März 2008


Schwerer Fehler. Heute Morgen ist dann jemand anders da, er führt mich zu einer Kompanie von Batterien, welche denn nun meine sei? Allein drei sehen der meinigen verdammt ähnlich … Zum Glück kommt grade Hasso zum Morgentee vorbei, er erinnert sich gut, welche Batterie es war, eingebaut, angelassen, 300 CFA (45 ct) bezahlt und natürlich ein kleines Trinkgeld …  und ab geht’s ins Büro. Wieder mal Glück gehabt.

Bandiagara

Also den „Kleinen“ erstmal in die Werkstatt, Sulaiman fährt ihn auf die Grube, schaut sich alles an und ruft mich dann, mir das selbst anzusehen. Es ist beachtlich, was da  angerichtet wurde, aber er betont auch, was für ein Glück wir hatten „30 cm weiter links, und die Kupplungsscheibe wäre hin gewesen, keinen Meter hättet Ihr mehr fahren können,“ ruft er begeistert. Das was jetzt kaputt sei, das kriege man schon hin … Zurück am Haus will ich den Toyata 4×4 anlassen, er macht keinen Mucks. Laya Bah, der Koch, ist grade da, er schubst mich an, damit ich zur Arbeit fahren kann. Erstmal halte ich beim Ersatzteilhändler, um Wasser für die Batterie zu kaufen, es hilft nicht wirklich. Als ich mittags in die Pause fahren will – kein Mucks, also wieder schubsen. So lass ich mich den Tag über durchs Dorf schubsen und treffen abends mittelprächtig genervt bei Suleiman ein: Aufladen der Batterie gut und billig bei der katholischen Mission. Also dort hin – Hasso, der chauffeur vom La Falaise ist zufällig auch da – ich bin müde und laß den Wagen da. Die Jungs werden das schon hinkriegen.

Gao – Bandiagara

Wir brechen früh auf, denn ca. 650 km liegen vor uns. Über die eindrucksvolle Brücke verlassen wir Gao – die Straße ist super ausgebaut, der kleine Jetta schnurrt – und so sehen wir den Felsbrocken nicht (bzw. ich halte ihn für einen Karton) der uns kurz darauf ins Schleudern bringt und mit krachenden Geräuschen unseren Unterboden touchiert.

Gekonnt bringt Steffi den Wagen zum stehen – sie hat ihn traumhaft auf der Piste gehalten – eine Wolke hüllt uns ein – ich rufe „Raus hier, die Kiste brennt“! Aber es ist nur der Staub, der durch die mehrfachen Aufpralle des Steins aufgewirbelt wurde. Die anderen kommen mit dem Daimler heran, wir inspizieren den Unterboden – das Tiefergelegte hat uns wohl gerettet – die gesamte Verkleidung ist zerfetzt, der Katalysator hat einen Riß, aber ansonsten haben Achsen und Auspuff wohl nur Kratzer abbekommen … vorsichtig lassen wir den Motor an, er schnurrt wie gewohnt und langsam fahren wir die ersten Meter – es geht, es lenkt sich normal und überhaupt, offenbar haben all die Schutzengel, die mir liebe FreundInnen zum Abschied geschenkt haben, jetzt kurz vor Schluss noch mal heftig gewirkt.

Gegen Abend erreichen wir Mopti, der Motor röhrt jetzt doch ganz schön (so ist das einfach, wenn der Katalysator ein Loch hat …). Bei der Ankunft in Bandiagara stelle ich fest, dass die Vorderreifen keinerlei Profil mehr haben, was darauf schließen lässt, dass die Achse doch was abgekriegt hat …

Gao

Morgen geht es zurück, also verbringen wir noch einen ruhigen Tag mit Museumsbesuch und Einkäufen. Das Angebot ist hier – durch die Nähe zu Algerien, vielfältiger und besser, wir finden selbst als in Bamako. Es gibt viele Produkte aus Dubai, Vereinigte Arabische Emirate, aus Tunesien und selbst aus Europa. Eine Freundin klärt uns auf, dass halt auch viel geschmuggelt wird, hinter Gao geht richtig mit der Sahara los, wer will da welche Grenze kontrollieren?

