Remscheid

Eigentlich hatte ich für gestern einen Flug nach Bamako, mit einer Sondergenehmigung zur Rückkehr aus persönlichen Gründen. Aber dann hatte ich Hamidou am Telefon, der mich bat zunächst in Europa zu bleiben – und dann war am Mittwoch der malische Interrimspräsident in Bamako tätlich angegriffen worden und der Flughafen mal wieder geschlossen.

Meine Eltern sind sehr froh, dass ich hier bin und so kümmere ich mich um ihre alte Wohnung und habe jetzt beschlossen, unseren Umzug, den wir ja im November letzten Jahres begonnen haben, zu Ende zu bringen.

Remscheid

Seit fast 4 Wochen bin ich nun schon wieder in Deutschland, ich kann es irgendwie immer noch nicht fassen, dass Mali in eine solche Krise stürzen konnte. Hätte mir das jemand vor einem Jahr gesagt, ich hätte lauthals gelacht. Aber es ist gar nicht komisch. Ich mache mir große Sorgen um Hamidou, der offenbar schwer erkrankt ist – am Telefon konnte er praktisch nicht sprechen und die Ärztin nahm es dann und sagte immer nur, ich solle mich nicht aufregen und er sich schon mal gar nicht und ich solle morgen noch mal anrufen.

Remscheid

Nun bin ich in der  halbeingerichteten Wohnung meiner Eltern in Remscheid – unser Umzug im Herbst letzten Jahres war ja nur ein Teilumzug.

Es heißt, wir können womöglich Ende des Monats zurück, d.h. es lohnt sich nicht wirklich etwas Konkretes anzufangen. Ich habe mir einen Vodafone stick für den Internet Zugang geholt – einen Vertrag abzuschließen lohnt ja irgendwie auch nicht, wenn ich nicht weiß, wie lange ich ihn nutzen kann.

Sehr schön sind die Besuche bei FreundInnen und KollegInnen, hilft mir sehr zu verarbeiten, was da eigentlich Ende März in Bandiagara passiert ist.

Remscheid

Das ging nun alles sehr schnell, am Montag habe ich das Ticket gekauft, um Mitternacht saß ich im Flieger, 6 Stunden in Casablanca, dann Brüssel, dann Köln, dann Haan, wo mich gute Freunde liebevoll aufgenommen und mit einem tollen Abendessen verwöhnt haben. Und jetzt sitze ich hier in Remscheid. Das Wiedersehen mit Eltern, Familie und Freunden ist natürlich wunderbar, aber die Sorge, wie es weiter gehen soll, treibt mich schon um.

Am Freitag waren wir bei der Beisetzungsfeier für die Mutter unserer Bürgermeisterin, Mme Guindo, ich bin eh schon gebeutelt, denn Hamidou hat auch den Verlust von 2 guten Freunden zu verkraften, da waren wir Donnerstag für die Kondolenz – nun mich ereilte dann der Anruf der GIZ, dass ich am Samstag (also gestern) nach Bamako zu fahren habe. Ich versuche noch zu verhandeln, dass ich ja jederzeit über Ouagadou ausreisen kann, bis uns auffällt, dass jetzt die Nachbarn, also Burkina Faso auch, die Grenzen geschlossen haben. Außerdem haben wir keine Visa für Burkina und ich also keine Wahl, als mit meinen KollegInnen nach Bamako zu reisen. Packen war nun für mich keine Aufgabe, wollte ich ja letzte Woche noch nach Europa in Urlaub fliegen. Also ein trauriger und überstürzter Abschied im Rathaus (die meisten KollegInnen sind noch beim Kondolenzbesuch der Bürgermeisterin), wo ich versichere, in Kürze zurück zu sein. Und natürlich von Hamidou und der Familie, es ist klar, dass er hier bleibt, er kann nicht alle und alles im Stich lassen, wir glauben ja auch, dass ich bald zurück bin. Fällt mir nicht leicht, aber ich muss ja am Samstag morgen erstmal die 800 km nach Bamako fahren, da ist nicht viel Zeit für Abschiedsschmerz. Natürlich habe ich dann auch prompt noch eine Reifenpanne, bin froh, dass wir mit 2 Autos unterwegs sind und dass Angelika und Horst mir helfen den Reifen zu wechseln. Nun bin ich in Bamako und überlege, was zu tun ist. Seitens der GIZ habe ich gehört, dass wir womöglich in eines der Nachbarländer ausfliegen, dazu habe ich gar keine Lust und ein Telefonat mit Hamidou hat mich in der Entscheidung bestärkt, sofort nach Deutschland zu fliegen. Wenn ich schon nicht hier bei meinem Liebsten, der Familie und bei meiner Arbeit sein kann, dann will ich wenigstens in Deutschland bei meinen Leuten sein. Mal sehen, ob ich das noch hinkriege, habe ja das meiste Geld in Bandiagara gelassen. Typisch Deutsch, beim ersten Anzeichen von Bankenschließung habe ich die Konten geräumt.

