Dezember 2011


Nun habe ich ja in meinem Leben schon an den abenteuerlichsten Plätzen der Welt mit sehr unterschiedlichen Festivitäten Weihnachten verbracht, eine Party wie diese hatte ich allerdings noch nie: Morgens war einer der Präsidentschaftskandidaten (Modibo SIDIBE) für nächstes Jahr zu Gast, mit 25 Geländewagen ist er in unsere kleine Kreisstadt „eingefallen“. Da Hamidou Vorsitzender des Unterstützungsclubs ist, entstand die Idee, dass Mme DOLO, Mitglied in der Equipe des Kandidaten, ihr Treffen mit den Frauengruppen von Bandiagara in unserem Hof macht. Bis mittags habe ich rausgekriegt, dass mit etwa 15 – 20 Personen zu rechnen ist – schließlich tummeln sich ca. 50 Frauen im Hof – es muss erstmal Nachschub an Getränken beschafft werden.

Mme DOLO kommt aus Bamako – sie strahlt die für aufgestiegene  Frauen hier typische Arroganz aus. Ich habe dann oft den Eindruck, dass diese gut gebildeten Frauen heilfroh sind, aus ihren Dörfern „entkommen“ zu sein und dass sie es jetzt als Zumutung empfinden, wieder mit alten und jungen „Dörflerinnen“ zusammen zu sitzen.

Grußlos verlässt sie den Hof, nachdem sie ihre Rede gehalten hat, worüber nicht nur ich mich am nächsten Tag beschwere, sondern auch etliche Frauen aus den Gruppen, sie haben ein sehr sicheres Gespür für so was und ohne Gegenleistung wird hier gar kein Kandidat unterstützt ….

Den ersten Feiertag verbringen wir mit Glückwünschen in den christlichen Nachbarhäusern – hier wird immer gerne und gegenseitig gratuliert. Ich kann leider nur selten die üblichen kleinen Geldbeträge hinterlassen, da ich nicht nach Sevare darf, habe ich keinen Zugang zu meinen europäischen Konten und langsam wird das Geld knapp. Auf mein hiesiges Konto kommt erst Anfang Januar wieder Geld. So geht es mir wie den meisten hier, denn selbst feste Gehälter kommen meist mit großer Verspätung und ich habe mich noch nicht wirklich an dieses Geldbeschaffenplanen gewöhnt.

Im Januar muss ich nach Bamako, dann habe ich hoffentlich mal wieder Zugang zu einem VISA Geldautomaten. Vielleicht wird ja aber auch die orange-rote Zone bald aufgehoben, wir freuen uns alle, dass inzwischen doch etliche Touristen angekommen sind. Sie kommen vor allem aus Südeuropa – Italien, Spanien, Portugal, aus Asien und aus Ossteuropa. Auch etliche Österreicher und Holländer sollen schon gesichtet worden sein. Die Saison ist nicht mehr zu retten, aber die Unerschütterlichen, die nun da sind, werden umso herzlicher willkommen geheißen.

Die Kälte fordert ihren Tribut – ich kriege Schnupfen und Hamidou Rückenschmerzen – „Kälte“ mag vielleicht übertrieben klingen, tagsüber sind es schon gerne 28 bis 30 Grad, aber sobald die Sonne weg ist, geht es auf 18 bis 15 Grad runter und dieser große Abstand macht es anstrengend und ist riskant, weil es ja trocken ist und man glaubt irgendwie bis spät abends draußen sitzen zu können. Das kann im Januar noch mal kälter werden.

Für die beiden Wächter habe ich Fleecedecken auf dem Markt gekauft. Ich selbst habe das Glück, dass mein Auto angekommen ist, so dass wir das Bettzeug, das u.a. darin war, jetzt gut gebrauchen können.

