März 2012


Bandiagara

Inzwischen sind die Grenzen und der Flughafen in Bamako wieder offen, mein Ticket konnte ich nicht umbuchen, denn in Burkina gibt es ja kein Problem und dass Royal Air Maroc nicht für meine Anreise über Mali haftbar gemacht werden kann, leuchtet auch ein. Jetzt heißt es sparen auf ein neues Ticket und dann komme ich hoffentlich im Mai.

Hier haben sich die Meuterer (wie sie hier genannt werden) mehr oder weniger in Bamako eingerichtet, die meisten Fernsehsendungen von ihnen werden mit bitterem Gelächter der ZuschauerInnen honoriert.

Seit heute wird wieder gearbeitet, die Ausgangssperre ist aufgehoben und das „Komitee für Demokratie und zur Erneuerung des Staates“ wie sie sich nennen, hat eine hotline eingerichtet, damit die BürgerInnen ihre Güter und Autos zurück bekommen können. Die Handelskammer, die Vereinigung der Transporteure, eine Koalition aus 10 Parteien (es gibt derer 38), etliche zivilgesellschaftliche Organisationen haben im Land die Rückkehr zur Verfassungsmäßigen Ordnung gefordert.

Zum Glück wurden die Regierungstreuen Truppenteile angewiesen, nicht zu schiessen, so dass bisher ein Bürgerkrieg vermieden wurde. Die Bevölkerung hält sich auffällig zurück, ca. 1000 Menschen gingen gestern gegen die Meuterer auf die Straße.

Ist ja auch schwierig, in den zentralen Anliegen „Befriedung im Norden“, „Ende der Korruption“ und „demokratische Wahlen“ sind sich ja letztlich alle einig. Die Frage ist und bleibt, wie man da hin kommt

Von aussen hat die Afrikanische Union Mali ausgeschlossen, die EU sowie etliche westliche Geber ihre Unterstützung eingefroren und der UN Sicherheitsrat eine sofortige Beendigung des Putsches gefordert.

Aus den Nachbarländern sind Delegierte (die zu einem Treffen der AU am Freitag eingeflogen waren) in Mali geblieben und bieten sich als VermittlerInnen an.

Die Rebellen im Norden haben verlauten lassen, dass sie ggfs. verhandeln würden, dazu jedoch kompetente Gesprächspartner erwarten, was auf ihre Einschätzung der Meuterergruppe schließen lässt. Gleichwohl rücken sie nach Kidal vor, viel Wiederstand gibt es ja nicht mehr.

Insgesamt ist alles nach wie vor unübersichtlich. Ich danke allen, die uns geschrieben haben, es tut gut zu wissen, dass viele das Schicksal dieses armen Landes verfolgen und wir hoffen alle, dass ein (Aus)Weg für die Meuterer gefunden wird, der ihnen einen Rückzug ohne großen Gesichtsverlust ermöglicht.

Ich bin auch wieder ins Rathaus gegangen, es ist nur schwierig, denn wir wollten diese Woche stadtteilbezogene Bürgerversammlungen zum Umweltschutz machen – das ist nun unter den gegebenen Bedingungen keine wirklich gute Idee. So kann ich vielleicht damit anfangen, meinen Fortschrittsbericht zu schreiben, auch muss der neue Mittelabruf vorbereitet werden. Wir gehen hoffnungsfroh davon aus, dass ein Rathaus eher Bürger- als Staatsnah ist und dass ich weiter hier arbeiten kann.

Persönlich geht es mir gut, Hamidou ist an meiner Seite rührend besorgt um mich und hätte mich auf eine Art auch gerne außer Landes gesehen …. Aber das hätte mich dann auch wieder sehr beunruhigt, einfach meine Lieben hier verlassen, wenn es so brenzlig ist – so bin ich auf eine Art auch wieder froh, hier zu sein. Andererseits hätte ich gerne die Geburtstage meiner Mutter und meiner Freundinnen in Deutschland gefeiert. Ist nicht so leicht, so eine Planung einfach umgeworfen zu sehen. Aber die meisten Menschen hier haben viel größere, existenziellere Probleme, wir sind gesund und in Sicherheit, das ist das Wichtigste.

Gute Beiträge zum Thema Mali gibt es übrigens auf Tagesschau.de und bei der Deutschen Welle international.

C’est la vie.

Bandiagara

Nun, damit hatte niemand wirklich gerechnet, obwohl mich bei meinen Erlebnissen in Kati im Februar schon so eine Ahnung beschlich (ich mache schließlich seit 30 Jahren Politik) – aber gestern gab es nun einen Putsch von Subalternen Militärs, die sich als „Komitee für Demokratie und zur Renovierung des Staates“ bezeichnen. Sie haben den Verteidigungs- und den Innenminister und inzwischen auch etliche Minister festgesetzt, u.a. unseren Freund, der seit letztem Jahr Minister ist. Sie sind alle in einem Militärcamp eingeschlossen. Der Präsident hat sich angeblich in die amerikanische Botschaft geflüchtet.

Dann wurde heute eine Ausgangssperre verhängt und die Grenzen geschlossen. Das hat nun meine Freude darüber, einen Flug aus Ouagadougou in Burkina zu haben, sehr gedämpft. zu

Morgen soll es losgehen, der Flug ist am Samstag morgen um 2.00h. Hamidou und 3 Freunde sowie ein malischer Geschäftsmann mit seiner Equipe würden mich begleiten, für den Grenzübergang haben wir uns ein „laissez passe“ besorgt, die Grenze ist ja nicht mal 100km entfernt – allein, es fehlt das d’accord der GIZ. Meine Familie ist entsetzt, wähnten sie mich doch schon fast außer Landes.

Hier in Bandiagara selbst ist es ruhig, die Menschen sind sehr besorgt, sie haben vor allem Angst, nun von der internationalen Gemeinschaft mit der anstehenden Hungersnot, dem Krieg im Norden und all den anderen Problemen allein gelassen zu werden. Bis Dienstag herrscht nachts Ausgangssperre, dann sollen auch alle wieder zur Arbeit erscheinen.

Rückhalt in Bevölkerung gibt es für die Putschisten kaum, viele sagen, dass der Präsident ATT viele Fehler gemacht hat, aber da doch in 5 Wochen Wahlen anstehen, ist diese Aktion absolut überflüssig. Er hat schon vor langem klar gesagt, dass er nicht an der Macht klebt, so wie es sonst oft üblich ist.

Das Hauptproblem dürften in Bamako „Trittbrettfahrer“ sein, also Leute, die – ähnlich wie in London im Herbst letzten Jahres – eine instabile Situation nutzen, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Die „Rebellen“ im Norden haben schon damit angefangen – sie erklärten, dass die neue Lage ihnen die Chance biete „Terrain zu gewinnen“.

Nun ja, ich bin verpflichtet, der GIZ Anordnung Folge zu leisten und wohl erstmal hier zu bleiben – hoffen wir für das Land, dass sich die Lage bald wieder beruhigt.