Bandiagara

Inzwischen sind die Grenzen und der Flughafen in Bamako wieder offen, mein Ticket konnte ich nicht umbuchen, denn in Burkina gibt es ja kein Problem und dass Royal Air Maroc nicht für meine Anreise über Mali haftbar gemacht werden kann, leuchtet auch ein. Jetzt heißt es sparen auf ein neues Ticket und dann komme ich hoffentlich im Mai.

Hier haben sich die Meuterer (wie sie hier genannt werden) mehr oder weniger in Bamako eingerichtet, die meisten Fernsehsendungen von ihnen werden mit bitterem Gelächter der ZuschauerInnen honoriert.

Seit heute wird wieder gearbeitet, die Ausgangssperre ist aufgehoben und das „Komitee für Demokratie und zur Erneuerung des Staates“ wie sie sich nennen, hat eine hotline eingerichtet, damit die BürgerInnen ihre Güter und Autos zurück bekommen können. Die Handelskammer, die Vereinigung der Transporteure, eine Koalition aus 10 Parteien (es gibt derer 38), etliche zivilgesellschaftliche Organisationen haben im Land die Rückkehr zur Verfassungsmäßigen Ordnung gefordert.

Zum Glück wurden die Regierungstreuen Truppenteile angewiesen, nicht zu schiessen, so dass bisher ein Bürgerkrieg vermieden wurde. Die Bevölkerung hält sich auffällig zurück, ca. 1000 Menschen gingen gestern gegen die Meuterer auf die Straße.

Ist ja auch schwierig, in den zentralen Anliegen „Befriedung im Norden“, „Ende der Korruption“ und „demokratische Wahlen“ sind sich ja letztlich alle einig. Die Frage ist und bleibt, wie man da hin kommt

Von aussen hat die Afrikanische Union Mali ausgeschlossen, die EU sowie etliche westliche Geber ihre Unterstützung eingefroren und der UN Sicherheitsrat eine sofortige Beendigung des Putsches gefordert.

Aus den Nachbarländern sind Delegierte (die zu einem Treffen der AU am Freitag eingeflogen waren) in Mali geblieben und bieten sich als VermittlerInnen an.

Die Rebellen im Norden haben verlauten lassen, dass sie ggfs. verhandeln würden, dazu jedoch kompetente Gesprächspartner erwarten, was auf ihre Einschätzung der Meuterergruppe schließen lässt. Gleichwohl rücken sie nach Kidal vor, viel Wiederstand gibt es ja nicht mehr.

Insgesamt ist alles nach wie vor unübersichtlich. Ich danke allen, die uns geschrieben haben, es tut gut zu wissen, dass viele das Schicksal dieses armen Landes verfolgen und wir hoffen alle, dass ein (Aus)Weg für die Meuterer gefunden wird, der ihnen einen Rückzug ohne großen Gesichtsverlust ermöglicht.

Ich bin auch wieder ins Rathaus gegangen, es ist nur schwierig, denn wir wollten diese Woche stadtteilbezogene Bürgerversammlungen zum Umweltschutz machen – das ist nun unter den gegebenen Bedingungen keine wirklich gute Idee. So kann ich vielleicht damit anfangen, meinen Fortschrittsbericht zu schreiben, auch muss der neue Mittelabruf vorbereitet werden. Wir gehen hoffnungsfroh davon aus, dass ein Rathaus eher Bürger- als Staatsnah ist und dass ich weiter hier arbeiten kann.