Heute ist der „Tag an dem man sich die Hände mit Wasser und Seife wäscht“, das bekomme ich im Rathaus mit, weil die Gewählten Bürgermeister sich mittags zu dieser Session verabschieden. Nach Feierabend komme ich am Kulturzentrum vorbei, wo ein ordentliches Spektakel mit zahlreichen Kindern aller Schulen des Ortes stattfindet. Ich halte an, der Polizeichef begrüßt mich, so habe ich keine Bedenken, ein wenig zuzuschauen: Die Kinder der Schule Alpha Ali Seck (da wo damals 2006 mit Unterstützung aus Hamburg die Schulkantine gebaut wurde) haben einen Sketsch eingeübt, der auch ohne Dogonsprachkenntnisse leicht verständlich ist: Ein junges Paar kommt zu Besuch, der Mann weigert sich, sich die Hände zu waschen und spielt dann wirklich hinreißend den unter Darmkrämpfen Leidenden, der dann vom Arzt eine heftige Lektion erteilt bekommt. Der zweite Sketch handelt von einem Bauern, der nach Hause kommt und dessen Frau ihm das Essen ohne Wasser zum Händewaschen vorsetzt, was er verweigert. Eine (oder die) zweite Frau kommt hinzu und stellt erstmal die Utensilien zum Händewaschen hin: eine Wasserkanne und Seife auf einer Schüssel, in der das Wasser wieder aufgefangen wird. Nun speist er genussvoll in der Scharade und beschimpft die erste Frau, die sichtlich erschüttert ist. Der Gag an diesem Sketch ist, dass alle Figuren von Männern gespielt werden, die sich die weiblichen Rundungen durch Kalebassen unter ihren Kleidern angeschnallt haben und die auch mit den Röcken so gar nicht gut zu recht kommen. Ihre Schulkollegen biegen sich vor Lachen und auch wir Erwachsenen können uns kaum einkriegen. Schließlich gibt es noch ein Quiz, bei dem die Kinder, die die Fragen zu wann, wie und warum man sich die Hände ordentlich waschen soll, richtig beantworten ein Moskitonetz und ein Stück Seife gewinnen können. Der Andrang an AntworterInnen ist riesig, so dass die Veranstalter und die Polizei alle Hände voll zu tun haben, um die johlende Kinderschar im Zaum zu halten. Dann werden Softdrinks und Waschschüsseln an den stv. Präfekten, M. SOW und andere offizielle Gäste verteilt und die Veranstaltung ist beendet. Der Polizeichef erkundigt sich noch mal wer ich genau bin, sie haben die gleichen Probleme uns „Tubabs“ auseinander zu halten, wie wir sie am Anfang auch haben.

Im Büro beginne ich langsam Kontakte zu knüpfen. Die 2. Stv. Bürgermeisterin, Madame GUINDO, lädt mich zu einer Ortsbegehung auf dem Markt ein. Seit Bens Zeiten (2006/07) ist hier eine Verbesserung geplant, nun steht endlich aus einem staatlichen Fonds das Geld zur Verfügung und es soll alles ganz schnell gehen. Das Bauingeneurbüro und der beauftragte Unternehmer sind mit von der Partie sowie mein Kollege CAMARA.

Nun ja, und dann ist das so, wie man es kennt: der untere Markt, eine Ansammlung von (aus touristischer Sicht) pittoresken Holzständen, strohgedeckt und schmutzstarrend, findet sich zwischen müllgefüllten Abwasserkanälen – in der Regenzeit hocken hier die Verkäuferinnen einfach mehr oder weniger im Schlamm. Der obere Markt hingegen hat schon eine Erneuerung erfahren, leider hatte der Bauunternehmer nicht im Blick, dass eine zu hoch angelegte Überdachung keinen ausreichenden Sonnenschutz bietet. Und im Gegensatz zu den Strohdächern, die luftdurchlässig sind, sind die Metalldächer, die auf die neuen Hangars gesetzt wurden, wahre Hitzekatalysatoren. Das Ergebnis ist, dass viele Verkäuferinnen lieber vor den Hangars, halt im Schatten der umliegenden Boutiquen sitzen.

Nun sollen 3 neue Hangars gebaut werden, geplant für den unteren Markt, will man sie eigentlich nutzen, um den oberen weiter zu verbessern. Auf intensives Nachfragen kriege ich auch raus warum: der obere Markt ist täglich belegt, bringt also ständig Einnahmen für die Gemeinde, der untere wird vor allem von den Dörferlinnen am Montag und Freitag frequentiert, ist also nur eine mäßige Einnahmequelle.

Ich halte mich mit weiteren Fragen erstmal zurück, rege lediglich an, dass man die Marktbeschickerinnen informieren sollte, bevor die Baustelle losgeht. Das soll nun nächsten Samstag erfolgen, denn gleich nächste Woche soll es losgehen.