Im Museum lüftet sich das Geheimnis der Rundhäuser aus Stroh, die jeweils vor den Bancohäusern  stehen: Es handelt sich um die Häuser der Frauen, die seit Jahrhunderten die Verantwortung für diese Art der mobilen Häuser haben (die Männer waren dauernd mit Jagen und Kriegen beschäftigt, so dass diese Kompetenz nach und nach auf die Frauen überging). Eine Frau, die heiratet, bringt ihr Haus mit in den Hof des Mannes und lebt dort mit den Kindern – Ibrahim meinte auch in den Banco Häusern sei es kühler, deshalb seinen die Männer gern da drin, andere wieder bevorzugen die Rundhäuser, die zum Übernachten auf jeden Fall besser, weil weniger stickig seien … wie auch immer, im Norden ist die Position der Frau aufgrund dieser Rolle und weil die Männer viel unterwegs sind, eine deutlich andere als weiter südlich, auch wenn hier denn doch Männer wie Frau verschleiert herumlaufen, was aber nicht der Religion, sondern der unglaublichen Hitze geschuldet ist. Die ist besser erträglich, je mehr vom Körper durch dünnen Baumwollstoff geschützt ist, diese Erfahrung mache ich auch, ab Mittags verhülle ich mich ebenfalls.

Für den Abschiedsabend haben wir uns im „le Petit“, einem kleinen Restaurant, eine große Schüssel (die wir vorher auf dem Markt kaufen) Salat, Besteck aus dem Campement und Plastikbecher aus einer Boutique organisiert – letztere zeugen mal wieder von der algerischen Geschäftstüchtigkeit: 100 Becher kosten 3.000 CFA, 4 Stück 1000 CFA – schließlich muss extra die Packung aufgemacht werden – „Wollen sie nun 4 Becher oder nicht?“. Nun, dass es sie überhaupt gibt, ist ja schon ein mittelprächtiges Wunder, also lassen wir uns nicht lumpen, wir wollen schließlich unseren „Glühwein“ aus dem Kofferraum mit kaltem Wasser verdünnen und zu unserem Picknick am Strand genießen.

Gao – Ansongo

Der Reiseführer wie auch die Michelin-Karte weisen die Strecke zwischen Gao und Ansongo als eine landschaftlich reizvolle aus – was nicht übertrieben ist. Eine wunderbare Flusslandschaft begleitet uns, riesige Rinderherden streben zum Wasser und stürzen sich begeistert ins kühle Nass. Wir sitzen auf einem Baumstamm, umringt natürlich wieder von Frauen und Kindern, die uns neugierig beäugen und genießen das Panorama.

In Ansongo machen wir einen ausgiebigen Spaziergang auf den Deichen, die hier die weitläufigen Felder schützen. Es sieht fast aus wie in Ostfriesland bei Ebbe – wenn man von den etwas anderen Temperaturen mal absieht. Dann finden wir noch ein kleines Restaurant, das offenbar zugleich die Kantine des Rathauses ist, welches wunderschön gelegen von einem Felsen aus über den Fluss ragt. Reis mit Soße, gar nicht schlecht und vor allem superbillig (ca. 50 ct).

Wir genießen die Ausblicke auf dem Rückweg und fahren zum Handwerkszentrum von Gao, wo uns Ibrahim, offenbar dienstältester und reichster Händler dort in die Geschichte des Zentrums einführt: Gegründet und gebaut Mitte der 90er Jahre mit Unterstützung durch die GTZ ist es heute einer der wichtigsten Handelspunkte für die Souveniers in Ganz Mali. September/Oktober kommen die Händler aus dem ganzen Land, um sich für die Saison einzudecken. Die Qualität ist wirklich sehr gut und die Preise, naja, Verhandlungssache halt …

Ich erkundige mich, was Ibrahim glaubt, warum Bamako so rapide wächst und ob mein Eindruck falsch ist, dass in Mali so was wie wirtschaftliche Entwicklung in Gang zu kommen scheint. „Ja doch, das ist eine Frage der Politik“, sagt er. „Es gibt viele viele Malier, die im Ausland arbeiten und Geld schicken. Bisher ist das immer privat in den Familien geblieben um den täglichen Bedarf zu decken. Nun hat seit 4 Jahren die Regierung begonnen, diesen Auslandsmaliern günstige Investitionsbedingungen anzubieten, also z.B. preiswerte Grundstücke, wenn darauf Arbeitsplätze geschaffen werden, Steuernachlässe für die Einrichtung von Produktionsstätten etc.“ Ibrahim meint, dass diese Politik langsam greift und dass hoffentlich immer mehr eigene Infrastruktur im Land entsteht.