Persönlich geht es mir gut, Hamidou ist an meiner Seite rührend besorgt um mich und hätte mich auf eine Art auch gerne außer Landes gesehen …. Aber das hätte mich dann auch wieder sehr beunruhigt, einfach meine Lieben hier verlassen, wenn es so brenzlig ist – so bin ich auf eine Art auch wieder froh, hier zu sein. Andererseits hätte ich gerne die Geburtstage meiner Mutter und meiner Freundinnen in Deutschland gefeiert. Ist nicht so leicht, so eine Planung einfach umgeworfen zu sehen. Aber die meisten Menschen hier haben viel größere, existenziellere Probleme, wir sind gesund und in Sicherheit, das ist das Wichtigste.

Gute Beiträge zum Thema Mali gibt es übrigens auf Tagesschau.de und bei der Deutschen Welle international.

C’est la vie.

Bandiagara

Nun, damit hatte niemand wirklich gerechnet, obwohl mich bei meinen Erlebnissen in Kati im Februar schon so eine Ahnung beschlich (ich mache schließlich seit 30 Jahren Politik) – aber gestern gab es nun einen Putsch von Subalternen Militärs, die sich als „Komitee für Demokratie und zur Renovierung des Staates“ bezeichnen. Sie haben den Verteidigungs- und den Innenminister und inzwischen auch etliche Minister festgesetzt, u.a. unseren Freund, der seit letztem Jahr Minister ist. Sie sind alle in einem Militärcamp eingeschlossen. Der Präsident hat sich angeblich in die amerikanische Botschaft geflüchtet.

Dann wurde heute eine Ausgangssperre verhängt und die Grenzen geschlossen. Das hat nun meine Freude darüber, einen Flug aus Ouagadougou in Burkina zu haben, sehr gedämpft. zu

Morgen soll es losgehen, der Flug ist am Samstag morgen um 2.00h. Hamidou und 3 Freunde sowie ein malischer Geschäftsmann mit seiner Equipe würden mich begleiten, für den Grenzübergang haben wir uns ein „laissez passe“ besorgt, die Grenze ist ja nicht mal 100km entfernt – allein, es fehlt das d’accord der GIZ. Meine Familie ist entsetzt, wähnten sie mich doch schon fast außer Landes.

Hier in Bandiagara selbst ist es ruhig, die Menschen sind sehr besorgt, sie haben vor allem Angst, nun von der internationalen Gemeinschaft mit der anstehenden Hungersnot, dem Krieg im Norden und all den anderen Problemen allein gelassen zu werden. Bis Dienstag herrscht nachts Ausgangssperre, dann sollen auch alle wieder zur Arbeit erscheinen.

Rückhalt in Bevölkerung gibt es für die Putschisten kaum, viele sagen, dass der Präsident ATT viele Fehler gemacht hat, aber da doch in 5 Wochen Wahlen anstehen, ist diese Aktion absolut überflüssig. Er hat schon vor langem klar gesagt, dass er nicht an der Macht klebt, so wie es sonst oft üblich ist.

Das Hauptproblem dürften in Bamako „Trittbrettfahrer“ sein, also Leute, die – ähnlich wie in London im Herbst letzten Jahres – eine instabile Situation nutzen, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Die „Rebellen“ im Norden haben schon damit angefangen – sie erklärten, dass die neue Lage ihnen die Chance biete „Terrain zu gewinnen“.

Nun ja, ich bin verpflichtet, der GIZ Anordnung Folge zu leisten und wohl erstmal hier zu bleiben – hoffen wir für das Land, dass sich die Lage bald wieder beruhigt.

Über Hamidou – der auch sehr froh ist, dass ich zurück bin – und meine Kollegen im Rathaus erfahre ich, was gestern sonst noch war:

Der Präsident hat eine Delegation der Frauen empfangen und man ist über ein gekommen, gemeinsam zur Beruhigung im Land beizutragen. Daher rufen die Frauen über Radio und Fernsehen dazu auf, Ruhe zu bewahren und auf keinen Fall Feindseligkeiten gegen einzelne Ethnien (insbesondere aus dem Norden) zu dulden (Offensichtlich hat man aus dem Völkermord in Ruanda und anderswo und der Rolle des Radios dabei gelernt).

Die Frauen wollen allerdings heute wieder (mit einer kleinen Gruppe) beim Präsidenten vorstellig werden, um ihn an seine Zusagen, Sicherheit und Ruhe im Land wieder herzustellen, zu erinnern.

