fete nicht wieder die Hälfte der Gäste im Finstern sitzt ….

Bamako

Ach herrjeh, wie ich mal wieder alles missverstanden hatte: Da wollten wir Ben und Jaqueline in Koulikourou besuchen und Jaqueline sagt am Telefon, wir könnten ja mit dem Boot von Segou aus übersetzen. Vor meinem inneren Auge entsteht eine zauberhafte Pinassentour – Samstags hin, Sonntags zurück – allein es handelt sich um eine Autofähre ca. 2 Stunden hinter Segou, von der man nicht weiß, ob sie Samstags nach 17.00 Uhr noch übersetzt. Also übernachten wir in Segou, fahren Sonntag weiter nach Bamako, setzen Ogomo bei seiner Familie ab und fahren auf der anderen Flussseite wieder zurück nach Koulikourou. Große Wiedersehensfreude, nicht zuletzt will ich den Schlüssel zu Bens altem Büroschrank in Bandiagara, weil dort Infomaterial für unser Festival liegt. Lolo ist gewachsen und hat wieder einen üppigen malischen Freundeskreis – wir bringen ihr zwei Kinderstühlchen mit, die sie gleich begeistert mit Beschlag belegt, schließlich ist sie kürzlich 1 Jahr als geworden.

Bandiagara

Das letzte Frauenseminar für dieses Jahr ist nun auch beendet worden. Wir hatten wieder drei Dogondialekte, 5 Peulh Frauen, für die unsere Praktikantin mit übersetzen musste und 2 Gemeinden, die sich weder gemeldet, noch ihre Teilnehmerinnen geschickt haben.

Tagungsort war diesmal die Katholische Mission von Bandiagara, ein großes Gelände mit schönen Seminarräumen, Schlafräumen für Männer und Frauen und einem Küchen und Sanitärbereich – die natürlich mit europäischen Vorstellungen nichts gemein haben.

2 Ratsfrauen aus Bandiagara waren dabei und haben aus ihrem Erfahrungsschatz berichtet, immer 4 Frauen konnten lesen und schreiben und ich habe eine Frau ausgemacht, die vielleicht das Netzwerk weiter am Laufen halten kann, wenn ich denn demnächst weg bin … alle sind wie immer sehr stolz und dankbar, es gibt Tänze zum Schluss …. Tembine, Kassogue und ich verabreden uns für Ende November zu einer Nachlese und zur Vorbereitung eines Netzwerktreffens im Dezember.

Und eigentlich muss ich jetzt meine Sachen packen, denn morgen geht’s nach Bamako – mein Visum muss verlängert werden.

Bandiagara

Nun wird es also offiziell: Schweren Herzens habe ich meinen Brief an den ded geschrieben, in dem ich um Vertragsauflösung zum Frühjahr 2008 bitte. Eigentlich wollte ich ja gerne hier die Kandidatinnen für die Kommunalwahl bis in ihre Kampagne hinein begleiten (die Kommunalwahl in Mali ist Anfang 2009). Aber der neue Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVÖD) macht mir einen Strich durch die Rechnung. Hätte ich nach dem alten BAT bis zu 12 Jahren wegbleiben können (was ich nicht vorhatte), so wurde im TVÖD eine Regelung getroffen, dass, wer länger als 3 Jahre beurlaubt ist, in die Stufe zurückgestuft wird, in der er/sie vor dem Weggang war. In meinem Fall ist das glatt die Summe meiner Miete, die sich dann verflüchtigt, etwas, was ich mir leider nicht leisten kann. Mit dem Kreis Mettmann und mit dem ded habe ich verschiedene Möglichkeiten durchgespielt – allein es gibt bisher nur für Entwicklungspolitische Organisationen selbst eine Ausnahmeregelung die allgemeingültig und akzeptiert ist. Da war mir das Risiko dann persönlich zu hoch. Niemand konnte mir bisher erklären, was sich „meine“ Gewerkschaft VERDI dabei gedacht hat. Eine e-mail in dieser Angelegenheit ließ sie unbeantwortet. Nun habe ich wenigstens angeregt – und es wurde auch umgesetzt, dass der ded seine Leute, die aus dem Öffentlichen Dienst kommen, entsprechend informiert –schließlich ist es nur der Aufmerksamkeit eines Kollegen in der Personalverwaltung beim Kreis zu danken, dass ich es überhaupt rechtzeitig erfahren habe. Denn wenn man so weit weg vom deutschen Alltag lebt, hat man die dortigen Tarifregeln nach einiger Zeit nicht mehr im Blick. Das könnte da und dort ein böses Erwachen geben. Na, wenn ich zurück bin, werde ich mich dafür engagieren, dass mindestens eine Protokollnotiz reinkommt. Denn mit Vorbereitungszeit und wenn ein Einsatz im Ausland von 3 Jahren erwartet wird, kommt man immer auf über 3 Jahre und praktisch alle Entwicklungs-Projekte sind so angelegt. Auch frage ich mich, wie sich das z.B. für LandtagskandidatInnen darstellt – da dauert die Legislaturperiode 5 Jahre – auch für Mütter/Väter wurde die Erziehungszeit ohne finanzielle Folgen drastisch verkürzt. Es muss da einen nicht nachvollziehbaren Deal im Hintergrund gegeben haben ….