Den Abend verbringen wir im L’amitée, eine boite de nuit mit Restaurant. Der Kapitän mit Bohnen ist gut und billig, aber die Toiletten sind so mit Kakerlaken bevölkert, dass wir uns zurückhalten bis wir wieder in unserem Campement sind – dort sind sie weniger zahlreich.

Gao

Pünktlich um 8.00 Uhr steht unser Pirrogier am Ufer, mit der Strömung geht es zügig zurück. Gefrühstückt haben wir Kekse und Wasser – zum Glück ein Mittagessen im Campement bestellt – Huhn mit Fritten, völlig überraschend!

Nachmittags erkunden wir eine weitere Attraktion: Den Strand von Gao!

Blitzsauber, mit vielen kleinen Grüppchen von jungen Leuten, die einfach genau wie wir dort rumsitzen, Cola trinken und den Sonnenuntergang bestaunen. Wir möchten ein Foto von uns und bitten nebenan, ob einer der jungen Männer das machen kann. Er stellt sich vor, wir uns auch – „Ach DED, da hab ich einen Tonton (Onkel) – mein Vater hat mit einem gewissen Hendrick zusammengearbeitet!“ – Den kennen wir, war er doch bis Anfang 2007 Koordinator für ländliche Entwicklung beim Ded in Bamako. Mankan ist begeistert, Neuigkeiten von seinem Tonton zu hören und bittet uns, ihn zu grüßen und sein Vater wird sicher auch begeistert sein – die Welt ist halt ein Dorf.

Gao

Also diese Stadt ist deutlich größer und weitläufiger als Mopti oder Sévaré – außerdem ist es hier viel viel heißer (wir sind schließlich 600 km nördlich, also näher an der Wüste). Beim ersten Spaziergang, den wir um 9.00 Uhr beginnen, wird’s mir dann doch recht bald sehr sehr heiß und irgendwie laufen wir auch im Zickzackkurs auf die Askia-Pyramide zu – finden sie aber letztlich doch. Es handelt sich um das Grabmal der letzten Songhrei Herrscherfamilie, eine große Moschee ist angeschlossen und wir haben das Glück, dass uns ein freundlicher Guide auch hier Zutritt verschafft. Gleich ergibt sich aus dem Gespräch auch noch für uns die Möglichkeit nicht nur zur Rosa Düne mit dem Boot zu fahren, sondern auch die Nacht dort zu verbringen – eine tolle Idee.

Am Nachmittag treffen wir uns wieder mit Sidi, um zum Schiff zu gehen – bepackt mit Moskitodome und Matrazen hatten wir natürlich nicht damit gerechnet, dass man um diese Jahreszeit etwa 30 Minuten durch Felder und Schwemmland laufen muss, bevor man auch nur in die Nähe des Nigers kommt …

Eine kleine Pirogge erwartet uns, sie wird gestakt und im frühen Abendlicht nähern wir uns langsam und leise der riesigen Düne in ca. 7 km Entfernung. Sidi und der Pirrogier erkundigen sich, ob wir denn wirklich dort übernachten wollen – es sei ein Hexenplatz und überhaupt – 3 Frauen „allein“ auf so einer Düne … (Frauen ohne männliche Begleitung sind halt immer „allein“). Das schreckt uns alles nicht und es ist wunderschön dort oben, der Vollmond ermöglicht den Blick auf den Niger auf der einen Seite, in die Wüste auf der anderen Seite, absolute Ruhe – und um 22.00 Uhr klingelt mein handy, weil meine Eltern mich anrufen!