Männer verkaufen ausschließlich Reis, Getreide und technisches Gerät in umliegenden Boutiquen und an mobilen Ständen, als Kunden gibt es sie gar nicht – unvorstellbar für einen malischen Mann, auf den Markt zu gehen. Man sieht Jungs und junge Männer mit Handwagen, die die Einkäufe zu den Haushalten transportieren. Auch mancher Bauer begleitet seine Frauen auf den Markt, um dann andere Dinge in Bandiagara zu erledigen. Niemals würde er sich mit an den Stand setzen, wo die bescheidenen Produkte verkauft werden: Hirse, getrocknete Blätter und kleine Fische, Maggiwürfel, Zwiebeln, Gewürze und zuweilen, in und kurz nach der Regenzeit eine Fülle von Gemüse: Gurken, Tomaten, Salat, Auberginen, Kohl, Kochbananen – genau genommen ist es das dann schon. Ohne die Möglichkeit nach Mopti zu fahren, so wie es derzeit für mich ist, ist der Speiseplan ziemlich reduziert. Dort landen durch den Hafen auch andere Produkte an und es gibt auch Karotten, Kartoffeln, Kräuter etc.

Mir liegt das Thema Markterneuerung aus drei Gründen am Herzen: Zum einen stammen die Pläne für die Sanierung des Marktes in Bandiagara von Ben, meinem Ex-DED-Kollegen, der als Architekt eine Adaption europäischer Einkaufszentren vorgenommen hat.

Zum anderen habe ich selbst während meiner Kolleg- und Studienzeit 5 Jahre in Wuppertal auf dem Wochenmarkt gearbeitet. Irgendwie bin ich im Herzen wohl immer auch Marktfrau geblieben und habe einen Blick dafür behalten, was ein Stand braucht. Schließlich kann ich noch immer locker ein Kilo aus der Hand wiegen – was die Händlerinnen hier zuweilen in Erstaunen versetzt.

Und schließlich gehört zu meinen jetzigen Aufgaben die Beratung der Gemeinde zur Erzielung von Einnahmen, so dass wahrscheinlich im nächsten Jahr die Marktordnung ein Thema werden wird.

Hier ein wichtiger Hinweis, fuer alle, die mehr ueberMali wissen wollen, als mein - doch sehr persoenliches - Tagebuch bietet:

http://mali-infos.blog.de/

Eine Semi-Professionelle Seite mit viel Engagement und Liebe gemacht und mit Infos in Deutsch und Franzoesisch. Viel Spass beim Lesen!

Bis auf Tao sind jetzt erstmal alle KollegInnen hier in den Winterurlaub gereist – ich habe ja noch keinen Anspruch darauf, erst im März/April 2012 ist meine Probezeit rum. Das passt dann auch gut, kann ich doch dann zum Geburtstag meiner Mutter reisen und auch Margrets Geburtstag mit feiern.

Ein wenig öde ist es ja schon, so gar nicht aus Bandiagara rauszukommen. Andererseits schaffen die äußere Ruhe, der viele Schlaf – die Sonne geht hier derzeit gegen 17.30 h unter und erst gegen 7.30 h wieder auf, die Solaranlage schafft daher nur Strom für ca. 3 Stunden, d.h. gegen 21.00 h bin ich auf den Akku vom Netbook angewiesen – dank Hubert hat dieser eine Kapazität von bis zu 9 Stunden, selbst mit der LED Lampe sind es noch bis zu 6 Stunden – auch eine gewisse innere Gelassenheit.

Und dann gibt es ja (noch) das zweite Haus, wo allerdings eine Ungezieferplage herrscht, so dass ich mich da nur ungern aufhalte. Es gibt also ein schönes Haus, wo noch nicht alles fertig ist, und eines wo der Kühlschrank steht und die Geräte aufgeladen werden und wo man auch mal bleiben kann. Im Hinblick auf die Sicherheitsfrage ist das bestimmt gut so, man kann mich schlecht „einfangen“, denn es ist – außer für Hamidou, vorher nie klar, wo ich grade bin.

Während des Besuches von Bundestagspräsident Lammert hier im Dogonland hatte ich Gelegenheit bei der Botschaft anzufragen – auch dort gibt es die Hoffnung, dass wir bald nicht mehr Zone „Rot“ oder „orange“ sind.

Zwei weitere Festnahmen im Zusammenhang mit der Entführung in Homburi bestätigen meine These, dass die malischen Sicherheitskräfte alles tun, um das Image des Landes wieder her zu stellen.

Leider gibt es nach wie vor keine Hinweise auf den Verbleib der Geiseln, auch über Forderungen ist nichts bekannt.

