August 2012


Bamako

Schließlich war der Abschied, vor allem von meinen Eltern, Andrea und Sebastian sowie engen FreundInnen nicht leicht. Wir haben aber ja die Erfahrung, dass ich immer wieder zurück komme und es ist auch klar, dass ich die jetzige Chance nutzen muss. Susanne brachte mich nach Brüssel  (Danke nochmal dafür!), denn ich habe doch einiges an Gepäck, vor allem Geschenke und Mitbringsel – ich selbst habe ja meinen Haushalt in Mali auf Dauer angelegt, was mir beim Umzug wohltuend auffiel, denn ich habe einfach nicht mehr so viele Sachen, an die ich mein Wohlbefinden hänge. Je weniger, umso besser, es schafft Raum für andere Ebenen, die durch zu viele Sachen verschüttet werden – ich bin jedenfalls froh, wenn ich mit einer kleinen Tasche unterwegs bin und darauf setzen kann, dass der Rest sich schon finden wird …

Am Flughafen in Bamako angekommen, fällt mir durch die Luft auf, dass jetzt Regenzeit ist, daran hatte ich gar nicht gedacht, ich bin ja in glühender Hitze ausgereist – warm ist es noch immer, so um die 30 Grad, es ist 1.00 h morgens Ortszeit und es riecht nach Wüste und Wasser und Großstadt und Flughafen.

Bei der Passkontrolle geht es sehr schnell, das Gepäck lässt auf sich warten. Ein junger Gepäckträger bietet mir höflich seine Dienste an, was ich gerne an nehme. Während wir warten, erklärt er mir die politische Lage in Mali aus seiner Sicht. Er ist offenbar gut auf dem laufenden. Ich bin allerdings auch sehr müde und froh, als mein Gepäck kommt. Er meint noch, dass ich doch bestimmt hier arbeiten würde – bin schließlich die einzige Weißnase und übe mich in Geduld. Modibo, der Mann meiner Freundin Anne holt mich am Flughafen ab und ich habe hier erst mal ihr Gästezimmer.

Dann habe ich wieder Glück und kann übermorgen in ein leerstehendes, aber voll eingerichtetes Haus in der Nähe des GIZ Büros und der deutschen Botschaft weiter ziehen. Also erst mal nur putzen.

Remscheid

Ein Dank an meinen lieben FreundInnenkreis, an meine Schwester und meinen Neffen Sebastian – so ein schönes Fest – trotz malischen Wetters (es herrschten in Remscheid 42 Grad!) haben so viele die Reise ins Bergische Land gemacht, um an der bergischen Kaffeetafel zu sitzen.

Mit diesen lieben Wünschen ausgestattet, kann ich wirklich gut nach Mali zurückkehren. Euphorisch bin ich dabei nicht. Befürchte ich doch sehr, das Land, das ich kenne, nicht mehr so vorzufinden, wie ich es kenne. Vor meinem inneren Auge sehe ich Militärkontrollen an jeder Kreuzung in Bamako und Banditen hinter jeder Ecke – allein aufs Wiedersehen mit Hamidou freue ich mich wirklich. Klar ist, dass ich vorläufig nicht nach Bandiagara zurück kann. Es ist nach wie vor „Rote Zone“.

Hamidou berichtet, dass ca. 200 malische Soldaten die Stadt schützen sollen, 20 von ihnen machen regelmäßig ihre Mittagspause in unserem Hof – der Posten ist direkt hinter unserem Haus. Wohl mit das best bewachteste Haus in der Gegend – zugleich aber womöglich auch ein gutes Ziel, denn es liegt an der Straße nach Borko, von wo – mit deutscher Entwicklungshilfe – eine gute Piste nach Douentza führt, von wo es nach Gao geht, immerhin bis dahin sind es über 500 km. …

Remscheid

Der Umzug ist gut überstanden, es sieht jetzt hier in Remscheid aus wie chez moi – und meine Eltern bekommen neue Möbel, die besser in die Wohnung in Erkrath passen. Noch ein paar Tage müssen sie aus Kisten leben, dann ist auch das überstanden.

Langsam habe ich mich auch in Remscheid ein wenig eingelebt. Das Gästezimmer ist fertig eingerichtet und erste Gäste waren schon da. Es fehlt mir aber das lebhafte multikulti-Umfeld Erkrath Hochdahl, das meine Eltern jetzt genießen können, wobei das meinem Vater nicht so ganz leicht fällt. Auch vermisse ich die Nähe zu meinen FreundInnen, die ja überwiegend dort wohnen.

Auf den offenen Brief vom Maligruppentreffen haben wir wohl formulierte und wohlmeinende Antworten des Auswärtigen Amtes und des Entwicklungsministeriums erhalten. Ein Container von Aktion pro Afrika konnte unabhängig davon gar auf den Weg gebracht werden, was unsere Hoffnung bestärkt, dass sich das BMZ nicht aus der Hilfe für Mali zurück ziehen wird.

In Mali ist nichts besser geworden. Die Banditen im Norden führen die Sharia ein, es gibt öffentliche Steinigungen, Dieben soll die Hand abgehackt werden (was in Gao durch den Protest der Bevölkerung zunächst in einem Fall verhindert werden konnte, man suchte sich dann einen weniger bekannten Ort, um die Amputation zu machen) und Jugendlichen werden Musik und Tanz verboten. Besonderes Aufsehen erregten in unseren Breitengraden die Übergriffe auf das Weltkulturerbe in Timbouctou. Aber auch Berichte des roten Kreuzes über die inzwischen über 320.000 Flüchtlinge waren zu lesen und zu sehen.

Ich bin da ja zwiespältig: einerseits möchte ich, dass die Situation in Mali Aufmerksamkeit erfährt, andererseits möchte ich meine Lieben in Familie und Freundeskreis nicht beunruhigen.

Für mich wird immer klarer, dass ich bald wieder zurück muss und will, ich habe das Gefühl, was ich hier zu tun hatte, ist für diese Zeit jetzt getan. Ich möchte Hamidou wieder sehen und schauen, ob und was ich in Mali Nützliches beitragen kann.