Gao

Mit einigen KollegInnen mache ich mich auf in den Osterurlaub – wir fahren nach Gao, eine wunderschöne Strecke über Sévaré, Douentza, Hombury – gegenüber vom höchsten Berg in Mali essen wir zu Mittag und erreichen mit dem Sonnenuntergang die neue Brücke von Gao (früher musste man sich bei einer solchen Reise sputen, um die Fähre um 18.00 Uhr noch zu erreichen). Elegant geschwungen und mit glitzernden Leitplanken versehen überspannt die Brücke das (derzeit weitgehend ausgetrocknete) riesige Nigerdelta. Eine Tafel neben der Mautstelle weist darauf hin, dass diese Brücke von Chinesen gebaut und von der islamischen Bank finanziert wurde und dass alle wichtigen malischen Familien (Coulibaly, Keita, Traoré, Touare, Konaté, Diarra, Kassogué, Maiga etc.) im Baukomitee vertreten waren.

Im Campement bauen wir unsere Moskitonetze auf dem Dach auf – es ist viel zu stickig in den Zimmern. Architektur und Lebensweise sind hier, ca. 650 km vom Dogonland entfernt wiederum anders. Wir hören als erstes Nachrichten aus der Gegend von Kidal, wo es Rebellenunruhen gab, aber hier in Gao ist alles ruhig …

(Maouloud)

Jetzt stehen Feiertage an, die durch die Mondphasen in diesem Jahr zusammen fallen: Heute, nach christlichem Kalender Gründonnerstag, ist bei den Moslems Maouloud („ist wie bei Euch Weihnachten,“ versichert mir ein malischer Kollege „Geburtstag des Propheten“ – „Und wo sind die Geschenke?“ flachse ich zurück.). Dann folgt Ostern mit Karfreitag und Ostermontag, wird hier dann gerne gemeinsam gefeiert, so wie am Mittwoch nach Ostern – eine Woche nach der Geburt, dann eben auch die Taufe des Propheten.

Bei mir im Viertel ist jedenfalls Hochzeit angesagt, Kirche, Konvoi, Plaudern im Hof. Morgens ruft mich Gabriel von der Behindertenassoziation an: Diese Hochzeit (es handelt sich um den kleinen Bruder einer malischen Kollegin) findet im christlichen Rahmen statt, die Boutique der Behindertengruppe hat das Kleid gestellt, die Frisur gemacht und überhaupt, ob ich nicht grade rüberkommen wolle, ein Photo von der Braut in Weiß machen – na logisch! Und wirklich, sie ist wunderschön!

Nachmittags bringe ich noch mein Geschenk vorbei und trinke Ingwerwasser – auch bei einer christlichen Hochzeit wird kein Alkohol ausgeschenkt, trotzdem sind alle fröhlich und gesprächig. Ich verheddere mich in den Gepflogenheiten und stelle die unpassende Frage, ob auch dieses Paar nun eine Woche zusammen im Zimmer bleibt – empört schaut mich Marie an: „Ist doch eine christliche Hochzeit – die Zeremonie hat stattgefunden und gut ist jetzt, die beiden gehen in ihr neues Haus – da hast Du was mit den muslimischen Sitten durcheinander gebracht!“

Zum letzten Mal vor meiner Ausreise haben wir es geschafft, dass wir KollegInnen vom ded hier in Bandiagara alle gleichzeitig am Ort sind. Mit der nun beginnenden heißen Zeit reisen etliche nach Europa, so nutzen wir den späten Sonntagnachmittag zu einem üppigen Gelage am Felsen, dort wo wir schon 2005/2006 Silvester gefeiert haben. Ein lieber Kollege aus Burkina ist noch mit seiner Frau angereist, Dagny, vom Service International hat ihre Kinder mitgebracht, die mit den malischen Freunden herumtoben und wir genießen Brochetten, Kartoffelsalat, Nudelsalat und als Krönung des Abends Tiramisu, das Steffi und Adidija mit Quark, Yoghurt und Metaxa (hab ich mal aus lauter Langeweile zollfrei in Casablanca gekauft) gezaubert haben. Zu allem Überfluss wird uns auch noch ein traumhafter Sonnenuntergang geboten, etwas was jetzt in der heißen, staubigen Zeit eher selten ist. Ich schaue etwas wehmütig in den sternenübersäten Himmel – ich weiß schon, was mir alles fehlen wird ….

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