Vielleicht mal ein wenig zu meiner häuslichen Situation: Das Haus ist wunderschön, ruhig und obwohl noch einige Arbeiten ausstehen, kann man sich gut darin aufhalten. Abends sitzen Hamidou ich gerne auf dem Dach und schauen dem Sonnenuntergang zu, außer den Kühen, die von der Weide heimkehren und später den Sternen und dem Mond gibt es eigentlich nichts zu sehen, aber die Ruhe ist wirklich wohltuend.

Zum Haushalt selbst gehören wieder Yaiben, die schon beim letzten Mal für mich gearbeitet hat und deren Französisch sich sehr verbessert hat, hat sie doch die letzten 3 Jahre für meine Vorgängerin, eine Französin, gearbeitet; 2 junge Männer, Abou und Clement, die als Tag- und Nachtwächter angestellt sind und seit einigen Tagen noch ein Katerchen, das ich von einer Kollegin übernommen habe, die ausgereist ist. Er kümmert sich um die Mäuse, die sich Nächtens in der Küche vergnügen. Seit er hier ist, hat er jeden Tag eine gefangen, nur die gestern, die war schlau und ist durch die Eingangstür entwischt. Der Kater muss sich noch einleben und darf deshalb noch nicht raus.

Yaiben hat auch ihre Kochkünste erweitert und sie überrascht mich jeden Tag mit neuen Kreationen. Da kann man sich schnell dran gewöhnen. Bei dem vielen Staub in der Luft und im Haus bin ich froh, dass ich Hilfe habe, am Wochenende versuche ich der Situation selbst Herr zu werden, aber man muss sich echt ranhalten.

Derzeit ist es sehr kühl, ich hoffe die Autos kommen bald an (sie sind schon an der Grenze nach Mali und der Kollege, der den Nissan kauft, freut sich auch schon) darin habe ich jedenfalls noch Hausrat und vor allem wärmere Kleidung und ein Federbett – derzeit behelfe ich mich mit einem alten Schlafsack, der von damals noch hier geblieben ist. Ohne den wäre ich völlig aufgeschmissen, ich weiß  gar nicht, wie ich vergessen konnte, wie kühl es des Nachts hier im Dezember/Januar sein kann.

Am Haus selbst stehen noch Klempnerarbeiten und ein upgrade der Solaranlage aus, ab April werde ich dann ganz darin wohnen können – in schah allah! Die Solaranlage ist ein wenig eigenwillig, unterdimensioniert und nun auch noch mit dem vielen Staub in der Luft, verabschiedet sich die Beleuchtung meist schon nach kurzer Zeit. Wir werden diese Anlage verkaufen und dann entsprechend der Hausgröße eine angepasste beschaffen. Zum Glück haben wir grade am Wochenende den Experten hier vor Ort angetroffen, er hat auch die Krankenhäuser in Bandiagara und Mopti ausgestattet.

Hier läuft es nämlich so: Wenn EDM (Energie du Mali, rwe von Mali) nicht liefern kann, wird die Versorgung wichtiger Einrichtungen über Solarenergie gesichert. Dabei wäre es umgekehrt, also mit einem Einspeisegesetz, viel sinnvoller und würde auch Einkommensmöglichkeiten kreieren. Aber diese Idee kannte der Fachmann auch noch nicht.

Die GTZ hat in Mopti ein Ausbildungszentrum für Solarfachleute aufgebaut, man kann also hoffen. Es gibt auch zunehmend ein Angebot an Panels und Anlagen, kommt alles vor allem aus China. Es heißt, diese Anlagen seien an die große Hitze, die hier ab Februar herrscht, besser angepasst, als die aus Europa. Scheint mir vor allem ein technisches Problem zu sein.

Die Entführungsgeschichte ist noch immer nicht beendet, sicher haben Interessierte auch in Deutschland in den Medien davon gelesen (sehr nahe dran und informativ ist france 24 sowie maliblog).

Es stimmt nicht ganz, was ich neulich geschrieben habe, 2009 hat es bereits innerhalb von Mali die Entführung einer Europäerin gegeben. Immerhin hat das malische Militär jetzt die Kidnapper von Hombouri gefasst. Sie hatten Unmengen von Waffen und haben die beiden Geiseln offenbar an Al Quaida Maghreb weiter gegeben – also wohl „verkauft“. Von dort gibt es inzwischen Bekennerbriefe, die über internationale Nachrichtenagenturen verbreitet wurden. Sie haben eine üble Show abgezogen, mit Bildern etc., es geht vor allem gegen die USA und Frankreich und Mali wird der „Kollaboration mit antiislamistischen Kräften“ geziehen.