Der Praesident seinerseits hat den Verteidigungsminister (jetzt ein General) gegen den Innenminister (jetzt ein Zivilist) ausgetauscht, wohl in der Hoffnung, dass die ministeriellen Weisungen dann qualifizierter sind bzw. auch beachtet werden.

Mit den Dachverbaenden der Moscheen und Kirchen wurde vereinbart, dass beim heutigen Freitagsgebet und am Sonntag in den Messen zu Ruhe und Besonnenheit aufgerufen werden soll.

Wir koennen nur hoffen, dass diesen Rufen gefolgt wird.

Die Fahrt von Bamako nach Bandiagara ist gut verlaufen, auch wenn wir in Segou beim Rausfahren aus der Stadt in eine erneute Manifestation „geraten“. Wir fahren rechts ran und lassen die Menschen an uns vorüberziehen. Keiner interessiert sich groß für uns. Die Stimmung ist aufgeheizt, aber weniger aggressiv als in Kati.

Es sind vor allem Frauen und Kinder auf der Strasse. Sie rufen „ATT es reicht“, „Schützt unser Land“ und „Wie wollen Frieden“ – ich habe ja meinen Kollegen Camara dabei, der aussteigt und mit den Leuten spricht. Ich mache ein paar Fotos und achte darauf, dass keine Personen klar erkennbar sind.

Die Neuigkeiten aus Bamako sind beunruhigend: In Kati wurden Tuareg Familien bedroht, eine Tankstelle in Brand gesetzt und erneut ein Marsch auf den Praesidentenpalast organisiert. In Bamako selbst gab es groessere Demonstrationen, die mit Plünderungen von lybischen und Tuareg Geschaeften endeten – eine Mischung aus politisch motivierter Zerstörungswut und bereicherungswilligem Banditentum hielt die Stadt bis in den Abend hinein in Atem. Ich bin heilfroh, dass ich zurück in Bandiagara bin. Hier sind die Menschen zwar auch besorgt, aber es ist ruhig.

Es gibt nun doch noch eine Menge Dinge in Bamako zu regeln und zu besorgen, also beschliessen wir gegen 11.00 h in die Stadt zu fahren – weit kommen wir allerdings nicht.

Schon am Kreisverkehr am Ortseingang liegen die „obligatorischen“ Steine herum und unser Ausweichmannoever Richtung freies Gelaende endet gegenueber einigen erbosten Frauen, die deutlich signalisieren, dass sie gewillt sind, die Steine in ihren Haenden auf unser Auto zu werfen.

Ein Mann, der franzoesisch spricht, uebersetzt uns, was die Frauen wollen: der Praesident soll die Frauen empfangen und ihre Maenner im Norden ermaechtigen, sich gegen die Rebellen und Banditen dort zu verteidigen. Wir wollen unsere Einkaeufe nach Kati verlegen, aber am Ortseingang verlassen gerade die Jugendlichen erbost das Gymnasium und beginnen, vor unserem Wagen eine Steinbarrikade zu bauen – energetisch deutlich eine andere Nummer als wir das aus Deutschland kennen.

Zwei aeltere Herren kommen zu unserem Wagen und bitten uns eindringlich, nach Hause zu fahren und dort zu bleiben, was wir dann auch tun. Dort gibt es ein gutes Mittagessen und nicht zuletzt eine hervorragende internet Verbindung (Kati ist d e r Militaerstandort in Mali) – so dass wir „auf dem Laufenden bleiben“ und zB die mail der deutschen Botschaft mit den Hinweisen auf Umsicht und Vorsicht sofort bekommen.

Nachmittags ruft Bathily an, um uns zu sagen, dass die Strasse wieder frei ist und sich die Lage beruhigt hat. In Bamako hat der Optiker die reparierte Brille fuer Hamidou im Buero von Bathily abgeben, so dass ich nicht noch mal ins Stadtzentrum muss, was mir sehr entgegen kommt, denn ich moechte noch in Badalabougou einkaufen und dann zu einer anderen Freundin rausfahren. Sie wohnt nahe dem Tour d’afrique, also bin ich morgen frueh fuer die Rueckfahrt nach Bandiagara schon fast aus der Stadt raus.

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