Die MalierInnen vor Ort sind außerordentlich wütend über diese Entwicklung, sie leiden unter dem Ausfall der Touristensaison. Die eigentlich sehr besonnenen Menschen hier können es nicht fassen, dass ihr Land erst eine Missernte hat, dann die Nahrungsmittelpreise sich fast verdoppeln und nun auch noch ihr Tourismus ruiniert wird.

Sie sind sehr verärgert, als der Präsident eine Delegation von Libyen Rückkehrern empfängt. Gedacht als „Reintegrationsmaßnahme“ in die malische Zivilgesellschaft, gab es stattdessen helle Empörung in der Bevölkerung. Die jungen Guides hier aus Bandiagara haben einen Marsch in Mopti organisiert, um ihrem Unmut über die Aktionen der Verbrecher Ausdruck zu verleihen und die Regierung aufzufordern, der Region zu helfen.

Wir konnten zum Glück aus Bamako zurück kehren, aber weiterhin ist Vorsicht angesagt. Meine Arbeitsmöglichkeiten sind stark eingeschränkt, aber da ich am Anfang meines Vertrages bin, ist vieles derzeit vor allem Aktenstudium und kennen lernen der Strukturen im Rathaus selbst. Da das nur 2,5 km vom Wohnhaus entfernt ist und jede/r mich hier kennt, die Gendarmerie abends noch mal vorbei schaut und alle ein Auge auf „ihre“ Tubabs haben, fühle ich mich hier sicherer als in Bamako, wo man im Großstadtgetriebe doch eher unter geht. Spätestens im Januar muss ich allerdings wieder hin, um mein Visum zu verlängern.

Mein Kollege CAMARA erklärt mir jeden Tag Neues, so ein kleines Rathaus ist eine Welt für sich und doch auch wieder dem öffentlichen Dienst bei uns in Deutschland ähnlich.

Es gibt 3 „Ämter“: Standesamt, wo alle Angelegenheiten, die mit offiziellen Papieren zu tun haben, erledigt werden, also Geburts-, Heirats- und Schulabschlussurkunden (letztere haben in den letzten Tagen viel Publikum angezogen, da war die ganze Eingangshalle voller junger Leute, die ihre Dokumente abholen wollen), die Kämmerei, wo 2 Mitarbeiter sich um die bescheidenen Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde kümmern und das „Büro Kommunal“, vergleichbar mit einer Stabsstelle für die politische Administration, Kreistagsbüro oder Oberbürgermeisterbüro. Dann natürlich noch die Hausverwaltung, die sich um den Garten, die Wasserversorgung und Reinigungsarbeiten kümmert.

Es gibt 1 Bürgermeister und 3 Stellvertreter, davon eine Frau. Im Gemeinderat sitzen 17 gewählte Ratsmitglieder, (davon 4 Frauen) die sich auf (mindestens) 7 Parteien verteilen – Koalitionen gibt es nur in Sachfragen, soviel habe ich bisher verstanden.

Ein Hauptanliegen ist es, für bestimmte Themen technische und finanzielle Unterstützung zu suchen und zu finden. So hat in den letzten beiden Jahren ein Pilotprojekt zum Umweltschutz in Kooperation mit GIZ und einer US-Organisation dazu beigetragen, das Stadtbild sauberer zu machen. Nun steht die Schaffung einer langfristigen Deponie an. Alle 3 – 4 Monate findet ein Stadtreingungstag statt, bei dem in Zusammenarbeit  mit den Bezirksvertretungen (8 Chefs de Quartier) der Müll eingesammelt und entsorgt wird. Zur Belohnung gibt es Limo für die, die mitmachen. In zwei Stadtteilen wurden nun auch Mülleimer verteilt, die gegen kleines Geld monatlich geleert werden.

Das ist schon ein großer Fortschritt, das normale „Entsorgungsverhalten“ ist eigentlich, den Müll über die Hausmauer zu werfen. Solange es kein Plastik gab und zum Teil auch in den Dörfern noch heute, war das relativ unproblematisch, die freilaufenden Nutztiere haben alles gefressen. Aber die schwarzen Plastiktüten und allerlei sonstiges Verpackungsmaterial ist dafür ungeeignet. Also fliegt das alles durch den Ort, wenn es, wie in den letzten beiden Tagen, sehr windig ist und ohnehin schon viel Staub und Dreck in der Luft ist. Ich habe mir nun ab Januar auch so einen Eimer bestellt.

Eine neu Idee ist es, die öffentlichen Brunnen in das Thema Umweltschutz mit einzubeziehen, es gibt derer 10 bis 12 und etliche von ihnen sind ebenerdig und offen. Da müssen Deckel drauf, denn es kann ein Kind oder ein Tier hineinfallen. Zu Beginn der Regenzeit werden jedes Jahr viele Menschen krank, weil sich das gute Brunnenwasser mit dem Regenwasser, das dann alles Mögliche enthält (eben auch Müll, Tierkot etc.) vermischt. Die meisten Haushalte erhalten ihr Wasser in Kanistern aus diesen Brunnen. Jeden Morgen und jeden Abend sind Kinder und Jugendliche mit Handwagen unterwegs, um das Wasser aus dem Brunnen zu holen und in die Haushalte zu liefern.

 

 Es ist diesmal schon sehr anders als vor 5 Jahren. Die wirtschaftliche Krise, die auch hier nicht spurlos vorbei geht, ist stark spürbar. Z. B. der Reispreis: 2008 lag der Preis noch bei 7.500 FCFA (ca 12 €), als ich im Januar 2011 hier war, habe ich für einige Leute Reis gekauft. Die 50 kg kosteten da 12.500 FCFA (ca 20 €), im Juli 2011 waren es schon 17.500 FCFA (ca. 20 €) und jetzt liegt der Preis bei 20.000 – 22.000 FCFA (ca 30 €).

Nicht dass in der Zeit die Einkommen (durchschnittlich etwa 30.000 FCFA, ca. 45 €) gestiegen wären, im Gegenteil. Etliche Projekte werden eingestellt oder personell heruntergefahren. Mit der kritischen Sicherheitslage bleiben nicht allein die Touristen weg, was für viele den Totalverlust ihrer Existenzgrundlage bedeutet, sondern auch europäische Projektpartner, die sonst regelmäßig zu Projektbesuchen kamen.

Jugendaustausch, auch ein wichtiges Instrument zum Kennenlernen anderer Lebensweisen, findet nicht mehr statt. Das waren ja nicht nur die Reisekosten, sondern auch die kleinen Cafes, Restaurants, Souvenirshops und Kunsthandwerker leben von diesen Gästen. Von Hotels, Campements und sonstigen Herbergen gar nicht zu sprechen. Die jungen Männer, die sich in den letzten Jahren als Guides (Fremdenführer) haben ausbilden lassen, z.T. viel in Sprachunterricht und „gute Manieren“ investiert haben – auch solche Schulungen gibt es nicht umsonst – hocken nun den ganzen Tag gegenüber vom Hotel la Falaise und trinken Tee, was sollen sie sonst tun?

Was den Reispreis betrifft, habe ich ein wenig im internet recherchiert und festgestellt, dass die weltweite Steigerung des Preises bei 42 % liegt. Das ist üppig, vor allem wenn man bedenkt, dass das ja gerade in den armen Ländern ein Grundnahrungsmittel ist.

Natürlich kann jeder hier verstehen, dass Eltern und LehrerInnen derzeit nicht mehr mit ihren Kindern und Schulklassen nach Mali reisen. Die Sicherheitslage ist insgesamt ein großes Thema geworden, denn auch die „kleinen Verbrechen“ werden häufiger. Hier in Bandiagara kriegt man die Kleinkriminellen (noch) schnell – die Leute haben sich im Blick.

Die Tage hat jemand versucht, auf offener Straße einen Mercedes zu stehlen. Der Besitzer war grad mal schnell was einkaufen, hatte – wie hier bisher üblich – die Tür offen und den Schlüssel stecken lassen. Der Dieb versuchte, ins Auto zu kommen und wegzufahren, wurde aber von Passanten, die ihn beobachteten, daran gehindert und vom Autobesitzer gleich persönlich zur Polizei gefahren … Das ist für hiesige Verhältnisse eine neue „Qualität, auch dass man überhaupt darüber spricht. Üblich ist dann auch oft, dass die Verbrecher von „auswärts“ kommen – nicht selten stimmt das sogar. Aus Burkina, aus Cote d’Ivor oder von noch weiter her.

Es ist förmlich spürbar, wie diese aus über 20 Ethnien bestehende Gesellschaft in Fremdenfeindlichkeit und Misstrauen abgleitet.

Der Zorn richtet sich auch gegen die Regierung, die aus Sicht der Bevölkerung sich zu wenig darum kümmert und zu wenig Mittel bereit stellt, um die Polizei adäquat auszustatten.